FrontKolumnenWas beim Gendern so alles vom Karren fällt

Was beim Gendern so alles vom Karren fällt

Gleichstellung muss sein. Gleichstellung ist nötig. Gleichstellung ist wichtig. So, jetzt habe ichs drei Mal geschrieben und damit beglaubigt und besiegelt. Aber was beim Gendern vom Karren fällt, ist halt schon bemerkenswert. Bemerkenswert lustig, bemerkenswert blöd.

Die Kinderinnen sind ein besonders deutliches Beispiel für überschiessendes Gendern. Wir warten auf Bab(y)innen, Tierinnen und Schafinnen.

Ein Bub ist ein Kind, ein Mädchen eine Kindin.

Sogar der Duden begibt sich mit der Gästin auf den schmalen Pfad zwischen Komik und Ärger. Ein weiteres Beispiel aus der Orthografie-Bibel sind die Bösewichtinnen. Mit einem ironischen Tweet reagierte die Hamburger Polizei. In einem Hotel seien ein Bösewicht und zwei Bösewichtinnen von Polizeienden festgenommen worden.

Eine Bösewichtin bestahl eine Gästin in einem Hotel innen. Aus dem Online-Duden.

Mit den Polizeienden sind wir bei einer florierenden Genderform gelandet: Studierende, Bewohnende, Mitarbeitende. Grammatik-Anwendende sagen dieser Zeitform Präsens, auf Simpeldeutsch Gegenwart. Sprach-Fundis weisen darauf hin, dass damit nur Personen gemeint sind, die dies gerade tun. Wenn Mitarbeitende über Mittag in die Badi gehen, sind sie nicht mehr Mitarbeitende, sondern Badende und auf der Liegewiese sind sie Liegende. Trotzdem hat sich im Sprachgebrauch eingeschlichen, dass Studierende auch an einer Party Studierende sind. Wer punktgenaue Grammatik liebt, freut sich an der hier gezeigten Abbildung.

Seniorweblesende sind morgen Seniorwebgelesenhabende.

„Hirschlein nimm dich wohl in acht / Wenn der Staat Gesetze macht.“ Der abgeänderte Liedtext weist auf einen Vorschlag der Berliner Gleichstellungsbeauftragten hin. Sie will, dass auf den Warnschildern das Geweih des Hirschs gekappt wird. „Weil auch Hirschkühe der Rücksicht bedürfen.“ Immerhin: Sie ist mit diesem Vorschlag nicht durchgekommen.

Hirsche ohne Geweih auf dem Strassenschild – ein Schildbürgerinnenstreich.

Das angehängte „innen“ verdeutlicht, dass beide Geschlechter gleichwertig sind. Schön. Die fünf Buchstaben machen aus armen Sündern verruchte Sünderinnen – und verleiten zu allerlei Unfug.

Wer innen spachtelt, gehört zur Genderinnung

Ob die „Putenbrust weiblich“ einen feministischen oder gar sexistischen Ansatz hat, weiss ich nicht. Wohl eher wollte der Werbetexter, die –texterin, ihre zoologischen Kenntnisse beweisen. Das Bild ist auch Bastian Sick aufgefallen. Der witzige deutsche Sprachexperte behandelt in seiner im „Spiegel“ erschienenen Kolumne „Zwiebelfisch“ schweizerisches Orthografie-Schaffen. Er glossiert den Stadtberner «Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung“.
Sehr lustig, sehr lesenswert.


Schmecken Putinnenbrüste besser als Puterbrüste?

Die Redaktion von Seniorweb verwendet weder * : I noch andere Zeichen, die gendergerechtes Schreiben fördern sollen. Sie hält sich damit an die Empfehlungen der Bundeskanzlei. Dies bedeutet, dass wir soweit sinnvoll Paarformen verwenden (Bürgerinnen und Bürger) oder geschlechtsneutral formulieren (versicherte Personen).

Der persönliche Nachsatz des Autors: Also, wenn die Bürgerinnen und Bürger, die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Bewohnerinnen und Bewohner überhandnehmen, greife ich zu den Bewohnenden, grammatikalisch unsauber, aber gut verständlich. Oder: Ich lasse die Strassenarbeiter auch mal ohne die kaum vorhandenen Kolleginnen in der Sommerhitze schuften.

Nein, gendern ist nichts Neues. Mit diesem Video blicken wir zurück ins Mittelalter.

Bilder Screenshots. Video NDR.

12 Kommentare

  1. Da tun sich ja Abgründe auf. Ich persönlich halte mich da am Pragmatismus fest. Es muss vor allem verständlich sein, obwohl gesprochenes und geschriebenes Gendern ja zwei Paar Schuhe sind. Schreiben und lesen sind, nebst dem Text, auch visuelle Eindrücke und sollten der jeweiligen Sprache angepasst sein. Und wie uns das Simsen am Handy zeigt, hat da jeder und jede seine Eigenheiten und Vorlieben. Der Amtsschimmel hat schon immer anders gewiehert als das Volk, deshalb bin ich vom Leitfaden für die Stadtverwaltung nicht überrascht. Immerhin bemüht man sich um eine gewisse Vereinheitlichung beim Gendern. Obs dann praktisch umgesetzt wird, ist eine andere Sache.

    Am besten hat mir das Beispiel «Sprache am Hofe von anno dazumal» gefallen. Sprache verändert sich zeitgemäss und jetzt befinden wir uns nun mal im «Frauenzeitalter», also hat sich die Sprache gefälligst der Neuzeit anzupassen und das braucht halt etwas Eingewöhnungszeit und Übung. Wer weiss, was da noch alles auf uns zukommt, geschlechtermässig, mein ich.

    Allerdings, die Figur des Hofnarren, sollte m.E. unbedingt wieder eingeführt werden. Jemand, der den Obrigkeiten ungestraft und offiziell den Spiegel vorhält. Da kommt mir gerade nur, oje, eine Frau, in den Sinn, die das Benennen von Tabus, welches Geschlecht auch immer, wirklich drauf hat: die österreichische Kabarettistin und Schriftstellerin Lisa Eckhart. In Sternstunde Philosophie vom 12.06.2022 auf SRF1 kann man ihre Kunstfigur und etwas weniges von ihr persönlich (niemals duzen!) kennenlernen. Auch gewöhnungsbedürftig, aber überaus klug und für mich als Bernerin, sehr, sehr schnell in ihrer Ausdrucksweise. Hier der Link:

    https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/lisa-eckhart—ist-das-lustig?urn=urn:srf:video:d130381c-c84c-40d0-8e61-2b96c78226b6

  2. Wenn es nicht so ernst wäre, wäre es zum lachen! Leider lernen unsere Kinder in der Schule schon lange nicht mehr «deutsch», was bedauerlich ist.

  3. Als ich mich bei einer Institution beschwerte, die «Mitglieder und Mitgliederinnen» erwähnte, mich noch dazu erdreiste, es sei mir unbekannt, dass es Kinderinnen, Volkinnen etc. heissen könnte, wenn es um sächliche Bezeichnungen (das Kind, das Volk, das Mitglied etc.) gehe, wurde ich bös angemacht. Was soll das Ganze?

  4. Ja – wir haben es mit der deutschen Sprache weit gebracht. Sie kennt die Klein- und Grossschreibung. Neuerding noch ein I in der Mitte oder ein R am Schluss, auf dass Männlein, Weiblein und andere gleichermassen genannt werden. Für Fremdsprachige ein Grund mehr, auf ein Deutschstudium oder auf das Erlernen dieser Sprache zu verzichten, denn komplizierter geht’s nimmer. Bisher hat der Duden als Richtschnur gegolten. Neuerdings sind es Verwaltungen, Universitäten und weiss der Teufel – oder Teufelin? – welche Körperschaften, die von sich aus irgendwelche Grammatikregeln herausgeben, sei es mit dem I in der Mitte, dem Doppelpunkt oder irgendwo ein Sternchen. Ob ich nun männlich oder weiblich daherschreibe, für mich gilt das für alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder Partikularität.

  5. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, Peter Steiger! Ich habe mich köstlich amüsiert. Man muss das Gendern mit Humor nehmen, sonst kommt man aus dem Kofpschütteln nicht mehr heraus und läuft Gefahr, ein Schleuder- oder anderes -trauma zu bekommen. Ich musste den Artikel auf meiner Facebook-Seite teilen, so gut finde ich ihn.
    Meine Meinung: Wer sich von der männlichen Schreibweise betroffen bzw. nicht einbezogen fühlt, leidet an mangelndem Selbstwertgefühl. Ich schreibe selbst sehr viel und verwende nach wie vor die bisherige Schreibweise. Das höchste der Gefühle ist, beide Geschlechter zu nennen, also z.B. «Leserinnen und Leser», wobei ich mich hier schwer tue, denn vielleicht fühlen sich die Leser ja nicht gleichberechtigt, wenn ich sie an zweiter Stelle aufführe…. :-)) Mensch, haben wir denn keine anderen Probleme!!
    Herzliche Grüsse

  6. In diesem Beitrag tut der Autor das, was zurzeit viele ältere Männer tun: Es macht sich (mit hanebüchenen Beispielen) über die Bemühungen lustig, unsere Sprache gendergerecht zu gestalten. Ich empfehle allen, die dieses Thema umtreibt, sich mit der Thematik erst mal etwas vertieft und unter Berücksichtigung der gesellschaftspolitischen Aspekte zu befassen. Und dann ganz einfach zu gendern. Es geht nämlich auch mit Stil und sprachlicher Eleganz.

    • Liebe Jirina, Sie haben natürlich recht, dass beim Bedenken der gesellschaftspolitischen Aspekte das Lachen im Halse stecken bleiben kann. Wollen Sie mit gutem Beispiel und sprachlicher Eleganz im Alltag vorangehen, einfach umsetzen, ohne Zeigefinger, sondern gelegentlich mit einem Augenzwinkern? Dann können es viele ev. besser annehmen, da es für manche nach jahrzehntelanger Übung einfach fremd, ungewohnt und unelegant klingt.
      Bedenken Sie auch, dass Sie hier auf einer Website für Senior:innen sind und die Zielgruppe, bzw. Umsetzer:innen soll die neue Generation an Männern und Frauen sein …. finde ich. LG

    • Ja, Frau Jirina Copine, ich bin einer der älteren Männer, die Ihrer Meinung nach sprachlich nicht mehr auf dem richtigen Weg sind. Ich flüstere es nur ganz leise: Das ist Altersdiskriminierung. Viele meiner Alterskolleginnen und -kollegen schreiten ganz munter voran. Frau Copine, hören Sie mich, spüren Sie mich? Ich sag nur eins: gringe.

  7. Astrologiefans haben es auch schwer. Meine Partnerin ist Stier – ist sie jetzt eine Kuh? Furchtbar! Ich werde ihr am Woe kein Horoskop mehr vorlesen. Ach ja, gestern waren wir auf dem Berg. Ich habe einen leichten Muskelkater. Ist ihres eine Muskelkatze?? Gendern ist grundsätzlich o.k.. Viel zu lange wurden die Frauen weggelassen. Wie so oft, wenn das Pendel in die andere Richtung ausschlägt, überschlägt es sich anfangs fast und es wird zu viel des eigentlich GUTEN. Nett ist, wenn wir uns darüber amüsieren können … und dann doch größere Probleme haben als die Kinderinnen …

  8. Die Gendersprachenbaustelle wird immer größer. Keine Einigung in Sicht. Geschweige denn die ca. 80%, die Gendern grundsätzlich nicht wollen.
    Aber es gibt eine einfache Lösung, die unsere Sprache schon seit sehr langer Zeit in sich trägt, ein idealer Kompromiss: Klassisch Gendern. Siehe Link. Helfen sie bitte mit unserer Sprache sprechbar zu halten.
    openpetition.de/!whmxs

    • Geschätzter Leserich Bernhard Thiery.
      Sie fordern mit einer Petition, dass wir «klassisch gendern», Link in Ihrem Text. Als Leserhilfe erkläre ich, was Sie damit meinen.
      Nämlich: Es soll drei Formen geben. Weiblich, männlich, beides. Frauen sind Arbeiterinnen, Chemikerinnen, Verkäuferinnen. Sind beide Geschlechter zusammen gemeint, verwenden wir die in Verruf geratene männliche Form: Arbeiter, Chemiker, Verkäufer. Sind nur Männer beteiligt, schlägt Thiery Arbeiterich, Chemikerich, Verkäuferich vor. Als historischen Verweis nennt Thiery den Wüterich aus dem Struwwelpeter.
      Witz, ernst, Unfug? Für seinen Vorschlag hat der Petitionär erst 25 Unterschriften gesammelt. Viel mehr sind wohl auch nicht zu erwarten.

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