FrontKulturWas ist nach dem Tod?

Was ist nach dem Tod?

Im Dokumentarfilm «(IM)MORTELS» hat Lila Ribi während zehn Jahren ihrer Grossmutter immer wieder diese Frage gestellt und ihre Aussagen mit Antworten von Spezialisten ergänzt: eine liebenswürdige, tiefsinnige und anregende Einladung, sich selbst befragen.

«Nach dem Tod ist nichts», so die Antwort der 91-jährigen Grossmutter Greti Aebi auf die Frage ihrer Enkelin und Filmemacherin Lila Ribi. Diese aber will weitere mögliche Sichtweisen dazu kennenlernen. Mit dem Dokumentarfilm «(IM)MORTELS» wurde die Autorin verdiente Gewinnerin des 9. Migros-Kulturprozent CH-Dokfilm-Wettbewerb 2022.

Rüstig für ihr Alter, wohnt Greti im Erdgeschoss eines ländlichen Hauses in der welschen Schweiz. In den Geschossen darüber lebt ihr ältester Sohn Claude. Lila will von Greti immer wieder wissen, wie sie sich den Tod vorstellt und was danach kommt. Gretis lapidare Antwort lautet meist ähnlich: «Da ist nichts.» Zuschauende, die sich von diesem Film die endgültige Antwort erwarten, werden, ehrlicherweise, enttäuscht.

Der Film nimmt uns fragend und suchend mit auf eine heiter-ernste Reise nach dem Sinn des Sterbens und des Lebens. Nur selten habe ich es erlebt, wie die Menschenfreundlichkeit einer Filmautorin sich dermassen auf die Stimmung eines Filmes überträgt wie hier. Eineinhalb Stunden mit schönen Bildern und in einem angenehmen Rhythmus, den Fragen nach dem Tod nachgehend, wird der Film zu einer bewegenden und beglückenden Reise zu mir selbst.

Lila, die fragt, zuhört und festhält

Wie Lila Risi an ihre Grossmutter und ihre Fragen nach dem Tod kam

Sie haben einen Film über Ihre Grossmutter gedreht. In dessen ersten Bildern ist sie 91 Jahre alt. Wann haben Sie begonnen, Ihre Grossmutter zu filmen? Wann beschlossen Sie, daraus einen Kinofilm zu machen?

2007 drehte ich einen mittellangen Film, «Spaghetti alle Vongole». Darin versuche ich eine Verbindung zu meinem Vater aufzubauen, der meine Mutter verlassen hat, als sie schwanger war. Bei dieser Gelegenheit filmte ich auch Greti Aebi, meine Grossmutter väterlicherseits, zu der ich eine enge Beziehung hatte. Ich fand Greti vor der Kamera stark, mochte es, mit ihr zu arbeiten, und drehte nach Beendigung des Films weiter. Ich spürte, dass die Aufnahmen wertvoll waren. Gleichzeitig begann ich mich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Als Greti 99 Jahre alt war, beschloss ich, aus ihren Aufnahmen einen Film zu machen. Nach der Fertigstellung meines ersten langen Dokumentarfilms «Révolution Silencieuse» 2016 kam mir die Idee, Greti und mein Interesse am Tod miteinander zu verbinden.

Woher kommt Ihr Interesse am Tod bzw. am Sterben?

Ich war dabei, als meine andere Grossmutter mit 93 Jahren starb. Im Moment ihres Todes fühlte ich, wie ein subtiler Strom ihren Körper verliess. Als ich mir später in der Nacht in der Küche ein Glas Wasser holte, überkam mich grosse Traurigkeit darüber, dass ich meine Grossmutter nun nie mehr sehen würde. In diesem Moment begann die Lampe über dem Tisch zu flackern und plötzlich war meine Grossmutter fühlbar präsent. Nicht geschwächt, wie in den Wochen davor, sondern in voller Kraft und strahlend. Es war, als ob sie mir sagen wollte, ich solle mich nicht selbst bemitleiden und dass das Leben weitergehe. Ich weiss nicht, ob sie das irdische Leben meinte oder dasjenige nach dem Tod. Dieses Erlebnis führte dazu, dass ich alles las, was mir zum Thema Leben nach dem Tod in die Finger kam.

Sie fragen Greti wiederholt, was der Tod für sie bedeutet.

Gretis Antwort ist mehr oder weniger immer die gleiche: Mit dem Tod ist alles zu Ende. Sie selbst aber sind anderer Meinung. Wann haben Sie diese Frage anderen Personen zu stellen begonnen? Ich vertiefte mich intensiver ins Thema, als ich für (IM)MORTELS das Dossier für den Migros-Wettbewerb zusammenstellte, begab mich auf die Suche nach Protagonist:innen und begann mich mit Menschen zu treffen, die täglich mit dem Tod zu tun haben und sich schon seit Langem damit auseinandersetzen. Mit ihnen über essenzielle Fragen des Todes zu sprechen war für mich bereichernd, ich hatte bei diesen Gesprächen öfters das Gefühl einer «verwandten Seele» zu begegnen.


Auch die Hände kommunizieren

Antworten auf Fragen, Fragen auf Antworten …

Für Lila Risi ist der Tod nicht unbedingt ein Ende, sondern auch ein Mysterium. Sie recherchiert und trifft Menschen, die sich berufshalber oder aus Berufung mit Sterben und Tod beschäftigen. So besucht sie den Neurologen Lukas Imbach, zu dessen Aufgaben am Universitätsspital Zürich es gehört, den Moment eines Hirntods protokollarisch festzuhalten.

Aber auch die Natur ist präsent in Ribis Film, der immer wieder in Sphären vordringt, die in Worten zu beschreiben kaum möglich ist. Die Bilder von Landschaften, die Fauna und Flora, Wind und Wasser, die schwärmenden Vögel, eine Heuschrecke, die sich auf eine Blüte setzt, das tosende Meer, die wirbelnden Schneeflocken werden zu Spiegelbildern, Seelenlandschaften.

Die Frage nach dem Tod und dem Danach führt die Filmemacherin auch zu dem auf Sterbebegleitung spezialisierten Psychologen Erich Dudoit in Marseille. In seinem Gespräch mit dem jungen krebskranken Hervé sind sich die beiden einig, dass der Tod ein Übergang ist in eine andere Art des Seins.

Später filmt Lila die junge Witwe Pauline, die von ihrer Trauer und den Fragen erzählt, die sie sich in Bezug auf ihren entschwundenen Mann stellt, und wie sie sich von seiner Liebe umgeben fühlt. Die Liebe ist auch für die ehemalige Pferdesportlerin Sandra Boegly ein Schlüsselmoment des Lebens. Sie hat bei der Geburt ihres ersten Kindes beinahe das Leben verloren, sah sich in einer Nahtoderfahrung mit der Frage konfrontiert, ob sie in ihrem irdischen Sein genug geliebt habe.

Weiter besucht die Filmemacherin in der Bretagne Christelle Dubois, die seit einem Autounfall in der Kindheit die Toten sprechen hört. Dubois betreibt ein Bestattungsunternehmen und arbeitet als Medium. Ihr Umgang mit Verstorbenen, die sie für ihre letzte Reise vorbereitet, ist ausnehmend zärtlich. Nicht nur Menschen mit Nahtoderlebnissen erzählen von einer sich im Moment des Sterbens öffnenden Pforte.

Auch der auf Komapatienten spezialisierte Neurologe Steven Laureys sucht mit wissenschaftlichen Methoden herauszufinden, was das menschliche Bewusstsein tatsächlich ist. Und er gäbe viel dafür zu wissen, was mit dieser Energie nach dem Ableben eines Menschen eigentlich geschieht.

Der ungarische Wissenschaftsphilosoph und Pianist Ervin Laszlo spricht vom Bewusstsein als einem vibrierenden Feld, einer allumfassenden kosmischen Substanz, welche Materie manifestiert und derer sich der Mensch gewahr werden kann. Für ihn sind Menschen mehr als bloss Fleisch und Knochen, sondern von einer universellen Liebe beseelt, und alles ist mit allem verbunden.

Jede Wahrheit bleibt eine Abstraktion, solange man sie nicht selbst erlebt. Darum macht Lila Ribi einen Selbstversucht: Mit Hilfe psychedelischer Drogen tritt sie in die Dimension des Jenseits ein, wo sie eine lebendige Verbundenheit und tiefe Dankbarkeit dem Mysterium des Lebens gegenüber empfindet und den Tod als eine Tür zur Weiterentwicklung erfährt.


Lila vor ihrem Selbstversuch

Gretis glückliches Ende

Nach einem Sturz kann Greti nicht in ihr Haus zurückkehren, lebt fortan in einem Heim. Enorm ist ihr Schmerz über den Verlust. Lila möchte ihr helfen, doch für viel anderes als Zeit mit ihr zu verbringen, hat sie, inzwischen selbst Mutter geworden, nicht. Greti wünscht sich nichts sehnlicher als den Tod. Unterdessen über 100 Jahre alt, bricht es unverhofft aus ihr heraus: Früher sei sie auch mal gläubig gewesen, doch das habe sich schnell gelegt.

Greti stirbt mit 103 Jahren in Frieden. Lila darf bis zum Schluss bei ihr sein. Nunmehr ohne direkte Verbindung zu ihrer Grossmutter, begibt sich die Regisseurin noch einmal zu Christelle Dubois, um einen letzten Versuch zu unternehmen, mit ihr als Medium mit dem Jenseits zu kommunizieren. Die letzte Ruhe findet Greti im Beisein ihrer Familie unter der grossen Linde neben ihrem Sohn in ihrem Garten.

Interview mit Lila Ribi

Titelbild: Lila und Greti: in intensiven und zärtlichen Gesprächen

Regie: Lila Ribi, Produktion: 2021, Länge: 89 min, Verleih: Filmbüro

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