FrontGesellschaftWir fragen Leser: Ist bei Bestattungen alles erlaubt?

Wir fragen Leser: Ist bei Bestattungen alles erlaubt?

Ist beim Umgang mit dem Sterben alles möglich? Oder setzt der Respekt vor der Totenruhe Grenzen der Freiheit? Wir hoffen auf Antworten unserer Leserinnen und Leser.

Jetzt, an Allerheiligen und Allerseelen, besuchen viele die Gräber ihrer Angehörigen. Manche denken dabei auch daran, wie sich das Bestattungswesen verändert hat. Um diese Entwicklung zu veranschaulichen, berichten wir hier vorerst über zwei wirklich geschehene Ereignisse.

Das Bestattervelo transportiert den Sarg mit oder ohne verhüllende Planen. Bild srf

Erstens: das Lastenvelo als Leichenwagen. Vor einigen Tagen fiel mir in Bern ein grosses Lastenvelo auf. Unterstützt von einem Elektromotor pedalte hinten eine junge Frau. Mit dem Fahrrad transportierte sie einen mehr als zwei Meter langen Behälter samt einer Konstruktion mit Planen als Aufsatz.  Erst etwas später bemerkte ich, für was dieses Gefährt bestimmt war: Es war ein dreirädriger Leichenwagen. Das Fahrrad gehört dem Bestattungsunternehmen Aurora. Wenn die Angehörigen dies wollen, können die Planen entfernt werden, so dass der Sarg sichtbar wird. „Nein, das sei kein PR-Gag“, versichert die Firma. Mit dieser Transportart würden die Wünsche der Angehörigen oder der letzte Willen des Verstorbenen gewürdigt.

Eine Berner Kirchgemeinde lädt zum „Death Café“ ein. Ähnliche Angebote gibt es auch anderswo. Bild Peter Steiger    

Zweitens: „Death Café“. Wenige Tage später fiel mir eine handschriftliche Ankündigung auf. Eine Berner Kirchgemeinde wies damit auf ihr „Death Café“ hin. „Tausch dich in einer gemütlicher Runde über den Tod aus“, las ich weiter auf der Tafel. Solche Treffs gibt es auch anderswo. Die Idee dafür stammt aus der Schweiz. Bei Kaffee und Kuchen soll man sich über das Sterben austauschen.

Heute ist vieles möglich. Das früher starre Bestattungswesen ist in den letzten Jahrzehnte ins Wackeln gekommen. Die Angehörigen streuen die Asche in Seen, Flüsse, steigen dafür in die Berge oder in ein Flugzeug. Aus der Asche von Verstorbenen lassen sich Diamanten pressen, die man auch als Schmuck tragen kann. Trauernde vereinbaren für den Hinschied ungewöhnliche Rituale mit ebenso ungewöhnlicher musikalischer Begleitung.  Die Todesanzeigen in den Zeitungen sind viel persönlicher gehalten als früher. Sie haben Bilder, die auch mal das geliebte Auto zeigen. In Deutschland ist es in einigen Friedhöfen möglich, ein verstorbenes Haustier mit ins Grab zu nehmen. Auch auf unseren Friedhöfen ist vor allem für Kindergräben vieles erlaubt.

Ist Respekt altmodischer Schnickschnack? Das alles steht in den allermeisten Fällen im Einklang mit der Würde des letzten Abschieds. Doch sind es die zwei eingangs beschriebenen Geschehnisse auch? Gemütliches Pläuscheln über das Sterben oder schwitzend Leichen zum Friedhof pedalen – das sei pietätlos, sinnierte mein innerer Anstandswauwau.

Mein zweiter Gedanke: Sterben ist der privateste Moment im Leben. Solange niemand zu Schaden kommt, ist es jeder, jedem, selbst überlassen, wie er oder sie den Abgang gestaltet. Ob Unbeteiligte damit geschockt werden und ihr Anstandsgefühl leidet, ist nicht mein Problem.  Alles erlaubt? Oder sind Grenzen zu beachten? Ich weiss es nicht. Um mich doch nicht ganz unbeteiligt aus der Frage davonzustehlen: Ich will keinen Pomp, aber doch eine Feier, bei der man respektvoll auf mein Leben zurückblickt. Lieber schwarzer Anzug und Krawatte als T-Shirt und Jeans.


Wir hoffen auf Stellungnahmen. Totenruhe vs. Freiheit? Es geht bei dieser Frage nicht (oder nicht nur) um die beiden am Anfang geschilderten Geschehnisse, sondern ums Allgemeine. Sind dem letzten Willen keine Grenzen gesetzt? Dürfen die Trauernden alles umsetzen, selbst wenn sie die Öffentlichkeit vor den Kopf stossen? Wie beurteilen die Seniorweb-Leserinnen und -Leser die Frage? Über die Kommentar-Funktion zu diesem Artikel erhoffen wir uns kurze oder längere Stellungnahmen.

6 Kommentare

  1. Die Frage ist falsch gestellt: Denn nicht «Alles» kann erlaubt sein, das ist wohl klar. Das gilt fürs Leben wie fürs Sterben. Richtschnur sind Gesetze und wohl auch Moral, doch letztere ist im Falle des Todes immer noch von Verdrängung, Selbstmitleid, Ritualisierung und religiösen Annahmen geprägt, die unsinnig und vielfach überkommen sind. Der Tod ist ein Tabu und deshalb wird auch oft falsch darüber diskutiert. Heute im Zeitalter des Jugend- und Fitnesswahns wohl nur noch mehr. So mag das Reden über den Tod schockieren, warum aber sollte das zur Disposition einer allgemeinen verbindlichen Moralvorstellung stehen? Einem Toten die notwendige Achtung entgegenzubringen sei mithin selbstverständlich, das gilt so oder so. Wie gesagt: der Artikel kippt das Kind mit dem Bade aus und konstruiert Gegensatzpaare, die in die Irre führen. Diskutieren kann man über heikle Themen immer nur am spezifischen Einzelfall und nicht mit Pauschalisierungen, die nirgendwohin führen.

  2. mich stört vor Allem das Velo als Leichentransport. In Bern dreht sich ja in letzter Zeit alles ums Velo .Velos sind in rauen Mengen überall und man riskiert als ältere Fussgängerin dauernd von einem der, auch auf Trottoirs und Fussgängerstreifen fahrenden Zweiräder, angefahren zu werden. Noch habe ich keinen solchen Leichentransport gesehen, aber immer wieder Velos auf dem Friedhof, obwohl beim Eingang am Boden ein Velo- und Hundeverbot angebracht ist. Es stört mich auch (ich bin seit dem Tod meines Sohnes oft auf dem Friedhof), wenn im Sommer in der Nähe von Gräbern gepicknickt, halbnackt wie im Schwimmbad die Sonne genossen wird, und am Feierabend gefestet wird, mit Hinterlassen des Mülls…Ich finde es nicht nur störend und pietätlos, sondern eine grosse Zumutung für Trauernde. Minimale Regeln des Zusammenlebens, scheinen für gewisse Leute schon eine Einschränkung ihrer «Freiheit» zu sein, als ob ihnen Alles nach ihrem Gusto geschuldet wäre…
    Was das Ausführen von Sonderwünschen des Verstorbenen betrifft, kann man effektiv ins Dilemma geraten. Das haben wir als Familie erlebt und schlussendlich etwas anders entschieden als anscheinend von unserem Sohn bei Freunden geäussert.

  3. Ich finde beide oben beschriebenen Szenen schockierend. Sollen das Zeichen einer fortschrittlichen Welt sein? Ein sehr eindrückliches Erlebnis (hundertmal gesehen und mit viel Ehrfurcht daraus hervorgegangen) sind die langen Leichenzüge mit schwarzen Pferden und Leichenwagen und all die Trauernden, die gemessen hinterherschritten. Die wenigen Autos, die damals auf der Strasse fuhren, hielten am Strassenrand an, Leute, die zufällig auf den Leichenzug stiessen, blieben stehen und senkten den Kopf aus Ehrerbietung für den vielleicht sogar unbekannten Verstorbenen. Der Sarg meines Bruders, jung gestorben, wurde von seinen Turnerfreunden auf den Schultern zu Grabe getragen. Solche Bilder fehlen mir. Nach meiner Ansicht müsste dem Tod gegenüber wieder mehr Demut entgegen gebracht werden.

  4. Ich habe in Bern noch keinen Sargtransport per Velo gesehen, schon gar nicht auf dem Trottoir! Was soll da anstössig sein, wenn Angehörige ihren (symbolischen) Beitrag an die Reduktion von Staus, Lärm und CO2-Ausstoss leisten, insbesondere wenn Klimaschutz ein Anliegen des/der Verstorbenen war?
    Und ich finde es sehr begrüssenswert, wenn Menschen, die sich in ihrem Familien- oder Freundeskreis nicht über ihr oder das Sterben von ihnen Nahestehenden austauschen können, vor allem, wenn solche Gesprächsrunden von Personen geleitet werden, die die dafür nötigen Kompetenzen besitzen, wie z. B. Einfühlungsvermögen, Behutsamkeit, Empathie.

  5. Im Jahr 1976 war ich eine längere Zeit mit dem Rucksack in der «fernen Welt». In Nepal stiess ich damals auf einen Gruppe von Menschen, welche singend, musizierend und tanzend an mir vorbeizog. Erst nach ein paar Augenblicken bemerkte ich, dass es sich hier um eine Beerdigung handelte. Diese Szene prägte sich bei mir ein und ich begriff, dass es unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichen Haltungen zum Lebensende gibt. So gibt es auch bei uns verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen.

    Der im Artikel erwähnte Respekt ist für mich sehr wichtig. Beim Respekt handelt es sich bei mir um eine innere Haltung und die kann ich auch haben mit einem T-Shirt und Jeans. Das Lebensende gehört zum Leben und darüber darf auch gesprochen werden, natürlich auch mit Kaffee und Kuchen.

  6. Die Christentumsgeschichte hat in Europa nicht nur eine FriedhofsKultur, sondern auch eine Begräbniskultur entstehen lassen, die gekennzeichnet sind von einem grossen Respekt dem Toten gegenüber wie den Trauernden. Diese Kultur ist im Umbruch durch vielfältige Entwicklungen iS eines Individualismus, der auch die FamilienRituale bestimmt, prägt und verändern lässt. Vieles in unserer Gesellschaft geschieht nach dem verborgenen oder demonstrierten Prinzip «jeder nach seiner Facon». Das führt zu neuen Formen wie neuen Verhaltensweisen. Die grosse Frage dabei: wird der Respekt (s.oben) gewahrt auch in der Weiterentwicklung unserer Gedenkenskultur. Hier liegen für mich die grossen Fragezeichen. Die Pandemie mit ihren vielen Toten hat auf breiter Ebene dazu geführt, dass viele Verstorbene einfach verschwinden «im Nirgends und nie», oft sogar ohne Mitteilung, bis hin zum Ausschluss von Freunden, Verwandten … bis dahin, dass der GoDi in der Kirche «im engsten Familienkreis» gefeiert wird. Solche Privatisierung des Abschieds unterhöhlt langfristig unsere Abschiedskultur, entleert die Friedhöfe und wird dadurch negativ gesellschaftsrelevant. Abschied und Erinnerung in einer Gesellschaft ist mehr als nur ein individueller Vorgang, «der niemanden etwas angibt».
    Es braucht gewiss nicht den aufgerüsteten Gross-Mercedes zum Transport. Das Trauercafe seinerseits gibt den Trauernden eine Chance zur offenen Begegnung mit andern. Andrerseits bewirken die horrenden Kosten einer Beerdigung, die immer noch steigen, einen grossen Druck auf die traditionellen Rituale und Traditionen einer respektvollen Abschiedskultur. Erfreulich ist wiederum die grossartige und vielfältige kreative Gestaltungsarbeit von wirklich innovativen und feinfühligen BestatterInnen, deren service weit mehr ist als eine geschäftsmässige Dienstleistung.

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