FrontKolumnenEin Bundesrat philosophiert

Ein Bundesrat philosophiert

In einem Interview* nimmt Bundesrat Ueli Maurer Stellung zur Pandemie. Die folgenden Sätze beziehen sich auf Covid-19 Erkrankungen: «Wenn Sie sterben, sterben Sie; wenn Sie gesund bleiben, bleiben Sie gesund, und wenn Sie jemand anstecken, ist das Ihre Verantwortung.» Schliesslich: «In einer freiheitlichen Gesellschaft hat jeder das Recht, sich selber zu verwirklichen.» Wir wissen, dass philosophische Thesen oder Behauptungen schwierig zu interpretieren sind, weil sie vielseitig ausgelegt werden können. Die bundesrätlichen Thesen können aber leicht gedeutet werden.

Erstens: Bundesrat Maurer spricht die Menschen direkt an: «Wenn Sie sterben, sterben Sie.» «Sterben Sie» bedeutet bei diesem Tonfall, nehmen Sie den Tod ohne Jammern an. Sie haben sich bewusst dem Risiko ausgesetzt. Seit bald zwei Jahren wird in allen Medien von der Gefährlichkeit des Virus berichtet und dargestellt, wie man sich verhalten soll. Dabei hat sich herausgestellt, dass eine Impfung schützt, zumindest weitgehend den möglichen Tod verhindert. Werden Sie also angesteckt, nehmen Sie den Tod fröhlichen Herzens an. Eine Ausrede, man habe von der Gefahr zu wenig gewusst, zählt nicht, denn Informationen sind auch in einer Pandemie eine Holschuld.

Zweitens: «Wenn Sie gesund sind, bleiben Sie gesund» besagt, unternehmen sie alles, damit sie nicht angesteckt werden. Was aber bedeutet dies? Nicht behaupten, dass die Impfung nichts nützt und die Regeln der Verhütung unangebracht sind. Die Impfstoffe haben in der überwiegenden Mehrheit weltweit die Probe bestanden. Sie garantieren einen Schutz von über achtzig Prozent. Sorgen Sie also für Ihre Gesundheit, indem ist die Empfehlungen der Ärzte freiwillig annehmen, dann kommen Sie auch nicht auf die Idee zu sagen, der Bundesrat raube Ihnen die Freiheit. Leider muss der Leser selber zu dieser Schlussfolgerung kommen.

Drittens: Es wird noch heikler: «Wenn Sie jemand anstecken, ist das Ihre Verantwortung.» Der Satz erwähnt nicht, worin die Verantwortung genau besteht. Oft wird bei einem Versagen sowohl in der Politik, als auch in der Wirtschaft leichtfüssig gesagt: «Ich übernehme die Verantwortung.» Meistens hat dies keine materiellen Konsequenzen. Wir wissen durch neueste Informationen, dass die Pflege und Heilung eines schweren Covid-Falles rund 100’000 Franken kosten. Wer übernimmt die Verantwortung, dass das behandelnde Spital bezahlt wird? In der Konsequenz von Maurers Satz müsste dies der Verursacher tun. Stattdessen übernehmen Krankenkassen die Kosten, also im Grunde die Versicherten mit ihren Prämien. Was ist demnach der Hinweis auf die Verantwortung wert? Materiell natürlich nichts. Und so bleibt er ein blosses Gerede.

Viertens wagt sich der Bundesrat noch auf ein weiteres Glatteis, wenn er behauptet, jeder und jede habe das Recht, sich selbst zu verwirklichen. Was aber sind die Voraussetzungen für die Selbstverwirklichung? Darüber sind ausführliche Bücher geschrieben worden. Jede Selbstverwirklichung** setzt materielle und soziale Sicherheit voraus. Der sich selbstverwirklichende Mensch muss Garantien besitzen, dass er nicht bedroht ist. Zu einem zentralen Fundament zählt die Gesundheit. Das schliesst nicht aus, dass Menschen mit gesundheitlichen Schwierigkeiten oder angeborenen Krankheiten nicht auch ein gutes Leben gestalten können. Bezogen auf Covid-19 und neusten Varianten geht es um jene Sicherheit, die die vorgegebenen Regeln geben, um sich so selbst vor der Ansteckung zu schützen. Selbstverwirklichung aber gibt es nur in einer sozialen Gemeinschaft. Keiner kann sich aus sich selbst verwirklichen.

Es wird also klar, dass die bundesrätlichen Behauptungen das grosse existenzielle Feld von Leben, Freiheit und Tod berühren. Die Thesen sollten zu Ende gedacht werden. Covid-19 ist keine private Angelegenheit, sondern diejenige des Staates und aller Menschen einer Gesellschaft.

* Interview im Tages-Anzeiger,  im Internet abrufbar

** Siehe Maslowsche Bedürfnispyramide. Internet

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