FrontKulturDürrenmatt über die Schulter schauen

Dürrenmatt über die Schulter schauen

Seit kurzem bietet das Centre Dürrenmatt in Neuchâtel seinen Gästen die Gelegenheit, sich in Dürrenmatts Arbeitszimmer umzuschauen und im Museumsteil über seine Karikaturen zu schmunzeln.

Das Jubiläumsjahr, Dürrenmatts 100. Geburtstag im letzten Jahr, hätte im Centre Dürrenmatt ausgiebiger gefeiert werden sollen, wenn es die verschiedenen Pandemie-Wellen erlaubt hätten. Nun scheint uns nichts mehr von einem Besuch auf einer Anhöhe am Rande der Stadt abzuhalten. Allen, die gut zu Fuss sind, empfehle ich, vom Bahnhof den ausgeschilderten Weg zu nehmen. – Es geht halt in Serpentinen bergauf. Beim Centre angekommen, werden wir von dem wunderbar weiten Blick über den See und zu den Bergen hin für die Anstrengung belohnt.

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass Dürrenmatt das kleine Haus, das heute in den eleganten Bau von Mario Botta integriert ist, unbedingt für sich und seine Familie kaufen wollte, obwohl er damals finanziell nicht sehr gut gestellt war. Dafür konnte er sich ca. zwei Jahrzehnte später ein Haus auf dem Nebengrundstück nach seinen Wünschen bauen lassen. Dorthin zieht es uns zuerst, denn Dürrenmatts Arbeitszimmer macht uns neugierig.

Wir treten von der Gartenseite ein. Das Arbeitszimmer hat in Richtung Südsüdost nur Glas, der Aussicht wegen. Wer Fotos kennt, weiss, dass die gegenüberliegende Wand von einem riesigen Varlin-Gemälde ausgefüllt ist: Die Heilsarmee. Die Führerin erwähnt, dass Dürrenmatts Mutter sich in der Heilsarmee engagierte. Sowohl Dürrenmatt selbst als auch sein Freund Varlin hatten wohl ein spezielles Verhältnis zum Bild und seinem Sujet.

Im Arbeitszimmer des Schriftstellers und grafischen Künstlers (Foto mp)

Leider ist das Arbeitszimmer nicht mehr so eingerichtet wie zu Dürrenmatts Zeiten. Die gravierendste Veränderung besteht darin, dass der gewaltige Schreibtisch quer im Raum stand, Varlins Gemälde zu Dürrenmatts linker Seite. Auf einem zu seinen Lebzeiten fotografierten Zeitungsfoto erkennen wir das. Auch war der Tisch damals – selbstverständlich – nicht so leer und aufgeräumt wie heute. Aber klar wird: Schreiben und Zeichnen waren ihm stets gleich wichtig. Die Führerin sagt uns: Wenn Dürrenmatt an einem Text arbeitete, zeichnete er dazwischen, das beförderte sein Denken – und umgekehrt. Zeichnen und Schreiben könne man bei ihm nicht trennen. Deshalb zwei Arbeitsplätze nebeneinander am langen Tisch.

Einige Dinge, die Dürrenmatt besonders wichtig waren, sein grosses Fernrohr und den Globus, finden wir hier wieder. Beindruckend die Bücherwand! Sie zeigt zugleich den rasanten Wandel der letzten Jahrzehnte. Wer würde sich heute noch zwei vielbändige Lexika in Griffweite aufstellen? Erst später fällt mir ein, dass ich auch keine Schreibmaschine gesehen habe – einen Computer besassen damals nur die wenigsten.

Friedrich Dürrenmatt, Sempacher Schlacht zwischen Künstlern und Kritikern, 1963, Tusche auf Papier, 35.4×26.8cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel ©CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Beim Gang durch die Karikaturen-Ausstellung fällt uns auf, dass in allen Arbeiten irgendeine Art von Komik steckt: Witz, Satire, manchmal Sarkasmus oder einfach Humor. Es ist Dürrenmatts Eigenart, seine Themen nicht nur ernsthaft und gründlich darzustellen, sondern sie mit Witz aus einer gewissen Distanz schärfer zu betrachten und mit seinem Stift aufzuspiessen. Sich zu politischen Aktualitäten prononciert zu äussern, davor scheute er sich nicht.

Friedrich Dürrenmatt, Herkules mit Nashorn, 1963, Kugelschreiber auf Papier, 29.5×20.7cm (Foto mp)

«Ich stelle mir Gott humorvoll vor», sagt Dürrenmatt in einem Interview, «er muss Freude gehabt haben an all den Verwicklungen, von denen die Bibel berichtet.» – Wir können uns den Schriftsteller und Zeichner ebenfalls als lachenden Gott vorstellen. Über das Verquere und das Erschreckende in unserer Welt oder auch über sich selbst konnte er lachen. Herkules, Wilhelm Tell, der Teufel, Päpste oder Nonnen mit Engelsflügeln entgehen seinem karikierenden Zeichenstift nicht, und zwar mit besonderem Spass.

Für ihn war die Karikatur eine Waffe des menschlichen Geistes, die er gerne auf gesellschaftliche und politische Missstände richtete. Eine Woche vor seinem Tod erklärte er: «Das Auseinanderklaffen von dem, wie der Mensch lebt, und wie er eigentlich leben könnte, wird immer komischer. Wir sind im Zeitalter der Groteske und der Karikatur.»

Seine Vorliebe für diese Gattung liegt nicht allein in den Möglichkeiten zu Kritik an Zeit und Zeitgenossen. Dürrenmatt liebte auch die Schnelligkeit und Spontaneität, die ihm das Zeichnen erlaubte. Man erzählt eine Anekdote aus seiner Studienzeit in Bern. Ein Philosophieprofessor zeigte sich damals beeindruckt von dem fleissigen Studenten, der scheinbar alles mitschrieb, was der Professor vortrug. Wir sehen in der Ausstellung das Heft, das Dürrenmatt damals füllte – mit witzigen Zeichnungen der Philosophen, von denen der Professor wohl gerade gesprochen hatte, und mit ganz wenigen Begriffen oder Zitaten.

Friedrich Dürrenmatt, Zorniger Schweizer Atombombe werfend VII, frühe 1960er Jahre, Kugelschreiber auf Papier, 21×14.8cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel CDN/ Schweizerische Eidgenossenschaft

Es wundert nicht, dass Dürrenmatt Karikaturen liebte. In seiner Bibliothek befinden sich unzählige Bücher zum Thema Karikatur und von anderen berühmten Karikaturisten, darunter Werke von Tomi Ungerer, Loriot, Paul Flora, Chaval, Bosc und Saul Steinberg. An letzteren erinnert Dürrenmatts Zorniger Schweizer, Atombombe werfend, den er mit wenigen durchgehenden Linien in ähnlichem Stil wie der amerikanische Künstler kreiierte.

Das Museumsgebäude baute Mario Botta bekanntlich an das frühere Wohnhaus der Familie Dürrenmatt an. Während die Besucherinnen und Besucher fast alles im neu erbauten Teil finden, sollte es niemand unterlassen, einen Blick in die «Sixtinische Kapelle» zu werfen, wie die Familie ihre derart ausgemalte Toilette scherzhaft nannte.

Die «Sixtinische Kapelle» der Familie Dürrenmatt (Foto mp)

Als Autodidakt bezeichnete sich Dürrenmatt, als «dramaturgischen» Zeichner. «Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen,», so reflektiert Dürrenmatt selbst über sein graphisches und malerisches Werk.

Angesichts der aktuellen Schlachtfelder brauchen wir Momente des Lachens, um die Bilder des Schreckens aushalten zu können.

Dürrenmatts Büro – Der Schriftsteller und Maler ganz privat.
Jeweils samstags 11-13.30 und 14-16.45 Uhr zu besichtigen.

«Karikaturen» ist bis 15. Mai zu sehen.
CENTRE DÜRRENMATT NEUCHÂTEL. Geöffnet Mittwch – Sonntag, 11–17 Uhr

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