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Warum eigentlich gibt es Grenzen?

Wir alle sehnen uns nach einer Welt der Freiheit. Wir alle möchten nicht immer gemahnt sein. Wir alle hegen den Wunsch, uns nicht immer an Regeln halten und damit Grenzen beachten zu müssen. Weshalb können wir unsere Freiheit nicht einfach leben? – Lassen Sie mich ein paar Gedanken formulieren.

Geographische Grenzen

So genau, wie geographische Grenzen heute elektronisch vermessen und aufgezeichnet sind, waren sie nicht immer. Aber schon immer sollten sie der Sicherheit dienen.

Grenzen können natürlicher Art sein: ein Fluss, ein Meer, ein See kann die Grenze markieren. Auch ein Gebirge, ein Hügel trennt Täler oder Regionen. Und immer, wenn die Grenzen, auch in flachen Gebieten, in breiten Tälern, in Wüsten und Ebenen, gezogen werden müssen, begegnet man uralten Grenzsteinen, die seit Hunderten von Jahren den äussersten Punkt eines Gebietes markieren.

Grenzen sind im Laufe der Geschichte immer wieder mit Mauern verstärkt worden. Dies geschieht oder geschah meist aus Angst, früher gegenüber feindlichen Armeen oder gegenüber sogenannten Barbaren, und heute gegenüber Flüchtenden, die in die Ländereien eindringen wollen. Wir kennen die unschöne Geschichte einer solchen Mauer aus der Gegenwart, der Ära Trump: die Mauer gegen Mexiko. Und eine andere, die sich 1961-1989, also im Kalten Krieg, mitten in Europa präsentierte, als die DDR sich gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, vor allem gegenüber West-Berlin hermetisch abriegelte. Aber auch schon früher gab es Mauern: den Limes (1.-6. Jahrhundert n.Chr.), mit dem die Römer sich vor den Barbaren vor allem des Nordens, aber auch in Vorderasien und Nordafrika schützen wollten. Und auch die chinesische Mauer (die in der heutigen Form ab 1493 entstand) markiert sehr eindrücklich die Abschottung der Chinesen von den Mongolen. Aber alle Mauern, solange wir die Geschichte der Menschheit kennen, haben sich schliesslich überlebt und verloren ihre Bedeutung. Oder sie wurden zu einem Unesco-Weltkulturerbe (Limes-Teile 2005, Chinesische Mauer 1987).

Interessant ist, wie geographische Grenzen im kulturellen Gedächtnis des Menschen sich einprägen und so ihren Wert bekommen. Ich kann mir vorstellen, wie fremd gewisse Grenzen, die von grossen Kolonialmächten gezogen wurden, den Einheimischen vorkommen müssen und was für Gräben für Familien, Sprach- und Religionsgruppen und Ethnien damit entstehen konnten. Ich denke an die Palästinafrage, überhaupt den Nahen und Mittleren Osten bis Pakistan und Indien; oder an Länder in Afrika. Die meisten von ihnen weisen Gebietsgrenzen auf, die fast wie auf dem Reissbrett entworfen wirken und immer wieder zu Auseinandersetzungen führen. Ich denke aber auch an die frühere Sowjetunion, die ihre Spuren hinterlassen hat in Gebieten rund um das heutige Russland; sie sind bis in die Gegenwart Jagdgebiete politischer Ambitionen geblieben – immer wieder.

Wechseln wir zum schweizerischen Gesetzgeber: Er schien von Anfang an zu wissen, wieviel Zündstoff in Grenzverschiebungen liegen kann; deshalb untersteht in unserem Land jedwede interne Gebietsveränderung einer Volksabstimmung. Im grösseren Stil geschah das schliesslich in den Jahren 1976-78 bezüglich der Jurafrage –  nach einem 30 Jahre dauernden, oft hitzigen Kampf zwischen den Jurassiern und dem Kanton Bern. Jede Gemeinde rund um das Gebiet des heutigen Kantons Jura konnte sich für oder gegen einen Wechsel der Kantonszugehörigkeit äussern. Damit wurde dem sehr emotionalen Moment der Grenzziehung ordnungspolitisch Rechnung getragen. Die Eingliederung von Moutier erfolgte aber später und in mehr als einem Schritt, letztmals im März 2021 durch eine neuerliche und vielleicht endgültige Abstimmung.

Und was die Grenzen der Schweiz nach aussen anbetrifft, so hat der Wiener Kongress bereits 1815 deutlich gesagt, wo und wie wir in Europa angesiedelt sind. Es käme heute wohl niemandem von uns in den Sinn, unsere Landesgrenzen irgendwie verändern zu wollen!

Grenzen im Leben von uns Menschen

Auch unser Leben, im psychologischen Sinn, besteht aus Grenzen. Nicht nur wissen wir von klein auf, dass wir eines Tages sterben werden. Genauso wichtig ist es auch, genügend empfindsam zu sein, um seinen Nächsten nicht zu nahe zu treten. Jede Freundschaft, jede Ehe, jede verwandtschaftliche Beziehung lebt davon, dass es Grenzen gibt, dass Nähe zwar beglücken kann, aber auch der Abstand seinen Wert hat.

Dass es Grenzen geben muss, lernt das Kind schon als sehr klein. Dabei ist die Vorbildfunktion von Elternhaus, von Lehrpersonen und Vorgesetzten nicht zu unterschätzen. Und die Erziehung darf es nicht zulassen, dass alles möglich ist. Ein liebevoller, aber ein bestimmter Wink der Mutter oder des Vaters weisen dem Kind den Weg und zeigen ihm, wie weit es gehen kann, um nicht in Gefahr zu kommen. Schwierig das Leben für jeden jungen Menschen, der nie ein Nein in seiner Kindheit gehört hat. Das Leben ist hart – auf jeden Fall hart für jeden Kopf, der durch die Wand gehen will.

Grenzen der Gesellschaft

Menschen sind gesellschaftliche Wesen. Das Zusammenleben aber setzt Grenzen. Ab dem Moment, wo der Mensch geboren wird, stösst er an sie, physisch und psychisch. Später ist es auch das Gewissen, das ihm Grenzen setzt.

Das Paradoxe besteht darin, dass wir Menschen die Freiheit immer nur begrenzt erleben. Und es sind diese Begrenzungen, die uns zur Entscheidung und damit Verantwortung zwingen, gegenüber dem anderen, gegenüber der Gesellschaft, auch gegenüber uns selbst.

Wo der Mensch in grösseren Gruppen lebt, wird die Politik die nötigen Regeln in Gesetzen formulieren, das heisst notwendige Grenzen erlassen. Sie sollen den Menschen ermöglichen, friedlich miteinander leben zu können. Und dabei ist es immer klar: Wo das Zusammenleben nicht mehr ordnungsgemäss ist, wo nicht mehr miteinander das Gespräch gesucht wird, wo es sogar zu Gewalt kommt, da endet die Freiheit des Einzelnen.

Ich fasse zusammen: Wir alle leben nicht allein auf der Welt und möchten möglichst friedlich zusammenleben können. Grenzen gehören zu unserem Alltag. Wir erleben sie jede Minute, jede Sekunde. Es ist nicht die Freiheit, die uns formt, sondern die Verantwortung, die wir durch die Begrenzung der Freiheit wahrnehmen. Grenzen, so können wir mit unserer Vernunft sagen, haben ihren Sinn!

3 Kommentare

  1. Eine einprägsame, stilistisch hochstehende Art von Frau Weber, uns «grenz-Wertiges» in Erinnerung zu rufen. Danke!

    • Oh, wie lieb von Ihnen, liebe Frau Stöckli, das freut mich sehr! Und vielen Dank!
      Allerherzlichst
      Ihre
      Monika Weber

  2. Ihr Artikel, Frau Weber, über den Sinn von Grenzen könnte nicht aktueller sein als momentan und auch nicht besser beschrieben werden.
    Darf ich Sie bitten, Ihre sehr treffende Gedanken nicht auch in einer Tages-Zeitung zu veröffentlichen? (falls Sie das nicht bereits getan haben?).
    Ich denke, wir ältere Menschen haben den Sinn von Grenzen entweder durch Erziehung, Bildung oder (wahrscheinlich schmerzlicher) Erfahrung noch eher verinnerlicht.
    Aber lernen/erfahren die nachfolgenden Generationen diese Werte überhaupt noch?
    Sicher einige, vielleicht auch viele, aber generell? Da würde ich schon Fragezeichen setzen.

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