FrontKulturBetroffenheit und Schweigen

Betroffenheit und Schweigen

Der Spielfilm «La Mif» von Fred Baillif beschreibt den Alltag in einem Genfer Mädchenheim und eskaliert, begnügt sich aber nicht mit Analysen und Schuldzuweisungen, sondern stösst dorthin vor, wo es Betroffenheit und Schweigen gibt.

Eine Gruppe Mädchen lebt im Heim, in einer Gemeinschaft, wie sie es bisher noch nicht kannten. Doch ohne Krisen und Konflikte geht es auch hier nicht, dafür sind die Temperamente der jungen Frauen zu verschieden, ist ihr Lebenshunger zu gross und ihr Platz in der Gesellschaft zu prekär. Heimleiterin Lora ist immer für sie da; oder ist es eventuell umgekehrt? Dann bringt ein Zwischenfall das Pulverfass zum Explodieren.

Entfesselte und intensive Auseinandersetzungen

Zum Einsteigen 

… trifft mitten ins Herz

«Wie ein rauschender, energiegeladener, pulsierender Herzschlag treibt dieser Film seine Figuren und die Zuschauerinnen und Zuschauer mit schonungsloser Ehrlichkeit durch verschiedene, klug miteinander verwobene Geschichten und Ereignisse. Getragen wird er dabei von fesselnden und intensiven schauspielerischen Leistungen und hält stets seine Balance zwischen Stärke und Verletzlichkeit. Dieser Film entwickelt einen Sog, lässt einen nicht mehr los und trifft mitten ins Herz.» Bericht der Jury der Berlinale 2021

… Lebens- und Leidenswege

 «Der 48-jährige Baillif zeigt in seinem Sozialdrama, wie sieben junge Frauen in einem Mädchenheim zur Schicksalsgemeinschaft werden. In Einzelporträts, die wie ein roter Faden durch die Geschichte führen, zeichnet er ihren Lebens- und Leidensweg nach, in dem auch sexueller Missbrauch vorkommt. Am meisten gelitten haben die Frauen unter dem Schweigen jener, die von den Missbräuchen wussten, aber nichts sagten. Das Heim wird zur Ersatzfamilie, es bietet Schutz und Geborgenheit, doch Konflikte sind natürlich ebenso unvermeidlich. Der Film gibt den Frauen Sichtbarkeit und hebt die Wichtigkeit solcher Institutionen in unserer Gesellschaft hervor.» Laudatio zum Preis der Zürcher Kirchen

… und mir nur das Schweigen bleibt

Wer sich noch an den deutschen Spielfilm «Systemsprenger» von Nora Fingscheidt erinnert, wo ein Mädchen eine Schar von Sozialpädagog:innen an die Wand fährt, muss bei «La Mif» (umgangssprachlich für Familie) von Fred Baillif zur Kenntnis nehmen, dass hier ein halbes Dutzend junge Frauen und ebenso viele Erzieher:innen als Hauptpersonen mit einem Vielfachen an Themen und Problemen, aber auch Lebenslust und Lebenslasten agieren. Und da der Regisseur, der früher selbst Sozialarbeiter war, die Aufgabe der Sozialarbeit gross in den Fokus nimmt, wird der Film nochmals komplexer, erschütternder und bekommt eine Dimension, die weit über Analysen und Schuldzuweisungen hinausgeht. «La Mif» stösst für mich zu dem vor, was man die Grundbefindlichkeiten, die Grundbedingungen des menschlichen Lebens nennen kann, was Betroffenheit auslöst und mir nur das Schweigen bleibt.

Fred Baillif, 1973 in Genf geboren

Anmerkungen des Regisseurs

«In den letzten Jahren haben sich mehrere Frauen, die sexuellen Missbrauch erlitten hatten, mir gegenüber geöffnet. Angetrieben vom Wunsch, sozial engagierte Filme zu machen, sammelte ich ihre Aussagen, um sie als Grundlage für dieses Projekt zu nutzen. Eines der Themen tauchte immer wieder auf: die Verleugnung der Angehörigen des Opfers, die sich so zu Komplizen machten.

Bei der Suche nach Figuren und dem Schauplatz für die Geschichten, stiess ich auf das Jugendheim, ein guter Ort für Missbrauchssituationen. In Übereinstimmung mit meinem Cinéma-Vérité-Stil beschloss ich, einen Immersionsprozess zu starten. So kontaktierte ich Claudia, mehr als 20 Jahre nachdem ich während meines Studiums als Praktikant mit ihr gearbeitet hatte. Sie sollte bald in den Ruhestand gehen und erklärte sich bereit, mir zu helfen, bevor sie mir ihre grosse Frustration über das Jugendschutzsystem offenbarte. Das hat mich sofort zu meiner Geschichte inspiriert.

Die Schauspielerinnen wurden zu Co-Autorinnen des Films, denn der Zugang, den sie mir zu ihrem Leben gewährten, ermöglichte es mir, die Geschichte zu konstruieren. Dieser Prozess führte zu faszinierenden Ergebnissen. Am Anfang standen Einzelgespräche mit den Bewohnern und dem Personal des Heims, die uns zu den Improvisationsthemen führten. Wir haben dann zwei Jahre lang Workshops durchgeführt, aus denen sich nach und nach Figuren herauskristallisiert haben. Ich sammelte alle Elemente dieser Improvisationen und schrieb ein Drehbuch. Es gab keine geschriebenen Dialoge, sondern nur den Filmplot, ein Outline und einige Pointen.»

Einige der Protagonistinnen

 Lora (Claudia Grob), die Heimleiterin

«Ein Heim ist kein Gefängnis, diese Kinder sind nicht bestraft. Sie sind hier, damit man sie begleitet und sie weiter erzieht, einschliesslich in der Sexualität. Sexualität unter Jugendlichen bringt die Erwachsenen in Aufruhr, und die Presse liebt es! Aber Sexualität ist kein Verbrechen, sie kann erlernt werden, sie ist ein Recht. – Ich liebe euch, um ehrlich zu sein. Ich bin noch nie jemandem so nahegestanden. – Ich weiss nicht, ob das eine Wahrheit ist. Doch ich sehe mein Leben nicht ohne euch. So süss. Das ist die Mif. Wir sind die Mif. Was ist die Mif? Die Familie in Verlan.»

Novinha (Kassia Da Costa)

«Aber sie ist eine verdammte Praktikantin … Ihr seid wie unsere Eltern, und ihr lässt eine Praktikantin, die frisch angekommen ist, in unserem Heim … Sie kennt uns nicht einmal und ruft die Bullen! Ich schwöre dir, gestern wollte ich sie verprügeln.»

 

Alison (Amélie Tonsi)

«Wie kann dir dein eigener Vater so etwas antun. Verrückt. Der Kerl … hat mich entjungfert, aber dreckig. Der Kerl, für mich ist der kein Vater. Er ist ein Arschloch. Ich möchte ihn gerne finden und ihm die Fresse einschlagen … Aber es lohnt sich nicht einmal.»

Audrey (Anaïs Uldry)

«Wäre ich 3 Monate jünger, wäre es keine Vergewaltigung. Auf dem Polizeiposten musste ich eine Vaginal-Untersuchung machen, ist das keine Vergewaltigung? Das ist ein verdammter Witz.»

 

Tamra (Sara Tulu), links im Bild

«Wenn ich meine Eltern nicht finde und hier weg muss, springe ich in den See. Da ich nicht sehr gut schwimme, würde ich mich schnell umbringen. So müsste sich niemand langweilen, um mich auszuweisen … Ich weiss nicht, wie das in meinem Land sein wird, es ist schon so lange her. Dann sterbe ich lieber hier, als all das durchzumachen.»

 

Antworten zum Weiterfragen

Es gibt Filme, die einen verfolgen und nicht in Ruhe lassen, weil sie uns immer neue Antworten abverlangen. Ein solcher ist «La Mif». Bei ihm geht es vordergründig um Alltägliches, hintergründig und grundsätzlich um Allgemeingültiges und Allgemeinmenschliches. Darüber nachsinnend, bin ich auf Hans Saner gestossen, der einmal geschrieben hat: «Wer eine Antwort gibt, ohne eine neue Frage zu öffnen, gibt keine Antwort». In diesem Sinn fesselt mich dieser Film, denn er verweigert Antworten, um immer neue Fragen zu stellen, die aber auch abschliessend unbeantwortet bleiben. Der Film erinnert mich auch an Ingmar Bergman, in dessen ganzem Oeuvre sich jeweils die Antwort des einen Werkes als die Einstiegsfrage des folgenden erweist. Angesichts der künstlerischen Qualitäten von Baillifs Film, die ich vollumfänglich bewundere, verrät mir «La Mif», dass der Regisseur hier auch dem folgt, was Saner generell meint: «Das ist die Kunst, Fragen zu stellen, ohne befriedigende Antworten zu erwarten». In diesem Sinn kann der Prozess, den «La Mif» angestossen hat, im Leben von uns Zuschauer:innen weiterführen.

Titelbild: Die jungen Frauen in «La Mif» (von links): Anaïs Uldry (Audrey), Amandine Golay (Caroline), Amélie Tonsi (Alison), Kassia Da Costa (Novinha), Sara Tulu (Tamra), Joyce Esther Ndayisenga (Précieuse), Charlie Areddy (Justine).

Der ganze Text von Fred Baillif zum Film findet sich hier: Der Regisseur Fred Baillif zum Film

Regie: Fred Baillif, Produktion: 2021, Länge: 112 min, Verleih: Aardvark Film Emporium

1 Kommentar

  1. Finde sozial kritische filme,wichtig und mein mein lieblingsgenre. Es zeigt die sozialkritische Unterschiede zwischen den Nationalitäten und Religionen in einer society im 21 Jahrhundert.

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