FrontKolumnenGesundheitswesen: „Das Paradies der Geldgierigen“

Gesundheitswesen: „Das Paradies der Geldgierigen“

Die Schweiz gehört zur Spitze. Sie hat das beste Gesundheitswesen, vor den USA, trotz Obama-Care. Unser System erfasst alle, die Grundversicherung ist obligatorisch. Im Gegensatz zu den USA. Das System hat aber seinen Preis. Die Krankenversicherungen lassen schon jetzt durchsickern, was im September Tatsache werden wird: Die Prämien werden einen hohen Anstieg erleben, gegen 10 Prozent. Die durchgesickerten Informationen haben den Zweck, uns langsam daran zu gewöhnen, dass  wir im September nicht einen Schock erleben. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Derweilen beugen sich die eidgenössischen Räte über zwei Initiativen, mit denen dem permanenten Prämienanstieg entgegengewirkt werden soll. Mit der Kostenbremsen-Initiative verlangt die Mitte, dass Bundesrat, Bundesversammlung und Kantone eingreifen müssen, wenn die Gesundheitskosten, im Vergleich zu der Lohnentwicklung, zu stark steigen. Mit der Initiative will die Mitte das Gesundheitswesen retten und die Prämienzahlenden entlasten. Die Initiativ hatte im Nationalrat keine Chance, auch wenn Gerhard Pfister, der wohl profilierteste Parlamentarier zu Bern, aus sich heraus trat und dem Rund eine Kapuzinerpredigt hielt: «Das Gesundheitswesen ist ein Perpetuum mobile der Selbstbedienung, ein Paradies für Geldgierige, ein Gesundheitskartell, das sich in diesem Milliardenmarkt gesund stösst“. Starke Worte, die sich unter der Bundeshauskuppel wie von selbst auflösten. Keine und keiner fühlte sich wohl so richtig angesprochen, obwohl alle daran beteiligt sind. Immerhin bequemte sich der Nationalrat zu einem Gegenvorschlag, so dass doch irgend etwas in Bewegung kommt. Nächstens ist die Initiative der SP auf der Agenda des Nationalrates. Die SP-Initiative will, dass die Krankenkassenprämien einer Familie nicht mehr als 10 Prozent des Einkommens betragen darf. Die Initiative wird den gleichen Schiffsbruch erleben wie die der Mitte.

Ja, es ist ein Riesenmarkt. 85 Milliarden werden jährlich im Schweizer Gesundheitswesen umgesetzt. 10’000 Franken pro Einwohner. Gegen 500’000 Personen arbeiten in diesem Bereich (im Jahr 2019 waren  es genau 423.698) und finden ihr Einkommen darin. Zum Vergleich: Im Bankensektor arbeiten rund 90’000 Menschen. Fakt ist aber auch, dass wir alle, dass die Institutionen, der Bund, die Kantone, die Gemeinden, die Krankenkassen, die Ärzteschaft, die Pflegenden und nicht zuletzt wir Patienten zur aktuellen Situation beitragen, mitverantwortlich sind, uns in diesem „Paradies für Geldgierige“ ganz gut bewegen. Beginnen wir doch mit uns. Hand aufs Herz. Streben wir nicht doch nach den besten Leistungen, nach den wirksamsten Medikamenten, gar nach den überteuerten  Krebsmedikamenten, wenn wir sie nötig haben, nach den optimalen Operationen, lassen uns die Hüften, die Knie ersetzen, den Rücken operieren, auch mehrmals, um mehr Lebensqualität zu erhalten. Wir zahlen ja seit Jahrzehnten treu und rechtzeitig die Prämien ein, so dass wir das doch alles verlangen, beanspruchen können. Sind wir nicht auch gierig im Paradies des Gesundheitswesens?

Schauen wir auf die Ärzteschaft. Sie vermittelt immer noch einen Nimbus des Höheren. Sie alle sind gut ausgebildet, nach einem langen Studium und untergeordneter Assistenz-Zeit kommen sie endlich im Paradies an, verdienen endlich überdurchschnittlich gut und wollen nicht mehr davon lassen. Die Krankenkassen werben zwar lauthals und mit nicht immer gelungenen Kampagnen um gute (gesunde) Patienten. Sind aber auch bestrebt, am Kuchen im Paradies  beteiligt zu sein, fürchten Leistungsausdehnungen, befürchten, dass sie durch frühzeitige Spitalentlassungen nach Operationen in die Bresche springen müssen. Und: Sie betreiben zunehmend ein stringentes Kostenmanagement.

Die Kantone leiden doppelt. Einmal, weil sie für ihre Spitäler verantwortlich sind, mit den    Kostenpauschalen zurande kommen müssen, und zum anderen, weil sie für die Prämienverbilligungen letztlich zuständig sind. Bei den Kostenpauschalen versuchen sie, sich schadlos zu halten, in dem sie die Patienten möglichst früh entlassen, damit die weiteren Kosten die Krankenkassen zu übernehmen haben. Bei den Prämienverbilligungen versuchen sie, ihren Anteil möglichst tief zu budgetieren. Leidtragende sind die Personen und Familien, die wenig verdienen und Anspruch auf die Verbilligungen haben. Quasi ein grandioses Schwarz-Peter-Spiel im Paradies des Gesundheitswesens, wenn es nicht so ernst wäre. Tröstlich ist zumindest eines: An Geld fehlt es nicht. Untröstlich ist aber, dass das Parlament keinen Ausweg findet. Es laboriert seit Jahrzehnten am KVG herum, kann sich nur auf kleine Reformen einigen. Herauskommen werden auch diesmal  Vorlagen mit Reformschritten, die uns eine noch höhere Komplexität bescheren werden. Auch etwas.

Lösen kann das jetzt eigentlich nur einer, sofern er will und die Kraft dazu noch hat: Bundesrat Berset, seit der Pandemie wohl auf dem Höhepunkt seiner magistralen Arbeit. Er könnte, sollte als Innenminister eine grosse Reform an Haupt und Gliedern wagen. Immerhin hat er jetzt die neueste Version des Ärztetarifmodells Tardoc zurück an die Absender geschickt. Die Kostenneutralität sei nicht gegeben. Schon erstaunlich: Seit Jahren basteln die Ärztevereinigung FMH und der Krankenkassenverband Curafutura an einem neuen Tarifmodell herum. Und noch erstaunlicher ist, dass dabei wichtige Organisationen fehlen, so der Krankenkassenverband Santésuisse und der Spitalverband H+, was der Bundesrat kritisiert. Dass in der kleinen Schweiz sich zwei  Krankenkassenverbände            gar konkurrenzieren, macht deutlich, wie im Paradies der Geldgierigen um Einfluss gerungen wird. Die Ärztevereinigung FMH und Curafutura haben Bundesrat Berset für seine Rückweisung schon ganz heftig kritisiert.

Auch Gerhard Pfister, der den Puck im Paradies der Geldgierigen erkannt hat und das    Gesundheitswesen von der Gier befreiten möchte, sollte in Aktion treten. Mit einer umfassenden parlamentarischen Initiative könnte er den Weg weisen.

Wir sind ein kleines, ein überschaubares Land. Wir haben das beste Gesundheitswesen, aber auch ein  sehr teures, das sich nicht mehr alle leisten können. Jetzt ist eidgenössische Solidarität angesagt, mehr Gemeinsinn, was letztlich allen in diesem hochsensiblen Bereich Gesundheit helfen würde. Kleinkrämerische Debatten in einem überforderten Parlament führen schlicht nicht weiter.

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5 Kommentare

  1. Man müsste sich vielmehr einmal fragen, was es bringt, dass sich rund 50 Krankenkassen mit praktisch den gleichen Leistungen (Leisungskatalog der Grundversicherung) aber mit marktschreierischen Methoden um die Versicherten balgen. Ein ökonomischer Unsinn! Übrigens verschlingt die Mobilität mit 100 Mrd. Fr. mehr Geld als das Gesundheitswesen, Umweltkosten nicht eingerechnet.

  2. Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her. Unser aufgeblähtes Gesundheitssystem, das eher ein Krankheitssystem ist, braucht dringend einen Systemwechsel. Eine Kostenbremse würde auch nur kurzfristig und einseitig etwas bringen. Es geht schon lange nicht mehr in erster Linie um die Menschen und ihre Bedürfnisse, es geht um Rentabilität und politische Einflussnahme der Dienstleister. Das Gerangel der Krankenkassenverbände untereinander und die Kämpfe mit der Ärzteschaft und Spitälern zeigen dies deutlich.

    Tatsächlich braucht es nur EINE z.B. eine eidgenössische Krankenkasse, um unsere medizinische Grundversorgung zu gewährleisten. Dieses Obligatorium sollte nur medizinische Dienstleistungen für eine tatsächliche und notwendige Grundversorgung abdecken. Dies wird durch Abspecken des Leistungskatalogs erreicht. Nicht alles medizinisch Machbare ist auch notwendig. Die Prämien sollten nach Einkommen gemäss Steuer festgesetzt werden. Weiterführende Ansprüche und Wünsche seitens der Versicherten könnten, wie bisher, bei den privaten Angeboten der Krankenversicherer in Anspruch genommen werden. Da spielt der freie Markt und der Preis wird von Angebot und Nachfrage bestimmt und der Wettstreit der Krankenkassen um Kunden legitim, ja sogar erwünscht.

    Ich erinnere mich an meine frühe Kindheit. Der Hausarzt, Hausärztinnen gab es ja noch kaum, wurde nur im Notfall aufgesucht. In der Regel kam die Gemeindekrankenschwester mit ihrer grossen Erfahrung und erprobten Heilpraktiken ins Haus. Sie stand den Kranken mit Empathie und praktikablen Ratschlägen zur Seite und schloss nicht selten das Wohl der ganzen Familie mit ein. Das Vertrauen in die medizinische Grundversorgung und die Eigenverantwortung waren gross. Natürliche Hausgeburten mit einer erfahrenen Hebamme waren lange alltäglich, bis die Ärzteschaft und die Spitäler das lukrative Geschäft der Gynäkologie und Geburtshilfe für sich entdeckten. Die hohe Zahl der „geplanten“ Geburten, die heutzutage per Kaiserschnitt auf die Welt kommen müssen, ist frappant und hat für die spätere Entwicklung des Kindes prägende negative Auswirkungen (Immunsystem).

    Für viele ältere Menschen ist es deprimierend, dass sie, mangels genügender Hausärzte und Hausärztinnen, in eine der grossen Hausarztpraxen der Krankenkassen gehen müssen und wie am Fliessband von immer jüngeren und stets wechselnden Ärzten und Ärztinnen „behandelt“ werden. Es gibt kaum Ärzte und Ärztinnen, die über das notwendige Wissen in der Altersmedizin verfügen, obwohl die ü65 bald 30 % der Bevölkerung ausmachen, Tendenz steigend.

    Es geht doch nicht an, dass in der Schweiz immer noch zu teure Medikamente, im Vergleich zum Ausland, verkauft werden. Die Politiker und die Pharmaindustrie stehen in der Pflicht, diese Ungerechtigkeit gegenüber den Versicherten endlich auszumerzen. Die Medikamentenpreise, insbesondere die Generika, sollten einheitlich festgesetzt und in der ganzen Schweiz zum selben Preis erhältlich sein.

  3. Unser Gesundheitssystem (aber auch die übrigen europäischen) ist tatsächlich ein perpetuum mobile, d.h., dass es von allen systemrelevanten Akteuren angetrieben wird und keiner von denen ein Interesse hat, daran Veränderungen, lies Abstriche vorzunehmen: der Konsument nicht, weil er die beste, zeitverzugslose medizinische Dienstleistung will und via Prämienverbilligungen, tiefer Franchise oder Teuerungsausgleich bei Löhnen und Renten (AHV) steigende Kosten kompensieren kann; Ärzte selbstredend auch nicht, denn es geht ja um ihr Einkommen; Krankenkassen sind ebenfalls nicht wirklich interessiert, denn die geben ihre Kostensteigerungen in Form von höheren Prämien weiter. Nur die Politik hat das Gesundheitssystem noch immer nicht begriffen oder glaubt, an diesem Automatismus etwas verändern zu können.
    Aber sind wir doch ehrlich: wir alle wollen, dass uns die Spitzenmedizin, die neuesten, besten Medikamente und für alle medizinischen und sozialen Belange modern ausgerüstete, möglichst wohnnahe ambulante und stationäre Infrastrukturen rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Nur wollen wir nicht wahrhaben, dass ein solches Topangebot etwas kostet, das nicht durch irgendwelche politischen Tricks und Kniffe verbilligt werden kann.

  4. Hier wird wieder hauptsächlich eine Neid- und Missgunstdebatte lanciert, anstatt mit konstruktiven Vorschlägen und Fakten das Problem der stets steigenden Gesundheitskosten anzugehen.

    Die Schweiz, als führendes und innovatives Industrieland, hinkt in der Digitalisierung hinterher. Jetzt muss endlich das Elektronische Patientendossier (EPD) Pflicht werden und innert kurzer Frist umgesetzt werden! Länder, wo dies längst umgesetzt ist, haben gezeigt, dass sich damit grosse Kosteneinsparungen im Rahmen von 10-20% realisieren lassen. Allein das unsägliche Herumsenden von schriftlichen Berichten von Spezialisten zu Hausärzten und vice-versa verschlingt jährlich unnötig viele Milliarden!

    Dann müssen HMO-Zentren, die einen grossen Teil der Krankheitsbehandlung mit Allgemeinpraktikern und Spezialisten abdecken, stark gefördert werden. Da sich damit erneut Milliarden sparen lassen. Das Hausarzt Modell ist eh ein Auslaufmodell und auch hier hilft nostaligisches Wehklagen über Tempi passati nichts.

    Und Nein, die Medikamentenkosten, die rund 13% der gesamten Gesundheitskosten ausmachen, sind nicht oder fast gar nicht das Problem. Da sich ja mit immer besseren Medikamenten auch massive Behandlungskosten einsparen lassen. Die gezielte Stimmungsmache gegen die Pharmaindustrie gehört da auch zur Wohlstandsdekadenz der Schweizer und dem Wunsch nach systematischer Zerstörung unserer renommierten Weltunternehmen. Differenzierung und Kritik ja aber bitte keine ideologischen Tabula rasa Stimmungsmache.

    Auch hier wird – leider – das direktdemokratische Schneckentempo und das Je-Ka-Mi Gelafer weitergehen und griffige Lösungen Wunschdenken bleiben. Obschon wir uns das im Gesundheitswesen längst nicht mehr leisten können.

  5. Um die immensen Gesundheitskosten in unserem Land zu senken, ist der Standpunkt: Wir wollen nur das Beste und für alle, ist kontraproduktiv und ein Rückblick in die Vergangenheit einer damals bescheidenerer und menschlicherer Bevölkerung eher hilfreich.

    Wie ein gutes und soziales Gesundheitswesen funktionieren kann, zeigt das Beispiel Dänemark:

    https://gesundheitsseiten.de/start.php?nas=l%2C0350%2C0210&thema=D%25E4nemark

    https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/der-digitale-patient/projektthemen/smarthealthsystems/daenemark

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