FrontKulturIn Winterthur von Italien träumen

In Winterthur von Italien träumen

Die Ausstellung «Italia» lädt zu einer Reise an den Sehnsuchtsort Italien ein. Anhand weitgehend eigener Bestände zeichnet das Kunst Museum Winterthur mit über siebzig Werken von Claude Lorrain, Arnold Böcklin bis zur Kunst der Gegenwart ein komplexes Bild vom Land «Zwischen Sehnsucht und Massentourismus».

Goethe hatte Italien mit dem Gedicht Das Land, wo die Zitronen blühn im Jahr 1783 poetisch besungen. Über Jahrhunderte blieb Italien Anziehungspunkt für Kunstschaffende sowie Bildungsreisende. Söhne des europäischen Adels, später auch das gehobene Bürgertum, Literaten und Wissenschaftler besuchten Florenz, Rom, Neapel und Venedig auf ihrer Kavaliersreise oder Grand Tour.

Carl Blechen, Die Ruinen des Septizoniums auf dem Palatin in Rom, 1829.

Seit dem 17. Jahrhundert ziehen Künstler vermehrt in den Süden, um die Vorbilder aus der Antike und der Renaissance zu studieren. Viele lassen sich in Rom nieder, wo sie Freiheit und Unabhängigkeit fernab der gesellschaftlichen Enge der Heimat finden. Sie sind bezaubert von der lichtdurchfluteten Campagna und experimentieren mit unterschiedlichen Arten der Landschaftsdarstellung: von idealisierender Überhöhung bis zur naturalistischen Studie und Pleinairmalerei – und prägen damit die Vorstellung von Italien.

Claude Lorrain, Hafen mit grossem Turm, um 1640/41, Radierung. Foto: rv. In der Ausstellung werden von Claude Lorrain keine Ölgemälde, dafür zahlreiche Radierungen gezeigt.

Einer der einflussreichsten Maler ist Claude Lorrain (1600-1682), auch Claude Gellée genannt, aus dem französischen Lothringen. Er absolviert 13-jährig eine künstlerische Lehre in Rom, wo er weiterhin wirkt. Lorrains ideale Landschaften, meist bevölkert von Hirten und mythologischen Gestalten, werden idyllisch-arkadisch bezeichnet. Dank ihm hat sich die Landschaftsmalerei zum eigenständigen Genre entwickelt, denn diese zählt in akademischen Kreisen im Gegensatz zur Historienmalerei als mindere Kunstgattung; und das noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Jan Both, Südliche Landschaft mit See, 1642/1652.

Zahlreiche niederländische Künstler lassen sich in Rom nieder. Einzelne arbeiten zeitweise mit Claude Lorrain zusammen, wie etwa Jan Both (um 1618-1652) aus Utrecht. Wie alle sogenannten Holländischen Italien-Fahrer ist er fasziniert von den antiken Ruinen in der hügeligen Landschaft und vom warmen, goldenen Licht, das er in seiner Heimat nicht kennt. Vier Jahre bleibt er in Rom und kehrt 1641 nach Utrecht zurück. Hier verlegt Jan Both sich ganz auf die realistische Darstellung italianisierter Landschaften mit Wanderern, Hirten oder Reitern, ohne mythologischen Bezug.

Anselm Feuerbach, Iphigenie, 1870.

Die italianisierenden Landschaften verbreiten sich im Norden, auch in der Schweiz. Die Künstler müssen nicht einmal selbst nach Italien reisen, es gibt genügend Schulen, Vorbilder und Vorlagen, nach denen sie arbeiten können. Unzählige Landschaftsmotive mit figürlichen Szenen wiederholen sich in der Dekorationsmalerei des 18. Jahrhunderts, etwa auf Tapeten- oder Ofenmalereien.

Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt sich durch die Vorliebe für klassische Altertümer eine neue Kunstrichtung, der Klassizismus. Dichter, Maler, Bildhauer und Architekten, sogenannte Deutschrömer, lassen sich in der Ewigen Stadt nieder. Goethes Italienische Reise, die auf den Aufenthalt zwischen 1786 und 1788 zurückgeht (publiziert 1813-1817), wird zur berühmtesten Reiseschilderung. Johann Joachim Winkelmann (1717-1768) begründet die wissenschaftliche Archäologie und ist geistiger Vater des Klassizismus.

Die ausländischen Künstler schliessen sich in Rom in Gruppen zusammen. Der österreichische Maler Joseph Anton Koch (1768-1839) sucht die Nähe zu den Klassizisten. In der Folge wird er zur führenden Persönlichkeit im Künstlerkreis der Lukasbrüder, später Nazarener genannt, mit einem Hang zum Religiösen. Bekannt sind Kochs Heroische Landschaften, keine topographisch exakten Abbilder der Natur, sondern ideell überhöhte Darstellungen einer konfliktfreien Welt.

Joseph Anton Koch, Dalli Orti Farnesiani in Roma, 1810, Blatt 15 aus der Serie Vedute Romane. Foto: rv. Der Regenbogen über dem Kolosseum wird als Symbol für das Zusammenwachsen der antiken und der christlichen Tradition Roms interpretiert. Das Gemälde «Heroische Landschaft mit Regenbogen» (1812) befindet sich in der Neuen Pinakothek in München.

Weitere Werke von Deutschrömern, auch Ölgemälde, sind in der Schau zu sehen, etwa von Carl Blechen (1798-1840), der 1828/29 in Italien zahlreiche Skizzen herstellt und diese später in Berlin zu realistischen Landschaftsbildern ausarbeitet. Oder von Anselm Feuerbach (1829-1880), dessen mythologische Figuren zentrale Themen in seinem Schaffen sind. Auch Arnold Böcklin (1827-1901) ist vertreten und rührt mit der Villa am Meer von 1878 an Todessehnsüchte.

Luciano Fabro, Italia all’asta, 1994, Eisen, Privatsammlung. Foto: rv.

Im 20. Jahrhundert ändert sich die Sicht auf Italien fundamental. Die Weltkriege führen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Arte Povera unterläuft in den 1960er Jahren die idealisierten Vorstellungen von klassischer Kunst und Kultur mit einer radikalen Offenheit gegenüber Materialien und künstlerischen Praktiken.

Vom Turiner Installationskünstler Luciano Fabro (1936-2007) hängt im Ausstellungssaal eine Eisenskulptur mit der auf den Kopf gestellten Form seiner Heimat. Er hinterfragt das über Jahrhunderte geprägte Bild Italiens als Wiege der Künste und lässt die Frage nach Kritik und Sehnsucht in der Schwebe. Das Werk ist 1968 in einer Zeit politischer und sozialer Unruhen entstanden. Ein Plakat mit dieser Skulptur wird damals von den Behörden verboten, weil es zu aufrührerisch sei. In der Schau sind zudem Werke vom Fotografen Luigi Ghirri (1943-1992) oder von Monica Bonvicini (*1965) zu sehen.

Luigi Ghirri, Puglia, 1986, C-Print, Mai 36 Galerie, Zürich.

Der Ausstellung Italia schliessen sich in Winterthur noch zwei weitere Exhibitionen an: Nord – Süd, Perspektiven auf die Sammlung mit Arbeiten aus der umfangreichen Arte Povera-Sammlung aus dem Süden, die auf Werke von Kunstschaffenden aus dem Norden, insbesondere aus Düsseldorf, trifft. Die kleine Kabinettausstellung Di passaggio zeigt italienische Miniaturbildnisse des Klassizismus, deren Urheber oft im Ausland Karriere machten, wo sie die Edlen der Gesellschaft porträtierten.

Titelbild: Barthélemy Menn (1815-1893), Blick über das Forum Romanum, um 1835/1838.
Bilder: Kunst Museum Winterthur

Bis 11. September 2022
Italia – Zwischen Sehnsucht und Massentourismus. Im Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten, mehr Informationen finden Sie hier

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