FrontGesellschaftAlles hat seine Zeit …

Alles hat seine Zeit …

Allerheiligen und Allerseelen sind die Daten, wo in vielen Staaten der Verstorbenen gedacht wird. Laut und bunt in Mexiko, mit einem Gang auf den Friedhof in unserem Kulturkreis. Und ganz still dort, wo der Verlust eines geliebten Menschen noch immer schmerzt. Die Psychotherapeutin Irmtraud Tarr hat mit «Was rettet» ein Buch geschrieben, in dem sie den Umgang mit Trauer und den Weg in ein «neues» Leben thematisiert.

Betroffenheitsliteratur, also Bücher, wo jemand sein eigenes Schicksal öffentlich ausbreitet, sind nicht so meins. Aber Irmtraud Tarrs Ratgeber «Was rettet», Untertitel «Mit Verlusten leben», ist mehr als das Dokumentieren der eigenen Seelenbefindlichkeit, viel mehr. Sie verlor, kurz vor Beginn der Pandemie, innert dreier Monate ihre Mutter, ihre drei engsten Freunde und ihren Mann. Und musste sich, durch Corona auf sich selber gestellt, in einem Leben zurechtfinden, das erschreckend leer geworden ist.

Darüber schreibt die Psychotherapeutin und Autorin ein Fachbuch, nein, nicht in erster Linie über das Trauern, aber über die Hoffnungen, die Kräfte, die frei werden, den Mut, den Verlust anzunehmen und mit ihm zu leben. «Indem die Stelle unausgefüllt bleibt, ist und bleibt man durch sie miteinander verbunden», ist so etwas wie ein Schlüsselsatz, der den Weg ins Leben zurück weist, ohne die Erinnerung anzutasten.

Tarr gliedert das Buch in vier Teile: vom Verlust und der Trauer über Hilfe von aussen zu Hoffnung und einer Neuorientierung. Und alle, die schon mal mit einem schweren Abschied konfrontiert wurden, lassen sich von ihren klar und ohne Pathos formulierten Gedankengängen mitnehmen, lassen eigene Erinnerungen einfliessen.

Zum Beispiel an die ersten schweren Wochen, die man wie in Watte gehüllt, einfach «weglebte». «Isst du auch genug?» wurde ich immer wieder gefragt und bei einem Ja war gut. Dass ich meist einfach einen Topf voller Reis kochte und immer, wenn der Magen knurrte, davon ass, wusste niemand. Und mich störte es nicht, meine Geschmacksnerven waren wie eingeschlafen. Bis einmal kurz vor Mittag eine Freundin an der Haustüre klingelte, in die Küche marschierte, den Kühlschrank öffnete – «Wusste ichs doch!» – in einer Pfanne Wasser aufsetzte und Spaghetti kochte. Den selbstgekochten Sugo hatte sie mitgebracht, dazu eine Flasche Wein. Ihr Geplauder war fröhlich, sie erzählte und lachte – es war genau dieses Stück Normalität, das ich damals so dringend gebraucht habe.

Dass ich mich an diese Episode erinnere, zeigte mir im Nachhinein, wie man mit Trauernden auch umgehen kann – und Irmtraud Tarr betont genau diesen Umstand: Freunde sind so wichtig, sie holen einen ins Leben zurück. Sie bringen das Lachen zurück und Erinnerungen, die nicht an dem Kranken hängen, der in deinen Armen für immer eingeschlafen ist. Sondern an die Person, mit der man gefeiert, diskutiert, gelacht, das Leben genossen hat.

«Was rettet» ist ein Buch über die ganz grossen Verluste, die einen im Leben heimsuchen können. Und es ist ein Buch, das zeigt, dass vielleicht der Weg, den man gemeinsam gegangen ist, zu Ende ist, dass sich aber neue Wege öffnen. Dass Musik und Rhythmus – Tarr ist auch Konzertorganistin –, Bildende Kunst, ein Garten, die Natur, so viel Schönes bieten. Man muss nur bereit sein, wieder zu geniessen – oder es zumindest wieder zu versuchen.

Irmtraud Tarr: «Was rettet. Mit Verlusten leben.» Verlag Patmos, 2021. ISBN 978-3-8436-1317-0.

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