FrontGesellschaftAlt Bundesrat Samuel Schmid über die vier L und die vier M

Alt Bundesrat Samuel Schmid über die vier L und die vier M

 Alt Bundesrat Samuel Schmid ist in diesem Jahr 75 geworden und seit einiger Zeit nicht mehr in den Schlagzeilen. Wie geht es ihm gut 13 Jahre nach seinem Rücktritt aus dem Bundesrat?

Seniorweb: Herr Schmid, was halten Sie von den «vier L» (Laufen, Lernen, Lieben, Lachen), den vier Ratschlägen zur Lebensklugheit, um in Würde glücklich zu altern (vgl. Höffe, S.95 -100)

Samuel Schmid: Die vier L kenne ich nicht, aber sie scheinen mir geeignet, um mit Körper und Geist das Altern gut zu erleben. Diese Richtlinien finde ich klug, bisher habe ich mich allerdings an den vier M orientiert: Man muss Menschen mögen! Eine Lebensweisheit, die mir von einem militärischen Vorgesetzten vor Jahrzehnten auf den Weg gegeben worden ist! Wer sich nicht danach richtet, hat Schwierigkeiten mit den Mitmenschen. Kommen wir nun zurück zu den vier L.

Laufen?

Ich bin nicht Langläufer und mache auch keinen anderen Sport intensiv. Hingegen wandere ich gern, bin oft in der Natur unterwegs und fotografiere. Fotografieren ist als die Reduktion von drei auf zwei Dimensionen und als Spiel mit dem Licht eine Kunst, die mich fasziniert.

(Siehe exklusive Fotos von Samuel Schmid im Anhang, die er für die Leserschaft ausgewählt hat. Sie werden ohne Kommentare präsentiert und eignen sich so besser für einen meditativen Moment über die Schönheit der Natur. Entdecken Sie auch irgendwo die Schalkhaftigkeit von Samuel Schmid?)

Lernen?

Man tut gut daran, den Apparat über dem Hals aktiv zu halten. Das Lernen verlangsamt den Alterungsprozess. Ich lese heute die Zeitung intensiver als früher, mache am Rand Notizen, Frage- und Ausrufezeichen. Wertvolle Beiträge lege ich zur Seite, um sie allenfalls bei der Vorbereitung von Vorträgen wieder hervorzuholen. Zudem lese ich vor allem historische, naturwissenschaftliche und philosophische Literatur. Als ökumenischer Protestant interessieren mich auch religiöse Texte. Die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen hat schon in meiner Jugend begonnen, als einige Jugendliche sich in Solothurn regelmässig mit dem aufgeschlossenen katholischen Pfarrer Anton Cadotsch trafen, um «Grundsatzfragen» zu diskutieren. Eine Zeitlang wollte ich sogar Theologie studieren. Pfarrer Cadotsch lebt noch, ist weit in den 90ern und ich treffe ihn alle zwei/drei Monate. Ich praktiziere die Religion undogmatisch, schliesslich hat Luther in der «Freiheit des Christenmenschen» geschrieben, dass jeder jederzeit direkt mit dem Göttlichen in Kontakt treten könne und eigentlich keine Rituale wie Morgen-, Abend- oder Tischgebete brauche.

Warum haben Sie nicht Theologie studiert?

Ich hatte noch andere Interessen. Ein weiteres Interessengebiet war das Staatsrecht, was zur Juristerei führte – und das Militär, wo mich die Führung von Menschen interessierte. Ich habe mich mehrfach mit Verfassungsrecht auseinandergesetzt. Fünf Jahre war ich Präsident für eine neue bernische Kantonsverfassung und nachher war ich Vizepräsident bei der Erneuerung der Bundesverfassung, so dass ich mich in diesen Funktionen mit grundsätzlichen Fragen befassen konnte.

Lieben?

Menschliche Nähe ist auch für Ältere von Bedeutung. Wie die 4 M ausdrücken, muss man auch Menschen mögen, die einem nicht so nahestehen. Und dieses «Mögen» kommt zurück. Meine Eltern und auch mein Grossvater haben mir beigebracht, dass wir niemanden hänseln dürfen und von allen was lernen können. Respekt, Achtung und Anstand haben wir von klein auf gelernt.

Lachen?

Viele halten mich möglicherweise nicht für sehr humorvoll. Gelegentlich gönne ich mir tatsächlich eine Aufwärmrunde, um das Umfeld zu testen. Als ich 14 war, starb mein Vater und ich «landete» in einer ernsten Phase, obwohl meine Mutter und das Umfeld mich stützten. Es war nicht immer lustig. Mein ältester Bruder starb vor meiner Geburt 1940, vierjährig, an einem geplatzten Blinddarm. Meine anderen Brüder mit Jahrgang 1938, 1941 und 1953 kamen mir mit Jahrgang 1947 viel älter oder viel jünger vor, aber wir hatten es trotz allem immer wieder mal lustig. Wir sind überzeugte Berner und tragen den Humor nicht zuvorderst auf der Zunge. Aber wir können Situationen eine komische Seite abgewinnen und sie kommentieren, was ab und zu spontan und trocken daherkommt.

Politisch ging Ihre Laufbahn schnell steil nach oben. Was hat Ihnen beim Politisieren Freude gemacht. Womit hatten Sie Mühe?

Das Politisieren hat mir meistens Freude gemacht, weil ich da mitgestalten konnte. Aufeinander zugehen, gemeinsame Lösungen finden, die dem Volk was bringen, ist schön und befriedigend. Als Bundesrat kam die Aussenpolitik hinzu, als Bundespräsident war ich mit ausländischen Regierungen in Kontakt, was Horizont erweiternd ist. Mühe habe ich mit rein taktischem, parteipolitischem Politisieren, wenn die Sachpolitik der Parteipolitik geopfert wird. Für wen machen wir denn Politik? Für den Sitzgewinn der Partei oder für die Bevölkerung?

Im Februar 2008 wurden Sie, als Sie sich nach der Abwahl Ihres Parteikollegen, Bundesrat Christoph Blocher, im Dezember 2007 als Bundesrat vereidigen liessen, vom damaligen Parteipräsidenten Ueli Maurer als «so gut wie klinisch tot» diagnostiziert. Wie hat diese Diagnose auf Sie gewirkt?

Ich nahm es hin als eine der Unflätigkeiten, die ich gelegentlich von Blochers Seite zu ertragen hatte. Ich lernte mich zu distanzieren von der rein taktischen Prinzipienreiterei. Ich war als bürgerlicher Politiker der Verfassung verpflichtet und nicht dem «Herrliberger Diktat». Die SVP unter der Ägide Blocher war nicht mehr die SVP, die wir uns von der SVP des Kantons Bern gewohnt waren. Für meine Familie war es schwieriger, das zu ertragen, zumal ein Sohn in dieser Zeit sich von einem Hirnschlag zu erholen hatte. Die Medienkampagnen gegen mich haben der Familie mehr zugesetzt als mir. Ich habe von vielen Seiten und vielen Parlamentariern immer wieder Zustimmung erfahren.

Die Verfassung bestimmt, dass der Bundesrat vom Parlament gewählt wird. Der Verfassung, dem Parlament und seinem Gewissen bleibt er verpflichtet – und keinen einzelnen Politdirigenten. Ich halte in unserem System nichts davon, dass die wählerstärkste Partei in der Schweiz in Opposition geht. Das entspricht nicht meinem Verständnis der Eidgenossenschaft, die seit Anbeginn als austariertes Feld der Kräfte angelegt war und damit die Bedürfnisse des Föderalismus berücksichtigte. In einem lauten Gedanken sagte ich schon, es wäre gut, wenn ein Bundesrat während seiner Amtsdauer Interessen der eigenen Partei hintanstellte.

Was raten Sie den sich selbst als «klinisch untot» fühlenden Politikerinnen und Politikern, um die Schweiz innenpolitisch, in Europa und der Welt voranzubringen? Welchen politischen Stil begrüssen Sie, welche Art des Politisierens lehnen Sie ab?

Politik muss erstens lösungsorientiert sein, sonst nützt sie dem Volk nichts. Um lösungsorientiert wirken zu können, braucht es zweitens eine ausdauernde, intensive Beschäftigung mit den komplexen politischen Problemen. Drittens ist Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen und neuen Problemen erforderlich. Viertens soll jeder sich selbst bleiben und nicht eine Rolle spielen, für die er gar nicht gemacht ist. Und fünftens ist eine Wertediskussion immer wieder mal vonnöten, da nicht die Grundwerte, aber deren Umsetzung sich situativ ändert, wie sich das zurzeit bei der Frage der Neutralität zeigt.

Nach einem Leben in Fülle mit wenig Freizeit haben Sie nun als 75-Jähriger vielleicht ein bisschen mehr Zeit und eine weniger gefüllte Agenda. In welchen Bereichen haben Sie zurückgeschraubt? Was haben Sie dadurch gewonnen?

Wir sind von dem Haus, in welchem die Kinder gross geworden sind, in eine Wohnung umgezogen. Da verändert sich Vieles, und es befreit auch, weil wir weniger Garten- und Umgebungsarbeit haben. Ich habe mehr Zeit zum Lesen und um mein Archiv zu bereinigen und auszudünnen. Zudem halte ich gelegentlich Vorträge zu lebensanschaulichen, nicht zu alltagspolitischen Themen.

Herzlichen Dank für das Gespräch und für Ihre Fotos! 

Biografische Daten von Samuel Schmid

  • 1972–1974: Gemeinderat in Rüti bei Büren, Berner Seeland
  • 1974–1982: Gemeindepräsident in Rüti bei Büren
  • 1982–1993: Mitglied des bernischen Grossen Rates
  • 1994–1999: Nationalrat, dort Mitglied der Staatspolitischen Kommission sowie der Kommission für Wirtschaft und Abgaben
  • 1998–1999: SVP-Fraktionspräsident in der Bundesversammlung
  • 1999–2000: Ständerat für den Kanton Bern
  • 2001–2008: Bundesrat

Literaturhinweis:

Lit: Höffe, Otfried: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. München 2018

Titelbild: Samuel Schmid (SRF 2017)

Alle nachfolgenden Fotos stammen vom passionierten Fotografen Samuel Schmid:

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