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Aus dem Koma erwachen

Was bei einem Kriegstrauma Liebe und Fantasie bewirken, schildert der Dokumentarfilm «Réveil sur Mars» der schweizerisch-albanische Cineastin Dea Gjinovci in einem poetischen und gleichzeitig kritischen Filmmärchen.

«Réveil sur Mars» nimmt uns mit auf eine Reise an die Peripherie Schwedens, ins Städtchen Horndal, die Wohnung der Flüchtlingsfamilie Demiris, ins Zimmer der Schwestern Ibadeta und Djeneta, die seit über drei Jahren dem Leben entrückt in einer Art Koma schlafen. Im Alltag umsorgt und begleitet von Mutter Nurje und Vater Muharrem und den Brüdern Furkan und Resul, wartet die Familie auf eine bessere Zukunft. Bekommt sie bald eine Aufenthaltsbewilligung? Oder ist das Raumschiff vorher fertig, mit dem die astronomiebegeisterten Jungen sie zum Mars ausfliegen wollen?

Vor mehr als drei Jahren fielen die zwei Schwestern, Angehörige einer Roma-Minderheit im Kosovo, nach einem traumatischen Erlebnis in einen Dornröschenschlaf, als Opfer des Resignationssyndroms, wie die Krankheit heute heisst – was doch so etwas wie Resignation vor dem Leben bedeutet. Ihre Körper haben auf geheimnisvolle Art aufgehört zu funktionieren. Die schlafenden 15- und 16-Jährigen waren in ihrer Heimat für die Familie ein Rätsel; in Schweden machen ihnen eine Ärztin und eine Lehrerin Hoffnung auf eine mögliche Heilung. Unter diesen Umständen versucht die Familie, weit weg von ihrem Heimatland, ein normales Leben zu führen.

Mutter Nurje mit einer ihrer Töchter

Kommentar der Regisseurin

Im «New Yorker» vom 3. April 2017 stiess ich auf Rachel Avivs Artikel «The Trauma of Facing Deportation». In den ersten Zeilen tauchte ich in die Beschreibung des Lebens der Kinder ein, die eine verheerende, mysteriösen Krankheit, das Resignationssyndrom, hatten. Seit 2000 gibt es in Schweden etwa 200 junge Menschen, die jährlich Opfer dieser Krankheit werden. Der Verlust des Lebenswillens treibt diese Kinder in einen Zustand tiefer Apathie. Ein Zustand der Erstarrung, in dem sie nicht mehr in der Lage sind, sich ohne die Hilfe anderer Menschen zu bewegen oder zu ernähren. Ein starkes Bild, das in mir viele Fragen aufgeworfen und den Wunsch geweckt hat, dieses einzigartige und komplexe Thema in einen Dokumentarfilm zu behandeln.

Nach der Lektüre des Artikels wurde mir klar, dass ich nicht den politischen Aspekt des Phänomens hervorheben will, sondern den psychologischen, den Zustand, dessen Auswirkungen Kinder, ihre Angehörigen und auch Ärzte, die täglich damit konfrontiert sind, betreffen. Im August 2017 nahm ich Kontakt auf mit Elisabeth Hultcrantz, einer Ärztin, die viele betroffene Flüchtlingsfamilien in Schweden kannte. Sie stellte mir mehrere Familien vor, darunter auch jene von Ibadeta und Djeneta Demiri, Roma aus dem Kosovo, die aufgrund der Verfolgung ihrer Gemeinde fliehen mussten. Diese Treffen erzeugten eine starke Resonanz bei meiner eigenen Familie, die während des Krieges dezimiert wurde. Ich hatte die Möglichkeit, eine enge Beziehung zur Familie Demiri aufzubauen, da wir die Sprache und Kultur teilen. Unsere gemeinsamen Erinnerungen ermöglichten es, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Mein Ziel war es, alle Aspekte ihres täglichen Lebens festzuhalten: ihre Asylanträge, Besuche im Krankenhaus, die Schulausbildung der Jungen, ihre Privatsphäre zu Hause. Der Film ist aber gleichzeitig von einer traumhaften Dimension geprägt, in die sich der kleine Furkan hineingesteigert hat, ein Raumschiff zu bauen, mit dem er seine Schwestern zum Mars bringen will. Der Dokumentarfilm erzählt von einer Flüchtlingskrise als Familientragödie.

Mit diesem Raumschiff soll es zum Mars gehen

Momente von Nachhaltigkeit

«Réveil sur Mars» ist ein modernes Märchen und gleichzeitig eine kritische Analyse. Der Film lässt uns in einen Zustand des Dazwischen eintauchen: als Dokumentarfilm im Umfeld des Kroatienkrieges und als Märchenfilm im Medizinbereich. Das Publikum pendelt folglich zwischen Fiction und Non-Fiction. Und dabei gibt es Momente, die nachhaltig berühren, aufhorchen und nachsinnen lassen. Denn sie erheben das schlichte Märchen zu einem sinnstiftenden Gleichnis.

Über lange Zeit verweilt der Film auf den Gesichtern der schlafenden Mädchen, gestreichelt von ihrer Mutter, versorgt von ihrem Vater: in eindrücklichen Bildern elterlicher Zuneigung und Liebe. Immer wieder ist mir dabei das Wort «Human Being» eingefallen, also das Menschenleben, das Leben des Menschen, das von den Menschenrechten verbindlich geschützt wird und in der Menschenwürde seine Tiefe erhält. Das Liebkosen der Mutter versucht, Leben zu wecken, aus ihren Töchtern heraus zu streicheln, wider alle menschliche Sicherheit, lediglich auf einer medizinischen These fussend.

Weitere Momente in diesem ruhig dahinfliessenden Film, die verweilen und nachdenken lassen, bieten uns das Spiel und die Arbeit der beiden Buben, kindlich spontan auf der trivialen Science Fiction basiert. Unaufgeregt, aber dennoch zielführend, arbeiten und experimentieren die beiden auf einem Autofriedhof am Bau ihres Raumschiffes, mit dem sie einmal die ganze Familie auf den Mars befördern wollen: in eine glückliche, erträumte Welt. Die jugendliche Fantasie steht, so kann man es deuten, für «Das Prinzip Hoffnung», erzählt in einem poetischen Märchen.

Die Filmemacherin Dea Gjinovci

Dea Gjinovci, 1993 geboren, eine schweizerisch-albanische Dokumentarfilmerin, mit Ausbildung in Wirtschaft und Anthropologie, lebt in Paris, London und Genf. Sie ist Absolventin des Sundance Talent Forum 2019 und Film Independent Fellow 2019. Ihr preisgekrönter Dokumentarkurzfilm «Sans le Kosovo» lief auf vielen internationalen Festivals und gewann den Preis als «Bester nationaler Film» beim Dokufest International Film Festival sowie Preise beim Global Migration Film Festival und beim Festival Cine Zaragoza 2017. Ihr erster Langfilm «Réveil sur Mars» wurde vom Sundance Film Institute unterstützt und gewann den Pitch-Preis «Perspectives d’un doc» bei Visions du Réel 2018. Aus der Laudatio zum Film: Dea Gjinovcis Regiearbeit wurde als «reine Verkörperung der menschlichen Würde» mit einem Sinn für «Schönheit, Poesie, Sensibilität und Wunder» beschrieben.

Im Kontakt mit dem Mars

Was ist das Resignationssyndrom?

Das Resignationssyndrom wurde erstmals Ende der 1990er Jahre in schwedischen Kliniken festgestellt. Im Jahr 2005 publizierte ein Kinderpsychologe in einem medizinischen Artikel in «Acta Paediatrica», dass einige hundert Kinder aus traumatisierten Asylbewerberfamilien in Schweden einen schweren Verlust an geistigen und körperlichen Funktionen entwickelt hatten, ohne dass Hinweise auf eine Grunderkrankung vorlagen. Im Jahr 2013 gab das schwedische Gesundheits- und Wohlfahrtsamt dem Resignationssyndrom die Diagnose-Codes F 32.3 und Z 65.8. In den letzten zwei Jahren wurden 169 Fälle bekannt, die von der Organisation Ärzte der Welt in Schweden identifiziert wurden.

Die Mediziner, die Kinder mit Resignationssyndrom behandeln, glauben, dass ein Trauma ein Schlüsselfaktor für den Ausbruch des Syndroms ist. Meistens handelt es sich dabei um Kinder, deren Asylantrag abgelehnt wird, die sich zurückziehen, die nicht mehr essen, laufen oder kommunizieren können und denen im Bett Sondennahrung verabreicht wird. Das Syndrom scheint Kinder aus besonders gefährdeten Gemeinschaften zu betreffen, wie z. B. Flüchtlingen aus dem Balkan, Kaniden aus dem Irak und Kindern aus einer verfolgten Roma-Minderheit. Viele der Betroffenen wurden Zeuge extremer Gewalt gegen Familienmitglieder oder lebten in ihren Heimatländern und nach ihrer Ankunft in Schweden in einem extrem unsicheren Umfeld.

Viele Ärzte glauben, dass der Weg zur Genesung für diese Kinder von einem Gefühl der Sicherheit und einem positiven Entscheid der Asylanträge ihrer Familien abhängt. Dr. Karl Sallin, ein Kinderarzt am Astrid-Lindgren-Kinderkrankenhaus in Stockholm, der das Resignationssyndrom erforscht, veröffentlichte kürzlich einen Artikel, in dem er beschreibt, dass die Genesung der Krankheit Monate bis Jahre dauert und von der Wiederherstellung der Hoffnung in der Familie abhängt. Kürzlich gab es weitere Berichte über das Auftreten der Krankheit in australischen Flüchtlingszentren auf der Insel Nauru in Ozeanien, was die Behauptungen untergräbt, dass es sich um eine kulturgebundene Krankheit handelt.

Titelbild: Ibadeta und Djeneta, seit Jahren im Tiefschlaf

Regie: Dea Gjinovci, Produktion: 2020, Länge: 74 min, Verleih: Firsthandfilms

 

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