FrontKulturKunstwerk und Kiesbunker

Kunstwerk und Kiesbunker

Der Fotoband BERNINA TRANSVERSAL von Guido Baselgia dokumentiert die Geschichte eines ungewöhnlichen Bauwerks im Hochgebirge auf der Wasserscheide des Berninapasses.

Das Foto-Epos mit Bildern aus archaischen und unwirtlichen Urwelten handelt von der Landschaft und der darin eingefügten Architektur. Unlängst hat der Kanton Graubünden beim Ospizio Bernina sein Gebäude für den Strassenunterhalt in Betrieb genommen, das als Baukörper ein Kunstwerk ist und zugleich seinen Zweck erfüllen muss. Die Straße über die Bernina vom Engadin ins Puschlav muss nämlich Sommers und Winters für den motorisierten Verkehr offengehalten werden, obwohl die Passhöhe auf über 2300 Meter über Meer liegt. Vor allem winters fällt mit Schneeräumung und Sicherung der Fahrbahn viel Arbeit an.

Unterhaltsstützpunkt Bernina, 5.3.2020, 18:10, -10, starker Wind © Guido Baselgia, Malans

Soeben ist der «Unterhaltsstützpunkt Berninapass«, erbaut vom Architekturbüro Bearth & Deplazes in Chur im Rahmen der Jurierung Gute Bauten Graubünden ausgezeichnet worden. Nicht nur ist das Gebäude so ins Gebiet an der Passstrasse eingebracht, dass von weitem nur der Siloturm als Landschaftsmarke zu erkennen ist: Dieses Bauwerk kann nicht nur Pflicht, sondern auch Kür!

Der Landschaftsfotograf Guido Baselgia hatte die Idee, die Architekten nahmen sie auf und der Kanton als Bauherr unterstützte sie: Der oberste Stock des Siloturms – ein vielleicht nie benötigter Reserveraum für Split oder Salz – ist eine Camera obscura, die dank eines winzigen, aber sehr präzis platzierten Lochs wandfüllende Bilder der Aussenwelt projiziert: Das Cambrena-Massiv, die Passstrasse, das Seeufer und den Himmel – seitenverkehrt und kopfunter.

Bernina Sur ils Lejs, 6.3.2020, 08:30, -8°C, starker Wind © Guido Baselgia, Malans

Damit hat der Pass eine neue Attraktion für den Tourismus anzubieten. In Gruppen kann die Camera obscura über eine Wendeltreppe erklommen werden, dann heisst es, im Dunkeln abwarten, bis sich das Auge anpasst und das Bild erscheint. Leider nur im Sommer.

Die schönsten Fotos aus dieser Dunkelkammer hat Guido Baselgia nämlich während der kürzesten Tage («8 Tage nach der Wintersonnenwende») aufgenommen. Die Langzeitbelichtungen zeigen die Bewegung der Wintersonne als helle Linie am Boden unterhalb der Wand mit den Bergen – eben: auf dem Kopf.

Buchcover

Aber von vorn. Der grossformatige Band mit der faszinierenden Titelseite – geprägte Schrift diagonal gekreuzt auf einer Schneemauer und vor einem Wolkengebirge, das bei näherem Hinschauen der Gischt aus einer Schneeschleuder ist, – in der Ferne der Berg. Ein Coffee Table Book? Gewiss, oder eher eins für den grossen Tisch, aufmerksames Umblättern und die Bilder wirken lassen, geht nur so. Lesen der Planskizzen und Texte erst recht.

Jede Fotografie ist im Inhaltsverzeichnis mit Ort, Datum, Uhrzeit und Wetterlage («starker Wind» oder «Sturmtief Bianca») definiert, aber das Erlebnis des Schauens, die Reise beim Blättern von Bild zu Bild, von weit weg bis zum Gebäude zwischen Lago Bianco und Lai Nair wird davon nicht tangiert. Dessen in einer Kurve der Strasse sichtbarer Portikus schmiegt sich scheinbar wie eine geschwungene Staumauer, darüber der Splittsilo als Rundturm, an den felsigen Grund.

Unterhaltsstützpunkt Bernina, Siloturm 7.3.2020, 08:00 © Guido Baselgia, Malans

Die nächste Gruppe Fotografien zeigt den Unterhaltsstützpunkt aus der Nähe. Mit grossen Toren, hinter denen riesige Fahrzeuge auf den Einsatz warten, mit Fenstern der Wohnräume links und rechts in dieser «Staumauer«. Hier kann das Personal zwischen den Einsätzen mit Schneepflug und Splittfahrzeug gut leben. Oder der Turm, an dessen Aussenseite ein zweiter, kleinerer Turm halb eingelassen ist, in dem eine Wendeltreppe hochklettert. Wer zur Camera-obscura-Führung kommt, muss nicht durch die Maschinenhalle schreiten.

Es folgen Fotografien der Umgebung, der Gebäude und der Strasse zunächst bei Tag, dann immer befremdlicher und unheimlicher bei Nacht: Die hochalpine Eiswüste dominiert trotz der fast immer wahrnehmbaren menschlichen Eingriffe, einem Wegweiser hier, einem Scheinwerferpaar dort. Und nochmals nähern sich die schwarzweissen Fotos dem Bauwerk, führen uns endlich ins Innere zur Camera obscura.

In den Fels gebaut: Der Strassenunterhaltsstützpunkt beim Ospizio Bernina. Grundriss © Bearth & Deplazes

Dreimal beschreibt das Buchprojekt Bernina transversal die gleiche Geschichte, dreimal gleich und jedesmal anders. Denn zwei Essays ergänzen den fotografischen Blick, eins von ETH-Professor Philip Ursprung, eins vom Schriftsteller Reto Hänny. Dieser bewegt sich beobachtend und beschreibend in ausgewählten Fotos, wie wenn sie vom Kontext losgelöst wären, arbeitet so das Lebensfeindliche und die Einsamkeit heraus und erinnert einen Schneesturm seiner Kindheit, bevor ihn das Wunder der Camera obscura gefangen nimmt. Jener befasst sich mit dem Baukomplex, Architekturgeschichte assoziierend und das Gebäude als beschränkt fotogen einordnend, anders als was er sonst aus der Hand der Architekten Bearth & Deplazes kennt. Am Ende reflektiert er die Camera obscura als sehendes Subjekt, passend zur zeitgenössischen Debatte um die Sicht der Dinge: «Die Diskussion des Anthropozän, die ja erst zaghaft beginnt, die architektonische Debatte zu erreichen, neben der menschlichen Perspektive auch die Perspektive des Nicht-Menschlichen einzunehmen. Sie regt uns an Zusammenhänge aus dem Blickwinkel von Tieren, Pflanzen, aber auch unbelebten Phänomenen wie der Geologie, dem Klima und sogar der Viren zu sehen.»

Reto Hänny, der Autor der präzisen Beobachtungen, holt sein assoziatives Feld aus der Weltliteratur von Georg Büchner bis Samuel Beckett und erlebt die Camera obscura «sprachlos staunend, als sässe man statt mit dem Rücken zur Wand unter der Lochblende im Innern des eignen Auges und schaute sich selber beim Sehen zu, gespannt, wie lange es dauert, bis man, wie es das Gehirn mit dem Abgebildeten auf der Netzhaut macht, irgendwann vergisst, oder es bedeutungslos wird, dass die Welt hier kopfsteht – aber tut sie das, ohne dass wir es wahrhaben wollen, nicht ohnehin.»

Lichteinfälle II, Teil 3, Camera Obscura, Sonnenlauf 12:30 –17:22, 19.3.2020, Equinox © Guido Baselgia, Malans

Das Spiel von Wirklichkeit und Wahrnehmung, erschliesst sich dank eines Aufenthalts in dieser Camera obscura auf dem Berninapass fast automatisch. Und es ist letztlich das grosse Thema dieses Fotobands, der es in schwarz-weiss mit blauen Vorsatzblättern aus der menschenfeindlichen Umgebung des Ospizio in die warme Stube bringen kann.

Titelbild: Lichteinfälle II, Teil 3, Camera Obscura, Sonnenlauf 12:30 –17:22, 19.3.2020, Equinox © Guido Baselgia, Malans (Ausschnitt)

Bernina Transversal. Guido Baselgia – Bearth & Deplazes. Ein Bildepos zur spektakulären und heute touristisch wie wirtschaftlich stark genutzten Hochgebirgslandschaft am Berninapass und ihren Infrastrukturbauten. Text in Deutsch,Italienisch, Englisch.
Verlag Park Books, Zürich 2021. Hardcover, 144 Seiten. ISBN 978-3-03860-237-8

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