FrontKolumnenDraghi und Scholz: zwei nüchterne Vorbilder in der Corona-Zeit

Draghi und Scholz: zwei nüchterne Vorbilder in der Corona-Zeit

«Erinnerst Du Dich an den Brigade-General, der im letzten Jahr auf dem ersten Höhepunkt der Pandemie-Krise an den regelmässigen Bundesrats-Pressekonferenzen die Armee vertrat?», fragte mich kürzlich eine Journalisten-Kollegin. Ja, ich erinnerte mich. Sein Name fiel mir nicht sofort ein. Ein smarter Mann, unaufgeregt, nüchtern, präzis, der Thomas Süssli, seinen Vorgesetzten, den Chef der Armee, kommunikativ und mehrsprachig gleich beim ersten gemeinsamen Auftritt in den Schatten stellte. Er erschien in Uniform. Sein Auftritt erregte Aufsehen. Der goldene Stern auf seiner Schulter signalisierte den Grad eines Brigadiers, diverse farbige Abzeichen auf dem Offizierswaffen-Rock zeugten von seinen Auszeichnungen, seinen Kompetenzen. Als Brigadier Raynald Droz (56) ist er im Offiziers-Etat zu finden.

Die Lage war damals im Frühjahr 2020 so dramatisch, dass die Armee mobilisiert werden musste. Der smarte Einstern-General stimmte die Schweizer Bevölkerung darauf ein, was das alles zu bedeuten hatte: die Schweiz im Ernstfall. In der Zwischenzeit ist er aus der Öffentlichkeit verschwunden. Leider.

Die Schweizer Corona-Politik schwankt zurzeit immer wieder zwischen Ernsthaftigkeit und verführerischer Lockerheit. G2 ist freiwillig, von G2+ (genesen und geimpft + getestet) ist keine Rede, von einer Impfpflicht, einem Obligatorium schon gar nicht oder noch nicht. Laut und eindeutig gefordert in der Politik hat sie bis jetzt einzig Fabian Molina, der junge Zürcher SP-Nationalrat im «Club» des Schweizer Fernsehens. Nachahmerinnen und Nachahmer wagen sich langsam aus der Deckung, wie in der Sonntagspresse nachzulesen ist. Derweil hat Deutschland die Schweiz als Hochrisikoland einstuft, wie Polen.

Portugal, Italien, seit letzter Woche Deutschland haben nachvollzogen, was Raynald Droz zu leisten hatte: kompetente Generalstabsarbeit mit eloquenter Kommunikation. In Portugal war es Henrique de Gouveia e Melo, Vizeadmiral der portugiesischen Marine, der mit einem Krisenstab dem Virus den Kampf ansagte, der Portugal zum Land mit der höchsten Impfrate in Europa führte. In Italien setzte Mario Draghi, der Supermario, wie er in Italien genannt wird, General Francesco Figliuolo ein, der in der Uniform der Gebirgsartillerie die Bekämpfung der Corona-Krise zu organisieren, öffentlich zu vertreten hat. Und Olaf Scholz, ab dieser Woche wohl Bundeskanzler Deutschlands, holte Generalmajor Carsten Breuer in seine Nähe. Er soll den Krisenstab im Bundeskanzler-Amt aufbauen, leiten und das Desaster, das die zuständigen Politiker mit ihren Behörden, insbesondere in der Logistik, angerichtet haben, beenden. Er soll Deutschlands Corona Politik endlich effizient und erfolgreich umsetzen, zwei Jahre nach dem Ausbruch.

Was in der Generalstab-Ausbildung gelernt wird, hält zusehends Einzug in der Politik. Während in der Politik immer wieder rote Linien gezogen, immer wieder Massnahmen ausgeschlossen werden, wie eine Maskenpflicht aller überall, wie eine Impfpflicht im ganzen Land, werden in den Generalstäben vorbehaltene Entschlüsse gefasst. Nie wird eine Massnahme, eine Aktion ausgeschlossen, nie wird eine völlig neue, unerwartete Situation oder Ereignis von der Hand gewiesen, gar als absurd erklärt. Im Gegenteil. Es werden proaktiv alle verfügbaren Daten, alle offenen und geheimen Nachrichten, alle Informationen der Medien, die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse erfasst, alle möglichen Entwicklungen in die Lagebeurteilung einbezogen. Laufend werden getroffene Entscheide überprüft und immer wieder aufgrund neuer Entwicklungen oder wie jetzt, wenn mit Omikron ein neues, ein mutiertes Corona-Virus die Welt erschreckt, neue Massnahmen ergriffen, unbesehen davon, ob sie eine rote Line überschreiten werden.

Die nüchternen, gar unauffälligen Politiker wie Draghi und Scholz, die ohne Glamour regieren, haben erkannt, um was es geht: Sie haben und werden sich laufend von den Krisenstäben beraten, vorbehaltene Entschlüsse vortragen lassen, bevor sie entscheiden. Oder wie es der portugiesische Vizeadmiral Henrique de Gouveia e Melo formulierte: «Wir haben im Auftrag der Regierung gegen das Virus einen Krieg zu führen, wir müssen es gnadenlos bekämpfen, um die Menschen zu schützen. Und die haben sich in diesem Kampf einzugliedern, sie haben sich zu impfen.»

Aus dem Bundeshaus ist zu vernehmen, dass ab Montag die eidgenössischen Räte in der zweiten Sessionswoche über ernstere, strengere Massnahmen, gar über eine Impfpflicht diskutieren wollen, zumindest in der Wandelhalle. Und nicht auszuschliessen ist, dass sich auch die Politik in Bern wieder an Brigadier Raynald Droz erinnern wird.

3 Kommentare

  1. Im Gegensatz zu den oben erwähnten «Musterländern» kann in der Schweiz das Volk nicht nur seine Exekutiven auf allen drei Ebenen demokratisch wählen, sondern aufgrund von Vernehmlassungen, Referenden und Initiativen direkt mitreden.
    Der Bundesrat hingegen kann sein Volk nicht wählen, sonst hätte er sich wahrscheinlich für ein Volk ohne Impfgegner entschieden und wäre alle Covid-Sorgen los.

  2. Mit dem neuen Aufgebot von Sanitäts-Einheiten zur Unterstützung von Kantonen kommt gemäss Zeitung auch Brigadier Droz wieder zum Einsatz. Wir können also sein souveränes Auftreten wieder bewundern.

  3. Das B im VBS = Bevölkerungsschutz wird auch nach zwei Jahren Pandemie immer noch nicht ernst genommen. Wir stellen zwar ein internationales Katastrophenhilfskorps aber für Katastrophen im eigenen Land sind wir sehr schlecht gerüstet. Da haben frühere SVP Verteidigungsminister, vorab der «I wett die bescht Armee vo dä Wält…» Laferi …grosskotzig Katastrophenübungen durchgeführt, ohne dann auch nur irgendetwas umzusetzen! Da wurden zwar in jeden Haushalt Jodtabletten verschickt… aber Schutzmasken hatten wir keine und mussten (auf Kosten der Steuerzahler) für hunderte Millionen überteuertes Schutzmaterial einkaufen. Nachdem uns monatelange gesagt wurde, Schutzmasken brächten nichts… Auch jetzt nützt und hilft ein angeblich zackiger Auftritt eines Berufsmilitärs wenig, wenn diese Armee immer noch nicht ein taugliches Katastrophenhilfskorps im Inland auf die Beine gestellt hat. Wie man das macht, dafür könnte ein Blick nach Israel helfen. Wir brauchen keine Soldaten, die nur rumstehen und Leute einweisen…sondern wir brauchen ein Hilfskorps das diesen Namen verdient. Sanitätssoldaten sollen ihre Zeit nicht mit dummen GABI Übungen am Dummie verbringen sondern müssen, zusammen mit pensionierten freiwiligen Fachkräften, imstande sein Notspitäler zu betreiben, selbstverständlich inklusive das Setzen einer Impfung! Und lassen wir Scholz zuerst das Bundeskanzleramt übernehmen, bevor ihn mit Vorschusslorbeeren zu überhäufen! Was wir bei uns brauchen, ist endlich mehr Realitätssinn, was unsere Armee heute und in Zukunft zu leisten hat! Das geht selbstverständlich über die Beschaffung von Kampfjets für dutzende Milliarden hinaus! Hands on Politik auf dem Boden der Realität zum Wohle der Menschen ist im VBS gefragt und nicht leere Planspielchen und Zeitvertrieb. Das B im VBS muss jetzt mit Leben erfüllt werden!

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