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Was bleibt, ist die Liebe

«Supernova» von Harry Macqueen ist die berührende Geschichte zweier Männer, die mit der Demenz und deshalb mit fundamentalen Fragen des Lebens, Liebens und Sterbens konfrontiert sind, was zu Diskussionen anregt.

Seit bei Tusker vor zwei Jahren eine früh einsetzende Demenz diagnostiziert wurde, hat sich im Zusammenleben mit seinem Partner Sam vieles verändert. Fest steht nur, dass sich die beiden Männer auch nach zwanzig Jahren als Paar noch innig lieben. Im Wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenz ist, begeben sie sich mit ihrem Wohnmobil auf eine Reise durch herbstliche Landschaften. Noch einmal möchten sie Freunde, Familie und die Orte ihrer Vergangenheit besuchen. Doch schon während der Reise beginnen die persönlichen Zukunftsvorstellungen der beiden zu kollidieren, ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt.

Mit «Supernova» schuf der 1984 in London geborene Drehbuchautor und Regisseur Harry Macqueen mit Colin Firth (als Sam) und Stanley Tucci (als Tusker) in den Hauptrollen ein eindrückliches und tiefsinniges Drama zweier Liebender. Die Geschichte einer grossartigen und dennoch innigen, stillen und dennoch aufrüttelnden Conditio humana: ein Gleichnis über das Leben, Lieben und Sterben.

Sam (l) und Tusker im Van

Zwei Liebende on the Road

Der Film beginnt bildfüllend mit einem Sternenhimmel, einer auftauchenden, dann verlöschenden Supernova, parallel mit anschwellenden, dann abklingenden Klaviertönen und blendet schliesslich auf zwei Hände, jene von Sam und Tusker, nackt im Bett und schlafend.

Dann folgt eine Überblendung auf den Camper mit den beiden, die ihre Reise beginnen: plaudernd, nörgelnd, scherzend, streitend, sich versöhnend, Hände haltend und der Musik des Autoradios lauschend. Bilder traumhaft schöner Herbstlandschaften im schottischen Hochland fliegen vorbei. Dabei zeigt sich gelegentlich, dass mit Tusker etwas nicht ganz stimmt, während sich bei ihm Gefühle der Schuld, bei Sam der Angst einstellen.

Als Therapie gegen den beginnenden Gedächtnisverlust schreibt Tusker und bespricht ein Tape. Der Sternen kundig, erklärt er Sam am Teleskop den Sternenhimmel und zeigt ihm die Supernova, bevor die Reise weiter geht, die mit Erinnerungen an die Vergangenheit und Hoffnungen auf die Zukunft weist.

Dann kommen sie, von Tusker von langer Hand vorbereitet, zu Sams Schwester Lilly, dem Neffen Clive und deren Tochter Charlotte. Die Begegnung mit der Familie ist herzlich, auch wenn sich bei ihm kleine Fehlleistungen einschleichen. Ebenfalls organisiert hat er für später einen Konzertauftritt für Sam.

Am nächsten Tag wird Sam mit einem turbulenten Fest mit Freunden von früher überrascht. Dabei beginnt Tusker eine Tischrede, die Sam fortsetzen muss. Der Zustand des Kranken wird offensichtlich. Beunruhigt über diese Entwicklung durchsucht Sam im Camper die Privatsachen des Partners und entdeckt ein geheimnisvolles Päcklein.

Es kommt zur grossen Auseinandersetzung. Tusker erinnert Sam an seine Äusserung nach dem ersten Arztbesuch: «Was immer geschieht, ich will die Kontrolle über mein Leben nicht verlieren. Doch jetzt beginne ich, sie zu verlieren. Ich bin im Begriff zu sterben.» Sam darauf: «Lass mich nicht aussen vor, du brauchst mich, lass mich bei dir sein.»

In der Nacht vor dem Konzert lieben sie sich. Während Tusker noch schläft, geht Sam ins Freie, legt sich ins Gras und schaut zum Sternenhimmel. In der Frühe steht er auf und übt am Klavier. Dort treffen sich die beiden und umarmen sich innig und bejahend. Es folgt das Klavierkonzert. Überblendung zum Sternenhimmel. Schluss des Films.

Beim Fest mit Familie und Freunden

Tusker erklärt Supernova

Beim Familienfest erklärt Tusker Sams Nichte Charlotte den Sternenhimmel und das Naturphänomen einer Supernova: «Was du siehst, ist ungefähr eine Million Galaxien. Wenn ein Stern sehr alt wird, geht ihm der Brennstoff aus, er explodiert wie ein riesiges Feuerwerk. Das ist dann der Tod des Sterns, der seine Materie ausstösst, die dann über Jahre und Jahrzehnte durchs Universum reist, und am Ende entstehen daraus wir.» «Wir sind also wie Sterne?», meint Charlotte.

Vergleichbare Filme und Paarbeziehungen

Der Film ist vergleichbar mit andern Filmen zum Thema Demenz und Alzheimer, so «Still Alice», «Nebelgrind», «The Father», «Pandora’s Box» oder «Tiger und Büffel» von Fabian Biasio, ein herausfordernder und informativer Dokumentarfilm über einen weltberühmten Schweizer Karatemeister, aktuell im Kino gestartet.

Wenn im Kino gleichgeschlechtliche Paare gezeigt werden, sind es meist Frauenpaare, etwa «Kuessipan» oder «Deux». Es scheint, Frauen leben Freundschaft und Liebe intensiver als Männer, als Hüterinnen der Freundschaft und Liebe, während Männer sich mehr mit Macht, in Politik, Krieg oder Wirtschaft profilieren. Auch darum scheint mir dieser Film besonders wichtig.

Sam ringt um den Entscheid

Aus einem Statement des Regisseurs

2015 passierten fast zeitgleich zwei Ereignisse um mich herum: Im Februar wurde eine Kollegin, die in ihrem Job wegen Demenz schlechter wurde, entlassen und war nach sechs Monaten tot. Ein paar Tage später musste eine Freundin von mir ihren erst 60-jährigen Vater wegen Demenz ins Pflegeheim bringen. Kurz danach sah ich einen Dokumentarfilm, der mich wie nichts zuvor bewegt hatte. Darin reiste ein 65-jähriger Brite zu Dignitas in die Schweiz, wo er sich in Begleitung seiner 40-jährigen Frau legal das Leben nahm. Der Mann im Film, meine Kollegin und der Vater meiner Freundin litten alle Formen von Demenz, die sich schon in jungen Jahren entwickelt hatten. Diese Erfahrungen haben mich dazu gebracht, mehr über diese Krankheit zu erfahren.

«Supernova» ist das Ergebnis eines langen, intensiven Prozesses. Während drei Jahren arbeitete ich eng mit den führenden Demenzspezialisten Grossbritanniens sowie vielen Einzelpersonen und Familien, die von der Erkrankung betroffen waren, zusammen, habe viel Zeit mit Menschen verbracht, die an Demenz litten oder Selbstmord machten. Es war eine der tiefsten und wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. «Supernova» ist mein Versuch, diesen Menschen und ihren Geschichten gerecht zu werden.

Sam und Tusker haben entschieden

Meine Sterne für den Film «Supernova»

  • Die Bilder dieses Roadmovies sind für mich, im Sinne von «Paysages d’âmes», das Äussere des wunderbaren Inneren von zwei Liebenden.
  • Fasziniert hat mich in «Supernova» auch, wie die Banalitäten eines Alltags allmählich hinüberführen zu dessen Höhepunkten, die zu erleben wir eingeladen werden.
  • Weiter sind es die Beziehungen des Einzelnen, des Paares, der Familie, der Freunde, die das Leben der Menschen im Film lebenswert machen.
  • «Supernova» ist das Gemeinschaftswerk von Harry Macqueen und Dick Pope an der Kamera, des Musikers Keaton Hensons und der Performance von Stanley Tucci und Colin Firth.
  • Während dreier Jahre hat der Regisseur das Leben und Sterben mit Demenz recherchiert; das ist im Film enthalten, aber nicht als Theorie, sondern als vibrierendes Leben.
  • Einiges wird ausgesprochen, vieles verschwiegen; der Film lädt uns ein, Gesten und Blicke zu deuten, Detail um Detail der Handlung zu hinterfragen.
  • «Ich will, dass man sich an mich erinnert, wie ich war, wenn du mich liebst, musst du mich gehen lassen.» Solche und zahlreiche ähnliche Sätze im Film gelten wohl für uns alle.
  • Der Film zeichnet sich bei der Annäherung an die zwei Liebenden durch Intensität und Sanftheit aus, die berührt und nachdenklich macht.
  • Genau so wie Tusker Charlotte ermuntert, nie aufzuhören, Fragen zu stellen, macht es der Film mit uns: Er fragt und fragt und fragt – uns.

Titelbild: Die Supernova suchen

Regie: Harry Macqueen, Produktion: 2020, Läge: 94 min, Verleih: Ascot-Elite

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