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Die Zeit hat sich erschöpft

Im Hochland der Anden, fernab der sogenannten Zivilisation, erlebt ein altes Ehepaar grosse Veränderungen in ihrem Leben und in der Natur. Der bolivianische Regisseur Alejandro Loayza Grisi schuf mit dem Spielfilm «Utama» eine tiefsinnige und berührende Erzählung über die Liebe und die Welt, wenn beide sich dem Ende nähern. Ab 23. Juni im Kino.

Im trockenen Hochland der Anden lebt ein altes Quechua-Ehepaar. Diesem Land fehlt das Wasser, und der kranke Virginio verbringt seine letzten Tage im Wissen um seinen bevorstehenden Tod damit, diesen Zustand vor seiner Frau Sisa zu verbergen. Alles ändert sich durch die Ankunft des Enkels Clever, der Neuigkeiten aus der Stadt bringt. Die drei Protagonisten stellen sich in «Utama» (Unsere Heimat), dem ersten Spielfilm des bolivianische Regisseur Alejandro Loayza Grisi, auf unterschiedliche Weise den Veränderungen ihrer Umwelt und ihres Lebens.

Am Anfang war die Liebe, und sie steht auch noch am Ende. Dazwischen liegt ein langes, entbehrungsreiches, aber dennoch glückliches Leben in der bolivianischen Altiplano, der Hochebene zwischen den Hochgebirgsketten der West- und der Ost-Anden. Virginio und Sisa sind ausgefüllt mit lebensnotwendigen Verrichtungen. Die Lamaherde muss geweidet, der bescheidene Haushalt unterhalten werden. Zufrieden sind sie alleweil in der vertrauten Routine und Zweisamkeit. Ihr Haus steht unauffällig am Rande der Hochebene, umringt von hohen Bergen. Virginios Blick schweift in die Höhe, er hält Ausschau nach einem Zeichen vom Himmel und nach dem Kondor, in der Kosmologie der Indigenen ein Bote, der unten mit oben verbindet, und wird bedrängt von der Frage: Wann kommt der Regen?

Die Lamas im Zentrum von Virginios Leben

Von den heimischen Vögeln fliegt der Kondor am höchsten, vermag die Gebete der Menschen in den Himmel zu heben und die Seelen der Verstorbenen dorthin zu tragen. Ein Vermittler zwischen Leben und Tod, und ein Symbol für den Lebenszyklus schlechthin, denn von dort, wo er wohnt, kommt das Wasser, das der Ebene Leben spendet. Manchmal nimmt Virginio ihn unverhofft aus den Augenwinkeln wahr, wenn er mit seinen Lamas über die Hochebene zieht und versucht, die Zeichen am Himmel zu deuten. Beim näheren Hinschauen offenbart die Idylle jedoch konkrete Risse. Die trockene Erde klafft auseinander, die Lamas sind ermattet, der Dorfbrunnen quietscht und führt kein Wasser mehr, sodass sich Sisa gezwungen sieht, den immer weiteren Marsch zum Fluss unter die Füsse zu nehmen, um wenigstens das allernötigste Wasser heimzubringen. Sie ist nicht die einzige, aus den umliegenden Dörfern strömen die Frauen zur letzten noch verbliebenen Quelle.

Mit ein paar PS kommt der Enkel Clever angerattert, der die Moderne in der Tasche und neue Ideen im Kopf hat. Er soll eine Botschaft überbringen, doch die Sorgen seiner Grosseltern haben Vorrang. Das fehlende Wasser erschwert deren kräfteraubenden Alltag, und der Grossvater, so wird Clever gewahr, ist ernsthaft krank, was dieser vehement abstreitet. Gleichzeitig zieht der Kondor über ihnen seine Kreise. Der Alte versucht, dessen Zeichen zu deuten, tadelt den Enkel, diese nicht mehr lesen zu können und ärgert sich zudem, dass er mit ihm Spanisch sprechen muss, weil er seine Sprache nicht versteht. Für den Enkel sind die Zeichen so offensichtlich, dass ihn keine mystisch-verklärten Interpretation interessiert: Das Paar soll seine Ware packen und zur Familie in die Stadt ziehen, wo der Kranke sich untersuchen und behandeln lassen kann. Was sie dort sollen, fragt Virginio: den andern auf der Tasche sitzen oder auf der Strasse betteln? Die beiden beissen sich an ihren Argumenten fest: Tradition streitet sich mit der Moderne, Urwissen mit Wissenschaft. Der scheinbar ewige Disput, am Ende haben beide recht.

Enkel Clever begleitet den Grossvater

«Die Zeit hat sich erschöpft»

Mit diesen Worten beschreibt ein Bekannter von Virginio in einem Gespräch mit ihm die Situation im Dorf, im eigenen Land – und auf der ganzen Erde. Was bedeutet es für die Menschen und die Welt, wenn die Zeit, dieses Allumfassende, sich erschöpft? Wenn wir uns dem Tode nähern? Nachdem die Beziehungen zwischen den Menschen sich auflösen? Die Strukturen der Gesellschaft zerbrechen? Die technischen und künstlerischen Errungenschaften wegfallen?

Wenn vorher oder nachher der Kreislauf des Wassers mit Regen, Flut, Wolken und wieder Regen nicht mehr funktioniert? Wenn die Natur keine Nahrung mehr für Mensch und Tier hervorbringt? Die Erde ihrem Ende entgegen geht? Auch das zeigt der Film eindrücklich und beunruhigend.

Der das ganze Ökosystem umfassende Wandel ist im Film zu erahnen, gelegentlich zu erfahren: In der berührenden Liebesgeschichte von Virginio und Sisa, Laienprotagonisten in einer starken Performance, visualisiert mit grossartigen Tableaus der bolivianischen Kamerafrau Bárbara Álvarez, begleitet mit sphärischen Klängen von Cergio Prudencio und rhythmisiert mit der Montage von Fernando Epstein. Der Film «Utama» von Alejandro Loayza Grisi steht für eine ebenso schlichte wie dringliche universelle Botschaft: Es gibt nur eine Erde, es gibt sie nur einmal, und im Blick auf uns stellt er die Frage: Wann begreifen wir Bewohnerinnen und Bewohner in den Zentren der ersten Welt diese Botschaft endlich?

Das kleine Rinnsal mit dem letzten Wasser

Anmerkungen des Regisseurs

Im bolivianischen Hochland, auf mehr als 3500 Metern über dem Meeresspiegel, zwingt der Klimawandel die Gemeinschaften, ihre gewohnte Lebensweise zu ändern. Die Regenzeiten werden kürzer und die Dürreperioden länger, die Nächte kälter und die Tage heisser, die Gletscher schmelzen und das Wasser wird knapp. Es ist eines der vom Klimawandel am stärksten verwundbaren Gebiete der Erde.

Das ohnehin schon karge Gebiet wird immer unwirtlicher und zwingt die einheimische Bevölkerung zur Migration in die Städte, wo sie nicht weiss, wie sie leben soll, und wo sie mit einer Sprache konfrontiert wird, die nicht ihre eigene ist. In dieser neuen Umgebung haben vor allem die Älteren unter ihnen nur sehr wenige Möglichkeiten. Deshalb zögern sie, sich der enormen Abwanderung der letzten Jahre anzuschliessen, durch die das bolivianische Land immer mehr entvölkert wurde.

«Utama» (Unser Zuhause) ist ein warnendes Beispiel. Ältere Menschen können für ein verlorenes Bewusstsein und eine Weisheit stehen, die selten gehört werden. Sie können für die Warnungen stehen, die wir übersehen. Die Figuren Virginio und Sisa mit all der Weisheit, die sie im Laufe ihrer Jahre erworben haben, stehen für eine Kultur, die mitansehen muss, wie der jüngeren Generation Muttersprache und traditioneller Glaube abhandenkommen, während sie zunehmend aufgehen in einer wachsenden globalisierten Welt. Die Quechua-Kultur und ihr Verständnis von Leben, Sterben und Natur kennen wir in La Paz noch gut, ist aber im Verschwinden begriffen.

«Utama» ist auch eine Liebesgeschichte. Die Intimität der Beziehung von Virginio und Sisa wird durch die minimalen Gesten zwischen ihnen und das Schweigen, das sie beherrscht, spürbar – ein Schweigen, das sich in jahrzehntelangen Beziehungen entwickeln kann. Unabhängig von den kulturellen Unterschieden zwischen diesen Figuren und dem Publikum wollte ich ihre Liebe als universelle Kraft zeigen.

«Utama» ist letztlich eine Geschichte über einen der am stärksten unterrepräsentierten Orte der Erde, ist aber auch eine universelle Geschichte, die in jeder Gemeinschaft spielen könnte, die mit ähnlichen sozialen und ökologischen Problemen konfrontiert ist. Es ist eine Geschichte, die durch die Augen eines einfachen Paares erzählt wird, das mit dem Tod und dem Verlust seiner Werte und Bräuche konfrontiert ist. Obwohl es wie eine Tragödie aussieht, möchte ich, dass der Film Hoffnung vermittelt.

Titelbild: Sisa und Virginio (v. l.)

Gespräch mit dem Regisseur Alejandro Loayza Grisi

Regie: Alejandro Loayza Grisi, Produktion: 2022, Länge: 87 min, Verleih: trigon-film

 

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