FrontKolumnenMigros: wie gehabt!

Migros: wie gehabt!

Es war eine Pressekonferenz der besonderen Art, per Live-Stream in die Welt übertragen. In der Mitte sass Ursula Nold, Präsidentin der Verwaltung, oberste Aufsichts-Chefin des grössten Arbeitgebers in der Schweiz, rechts von ihr Fabrice Zumbrunnen, Präsident der Generaldirektion, assistiert vom Pressesprecher der Migros. Sie schienen überglücklich zu sein, dass 29% ihrer 2.3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter an „der demokratischen Ausmarchung“ (Ursula Nold) teilgenommen haben und eine überdeutliche Mehrheit, selbst im Wallis, weiterhin an einem Verbot des Alkohol-Verkaufs in den Läden festhalten will. Dass die Gremien, insbesondere die Delegiertenversammlung des Migros Genossenschaftsbundes, eine herbe Niederlage erlitten hat, völlig neben den Mitgliedern der Genossenschaft agiert hatte, war kein Bedauern wert. Von Konsequenzen ziehen war schon gar nicht die Rede. Im Gegenteil. Fabrice Zumbrunnen lapidar: „Es bleibt wohl kommenden Genrationen vorbehalten, auf das Verbot zurückzukommen.“  Es war offensichtlich: Die Spitze will offensichtlich nur eines, so schnell wie nur möglich zurück zur Normalität, zum „Wie gehabt!“.

Dabei erntete der Migros Genossenschafts-Bund  MGB mit dem Abstimmungsresultat einen eindeutigen, unmissverständlichen Vertrauensbeweis, nicht in erster Linie die Verwaltung, das Management, schon gar nicht die Delegiertenversammlung, sondern vielmehr die Institution Migros als Gesamtwerk. Einem Gesamtwerk, getragen vom tief verankerten Mythos wie ihn Gottlieb Duttweiler mit seinem Lebenswerk geschaffen und hinterlassen hat: ein Unternehmen mit Allleinstellungs-Merkmalen, die seinesgleichen suchen, nicht zu finden sind, weit über die Schweiz hinaus. Grundlage war die Entscheidung, gegen seine Mitstreiter, die AG aufzulösen, die Migros 1940 in eine Genossenschaft umzuwandeln, sie quasi dem Schweizer Volk zu schenken. Den Genossenschafts-Gedanken setzte er mit seinem von ihm definierten „Sozialen Kapital“ gleich: „Als eine grosse, weit über das Geschäftliche hinausgehende Mission, in der auf selbstbewusste Konsumentinnen und Konsumenten gesetzt wird und die erwirtschafteten Gewinne sozialisiert werden“. Er hoffte, dass sich „die Migros dieser Mission immer besser bewusst wird.” Und seine grösste Sorge war, „dass die Migros auch später diesen ideellen Goodwill als Basis beibehält und darauf weiterbaut, anstatt sich nur auf Millionen des Geldes und des Goldes zu verlassen.”

Tatsache ist: Die Migros entwickelte sich zum grössten Unternehmen im Detailhandel der Schweiz mit den meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, mit einem dichten Netz von Einkaufscentren, mit der Dennerladen-Kette (mit Alkohol-Verkauf ), den Migrol-Tankstellen, der Migros-Bank, mit dem  Reiseunternehmens Hotelplan, mit der Migros Klubschule, den Migros Fitness- und Wellness-Centern und nicht zuletzt mit dem Aushängeschild Migros-Kultur-Prozent.

„Das Soziale Kapital dagegen zerrann dabei ganz leise und stetig, wie Schnee im Frühjahr“,  analysierte Jens Martignoni, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, bereits 2004 in einem Aufsatz über den Werdegang der Migros. Immer noch würden aber heute einzelne Flecken von der einstmaligen Grösse der Ideen zeugen, und es seien Zeichen, die die Migros davor bewahrten, vollends von den Ideen Duttweilers Abschied zu nehmen, meinte Martignoni etwas versöhnlicher.

Wahr ist aber auch, dass die Migros aktuell unter Umsatzeinbussen leidet, mit Coop, den deutschen Umsatz-Riesen Lidl und Aldi starke Konkurrenten hat, die alle um uns Konsumenten kämpfen.

Das Abstimmungsergebnis ist aber ein untrügliches Zeichen davon, dass sich die Genossenschaftlerinnen und Genossenschafter nicht beirren liessen; sie setzten ein Zeichen. Es ist gleichsam eine Aufforderung, die Alleinstellungsmerkmale wieder zu erkennen, zu beleben, den Begriff des “Sozialen Kapitals“ neu zu fassen, zu aktualisieren, um zwei Gefahren zu begegnen, von denen Duttweiler immer wieder warnte: Vor der Scheu zum Risiko und der schweizerischen Tendenz zur Mittelmässigkeit.

Beinahe sinnbildlich war die Pressekonferenz per Live-Stream: Immer wieder waren die ersten Sätze von Ursula Nold, gar bei Fabrice Zumbrunnen nicht zu verstehen, weil die Mikrophone nicht rechtzeitig geöffnet wurden. Das mag kleinlich klingen, dürfte aber bei einem so gossen Unternehmen nicht passieren. Risiko genommen, mittelmässig umgesetzt.

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4 Kommentare

  1. Ich als altes Migroskind bin sehr froh über diesen Entscheid. Mein Vater hat Dutti noch gekannt und war auch im LdU tätig.

  2. Das Abstimmungsresultat braucht keinen Kommentar mehr. Wer das Resultat nicht versteht, kann hier nicht mitreden, PUNKT! Froh ist auch das Ladenpersonal. Die Einführung der Weine hätte in jedem Geschäft mindestens 15 – 20 Meter Ausstellregale beansprucht. Wo stehen sie zur Verfügung? Bereits heute ist es in vielen Läden bemühend, sich durch die Verkaufsflächen zu rangeln, besonders wenn in den Gängen die Promotionspaletten stehen und die Einkäufe mit dem Einkaufswagen bereits heute sehr stark erschweren. Zudem gibt es heute von gleichen oder ähnlichen Produkten zu viele Sorten, z.B. Süssgetränke wie Coca-Cola, die neuen Biersorten, usw. usw. hier macht die Migros einen Unsinn mit, der bei den kommenden steigenden Preisen eine Rückbesinnung hat. Hier hat die Migros-Leitung als Genossenschaft ihren Genossenschafterinnen gegenüber zu zeigen, dass sie die Ideen von Duttweiler auch heute noch umzusetzen bereit ist.

  3. Die MIGROS entfernt sich immer weiter von ihren Genossenschaftlern, den wichtigsten Kunden.
    Es wäre eine Sache des Anstands, dass die Urheber der leidigen Abstimmung nach ihrer Pleite den Hut nehmen.
    Statt dessen befürchte ich, dass bereits die nächsten verbraucherunfreundlichen Aktionen in Vorbereitung sind.

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