FrontKulturGefunden: der Sweet Spot

Gefunden: der Sweet Spot

Wenn sich etwas im Sweet Spot befindet, hat es die optimale Wirkung – in der Raumakustik oder auf dem Tennisracket. Für Fritz Hauser, Perkussionist und Klangkünstler, ist der Sweet Spot auf einem Instrument – dem Gong, der Trommel, der Klangschale – die ideale Anspielstelle.

Nun stellt der Musiker im Kunsthaus Baselland aus: Sweet Spot nennt er die Schau auf der Suche nach der optimalen Wirkung in der Kooperation mit einem Kreis von Kreativen aus der bildenden Kunst. Gewiss, Sounds sind längst in die Museen geraten, als Teil oder Klangteppich eines Videos oder einer Installation. Und ja, wir haben uns schon oft geärgert, wenn die Begleitmusik nicht nur das Optische lautstark übertönt, sondern gleich noch als Störsender andere Werke im Raum beschallt. Hier im Haus an der Birs gleich neben dem Fussballstadion ist das anders, die Musikausstellung ein Traum, den sich Kunsthausdirektorin Ines Goldbach dank Fritz Hauser und dessen Kreis verwirklicht hat.

Fritz Hauser im temporären Atelier, das er mit der Künstlerin Maja Rieder nun für die Dauer der Ausstellung teilt. Von ihr stammt das Bild an der Wand.

Wer die Eingangshalle betritt, findet sich in einer Welt wieder, in der weisse quaderförmige Bauelemente am Boden und an den Wänden, links und rechts der breiten Treppe ins Untergeschoss vom sich stetig ändernden Licht- und Bildeinfall von Videoprojektionen gestreift, ihre Statik scheinbar aufgeben. Begleitet sind diese Verwandlungen mal leise und zart, mal mit dezidiertem Klang von Perkussionsinstrumenten. Boa Baumann, Architekt, der diesen Bereich mit der Lichtdesignerin Brigitte Dubach und dem Klangkünstler Fritz Hauser eingerichtet hat, nennt dieses Gesamtkunstwerk, eine sich ständig ändernde polyphone Struktur «Im Kopf». Baumann, Dubach und Hauser arbeiten seit Jahren zusammen.

Bunte Rechtecke aus Scheinwerfer-Folien lassen Reflexe von Draussen nach Drinnen.

Auch Brigitte Dubach hat Sound beigesteuert, nämlich das rhythmische Klicken von Diaprojektoren, die über der Treppe im Hintergrund laufen und sich überlagernde Farbmuster auf eine weisse Wand werfen – eine Replik auf die grosse Fensterfront, deren Scheiben sie in transparenten Regenbogenfarben von rot bis blauviolett collageartig beklebt hat: Es sind sowohl in den Diarähmchen als auch an den Fenstern grössere oder kleinere Farbfolien, wie sie bis vor kurzem vor Scheinwerfer gespannt wurden, um dem weissen Halogenlicht Farbe zu geben. Ein Kunstwerk aus dem Fundus, wunderbar vor allem dann, wenn am Nachmittag die Sonne durch die vielfarbigen Gläser scheint und Reflexe in den Raum und auf eine Wand zaubert.

Links der Farb-Karteikasten von Zindel für Hauser, abgestimmt auf den Sound der Becken; im Hintergrund die passenden Textil-Paneele zum «KLangfächer». Installationsansicht © Kunsthaus Baselland, Foto: Gina Folly

Wir reden von Klangfarbe und von Farbton, Musik und bildende Künste sind sich also nahe. Davon zeugt Hausers Zusammenarbeit mit der Textilkünstlerin Fabia Zindel. Im Raum stehen acht Cymbals. Hauser hat sie angespielt: «Sechsmal nannten wir im gleichen Atemzug dieselbe Farbe,» sagt Zindel und verweist auf ihren Teil der Arbeit: die Umsetzung dieser Klangfarben in Stofffarben. Wer die Ohren öffnet, hört auch den Sound, eingespielt auf den acht Becken. Wer es gern lauter hätte, kann das über Kopfhörer auf dem Smartphone haben – ein QR-Code macht’s möglich – übrigens bei jeder Position.

Der Meister der Perkussion hat für sein Projekt, das Kunsthaus Baselland zur Schnittstelle zwischen verschiedenen Künsten zu machen, mit Frauen und Männern gearbeitet, deren Kreativität ihn immer wieder inspirierte. Ein Sweet Spot im Sinne des Ausstellungstitels setzt Vertrauen und Respekt voraus, er sei, so Hauser, ein Ort «wo mir wohl ist.»

Abstrakte Teppich-Weberei von Isabel Bürgin. An der Wand eine Auswahl von Entwürfen.

Zwei Teppiche von Isabel Bürgin, entstanden am Webstuhl, liegen auf dem Beton, der Ursprung ist eine Fotografie, die sie bei einem Sommerspaziergang mit Fritz Hauser an einem Bächlein aufgenommen hatte. «Mach mir einen Teppich, auf dem ich mich so fühle wie in dieser Landschaft,» habe Fritz gesagt. Zwei weiche Webteppiche in den blau-grün-gelben Farben der Bachlandschaft sind entstanden und wer sich auf die kleine Bank davor setzt und wenigstens mit dem Auge hineinliegt, bekommt den Klangteppich zu hören, den Hauser aus den Geräuschen des Webstuhls komponiert hat.

Zwei Fotocollagen (hier ein Ausschnitt) hat Sabine Hertig in einem laufenden Austausch mit Fritz Hauser gemacht.

Die Zusammenarbeit kann ganz unterschiedlich sein. So haben Sabine Hertig, welche aus Fotoschnipseln Collagen herstellt, und Hauser immer wieder im Austausch gearbeitet. Das Prozesshafte wird nachvollziehbar. Aus Jürgen Wiesners Fundus, der regelmässig denselben Teich fotografiert, wählte Hauser ein Foto des gefrorenen Wassers aus und liess sich davon inspirieren. Für Raimund Girke (1930-2002), den er einst im Künstlerhaus Castelburio kennenlernte, hat er aufgrund einer kleinen Zeichnung mit Schraffuren – eine Hommage geschaffen. Schraffuren sind für Hauser wichtiges Stilmittel, in der Ausstellung hat er auf einer gigantischen Tafel rhythmische Zeichen gemalt: ein Tonkünstler erzeugt Bildklänge.

Eins von 700 Dias einer Zugfahrt durch eine gleichförmige Gegend in den USA von Erich Busslinger.

Ein Raum – ein Werk war die Grundidee, aber weil der eine Beteiligte der Perkussionist und Klangforscher Hauser ist, bleibt alles durchlässig und ohne Bruch. Auch die Videoinstallationen von Erich Busslinger, Patrick Steffen und dem Architekten-Duo Miller & Maranta oder die Zeichnungen von Marius Rappo und Jürgen Wiesner fügen sich ein. Und eine Kooperation ist noch im Entstehen: Es gibt einen Atelierraum, wo von Zeit zu Zeit Hauser am Laptop sitzen wird und Maja Rieder an ihren Trommelbildern auf Papier arbeitet; wer den richtigen Zeitpunkt erwischt, kann zuschauen, wie hier vielleicht der gemeinsame Sweet Spot zustande kommt.

Zum Schluss die Installation von Christine Camenisch und Johannes Vetsch: Der hinterste unterste Gewerberaum ist an Wänden und Decken in Bewegung: Gräser oder Schilf bewegen sich und werden immer wieder von einem Schwall Wasser überflutet. Die Bilder stammen vom Hochwasser des Flüsschens Wiese, was wie genialer O-Ton von Regen, Wind und Wellen klingt, ist made by Fritz Hauser.

Die Video-Installation «Havarie»von Camenisch-Vetsch zieht sich über Wände und Dachhimmel eines ehemaligen Gewerberaums. Hier ein kurzer Ausschnitt.

Wenn ein Musiker eine Museumsausstellung einrichten kann, gibt es ausser den üblichen Führungen selbstverständlich Konzerte, Video-Performances mit Live-Musik, Solo- und Duo-Auftritte von Hauser mit Künstlerfreundinnen und Musikerfreunden, die ihn seit langem begleiten und deren Arbeiten er stets interessiert verfolgt.

Ausschnitt aus Laura Mietrups riesiger Wandmalerei sowie ein Objekt. Der Lichteinfall stammt von gegenüberliegenden Fensterfront.

Nicht integriert in Hausers Sweet-Spot-Welt und dennoch kein Fremdkörper ist die Präsentation im seitlichen Anbau: Laura Mietrup hat den Wettbewerb «Solo Position 2021» von kulturelles.bl gewonnen, ein Förderformat für junge Kunstschaffende aus der Region. Auf der 35 Meter langen Wand des Annex mit seiner ebenso langen Fensterfront zieht sich eine Wandmalerei aus dem aktuellen architektonischen oder klassisch-konstruktivistischen Formenvokabular über die ganze Länge, genannt Traverse – eine Verbindung von Räumen und Zeiten. Als Merkpunkte dazugesetzt sind einzelne skulpturale Objekte die einen an Reales in und an Häusern erinnern.

Titelbild: Das Gesamtkunstwerk «Im Kopf» von Boa Baumann, Brigitte Dubach und Fritz Hauser – Sound und Bilder wiederholen sich stundenlang nicht. Installationsansicht © Kunsthaus Baselland, Foto: Gina Folly

Fotos: E. Caflisch
Bis 27. März
Während der Dauer der Ausstellung sind Konzerte und Performances geplant. Mehr Informationen finden Sie hier.

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