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Die Grenzen von «Freiheit, Love and Happiness»

Wenn eine feurige Latina, ein eitler Schauspieler, zwei Hippies und ein unflätiges Kind in einem «Block» zusammenwohnen, dann geht es rund.  Jede Freiheit stösst an Grenzen, wenn sie den Nachbarn nicht gefällt.

«Madame Bissegger» feiert mit einer neuen Klamauk-Komödie im Ostermundiger «Steigrüebli» ein Revival. Nach sechs Jahren Pause (zwei davon Corona-bedingt) bietet die von Regisseur Thomas Scheidegger 1991 gegründete Truppe wieder einen bunten Mix aus Theater, Zirkus, Akrobatik und Comedy. In seinen Anfängen tourte das Ensemble in einem VW-Bus durch Deutschland und die Schweiz. 2002 wurde es im Steinbruch von Ostermundigen sesshaft. Auch diesen Sommer gehen zwischen glatt gefrästen Sandsteinformationen in einer einzigartigen Atmosphäre sechzig Aufführungen über die Bühne.

Schauplatz von vielen Konflikten: der «Block». Foto PS.

Für Regie und Bühnenbild ist auch dieses Jahr Thomas Scheidegger, zusammen mit Co-Regisseur Jann Messerli, verantwortlich. Als Kulisse wurde ein dreistöckiges Haus gebaut. «Block» lautet der Titel des neusten Stückes, das mit dem Tod von «Madame Bissegger» beginnt. Die alte Diva (Josune Goenaga) verabschiedet sich, hoch über der gedeckten Zuschauertribüne, mit einer Arie aus der Oper «Carmen» von dieser Welt. Ihren letzten Willen teilt sie den Protagonistinnen und Protagonisten per Brief mit: In ihrem «Block» soll Gemeinschaft gelebt werden. Die drei Wohnungen werden den Mitgliedern der letzten Theaterproduktion überlassen.

Tochter Penelope – von der gleichen Schauspielerin dargestellt wie «Madame Bissegger» – fährt forsch mit einem grünen Auto vor und lässt Hauswart Schlatter (Samuel Müller) gleich von Anfang an wissen, wer hier das Sagen hat. Ein Charaktertyp folgt dem anderen: Nach der ebenso erotischen wie lauten Latina trifft ein ambitionierter Schauspieler in einem roten Auto ein und überschlägt sich vor Eitelkeit. Zum Schluss erscheint ein ausgeflipptes Hippie-Ehepaar, Jonny und Betsi, (Manuel Schunter und Mariyam Al-Baghdadi), eine Mischung aus Clown und Akrobatin. Mit und gegeneinander beginnen die neuen Bewohnerinnen und Bewohner nun im «Block» ihre Claims abzustecken, leben, streiten und lieben zusammen, wie in einem normalen Wohnblock in Ostermundigen oder anderswo.

Gestört wird das Spiel von der Nervensäge, Baby Gustav (Samuel Müller), das regelmässig den Eltern wegläuft und sich versteckt. Was ebenso regelmässig zu hektischen Suchaktionen führt. Baby Gustav beherrscht erst zwei Worte: «Papa» und «Mama», die er mit einer Inbrunst platziert, welche an Komik nicht zu übertreffen ist. Unweigerlich fühlt man sich an tollpatschige und deshalb witzige Szenen mit den eigenen Kindern oder Grosskindern erinnert.

Betsies Schäferstündchen mit dem eitlen Schauspieler hoch über dem Abgrund.

Gemeinschaft und gute Nachbarschaft zu pflegen ist ein schwieriges Unterfangen, besonders wenn die Egozentrik und Ausgeflipptheit der diversen Nachbarn im Laufe des Abends zunimmt. Wer bekommt die Garage? Was tut man gegen den Lärm aus der Nachbarwohnung? Wie instrumentalisiert man den Abwart am besten? Wer entsorgt wessen Müllsack? Weshalb ist Pflanzengiessen ein Risiko? Wer erliegt der Erotik des Nachbarn oder der Nachbarin? «Deine Freiheit hört dort auf, wo meine Freiheit beginnt», lautet ein Satz im Stück, der den tieferen Sinn auf den Punkt bringt. «Die Nachbarschaft ist sozusagen die kleinste politische Zelle», sagt der Regisseur und ergänzt: «Man kann sich in gewissen Szenen selbst erkennen: und wenn nicht sich selbst, dann sicher den Nachbarn oder die Nachbarin.»

Betsie hängt Gustavs Babywäsche auf dem Dach an die Antenne.

Vor diesem ernsten Hintergrund eskaliert das Spiel immer wieder in Auftritten von Witz, Ironie, Klamauk, Komödie. Das erstaunlich heterogene Publikum (Stadt, Land, jung, alt) geniesst die Unterhaltung und quittiert Pointen mit spontanem Applaus. Spektakulär wirken die halsbrecherischen Stunts und akrobatischen Einlagen: Etwa wenn Mutter Betsie, an der Antenne auf der Dachterrasse baumelnd, Babywäsche aufhängt oder wenn sich die Spielenden in drei Autos auf der Bühne Verfolgungsrennen liefern. Den Schreck des Abends erlebt man als Zuschauer, wenn Baby Gustav in einem Kellerloch von einem Auto überfahren wird. «Kommen Sie bitte nicht auf die Bühne, wenn Sie die Toilette suchen», warnt Regisseur Scheidegger das Publikum zu Beginn jeder Aufführung. Und er hat recht.

Spektakulär sind auch die Requisiten: Nach den drei Autos fährt in einer nachbarschaftlichen «Kampfszene» ein Panzer durch den Steinbruch. Müllsäcke und Koffer fliegen durch die Luft. Der tollpatschige Abwart Schlatter jongliert wie ein Zirkusclown. Zum Abschluss entzieht sich Baby Gustav in einem originellen Kleinflugzeug den Wirren des «Blocks». «Das Ende von Freiheit, Love und Happiness» könnte der Subtitel der Produktion 2022 lauten.

Die Inszenierung hat das Ensemble gemeinsam mit dem Regisseur entwickelt.

Ein festes Skript gab es zu Beginn der Proben in Ostermundigen nicht. Die Details der Geschichte, die einzelnen Szenen, die Stunts wurden – typisch für «Madame Bissegger» – von der Regie und den Spielenden gemeinsam erfunden, entwickelt, verfeinert. Diese Vorgehensweise, ergänzt durch das Talent der bunten Truppe, scheint ein sicheres Rezept für den Erfolg zu sein. Das abendliche Theater im Ostermundiger «Steigrüebli» ist eine schöne Ergänzung zu den sommerlichen Freilichttheatern, die jetzt wieder landauf, landab das Volk erfreuen.

Titelbild: Im «Block» kommen sich die Bewohnerinnen und Bewohner näher. Fotos: Iris Krebs.

Vorstellungen im «Steigrüebli», Ostermundigen, noch bis 17. September 2022.

www.madamebissegger.ch

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1 Kommentar

  1. In diesem «Wohnblock» fehlen mir eindeutig die Alten. Betagte Menschen könnten viel zum gewählten Thema des Bühnenstücks «Freiheit, Love and Happiness» beitragen, denn sie haben dies alles längst erlebt. Sie hatten Familie, Kinder, Nachbarn, erlebten Konfrontationen und mussten Niederlagen einstecken oder Kompromisse finden. In jungen Jahren probierten sie das Leben aus und loteten, gezwungenermassen, ihre Grenzen aus. Alles nicht neu, aber wie ich immer wieder feststelle, die neueren Generationen meinen oft das Rad neu erfinden zu müssen und lässt, nicht nur im Theater, die Alten aussenvor. Andere Kulturen gehen damit anders um. Schade.

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