FrontGesundheitLernende und Studierende im Austausch mit Pensionierten

Lernende und Studierende im Austausch mit Pensionierten

In der Careum Summer School (CSS) 2022 tauschten sich in einem zweitägigen Workshop Lernende und Studierende aus unterschiedlichen Berufen des Gesundheitswesens und der Sozialen Arbeit aus, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dabei waren auch Seniorinnen und Senioren: in der «Expertenrolle» des Alter(n)s und als potentielle Pflege- und Unterstützungsbedürftige.

Seniorweb führte mit dem Vorbereitungsteam der diesjährigen Summer School (Alexandra Wirth, Esther Bussmann und Erica Benz) ein Gespräch.

Seniorweb: Sie bringen in der CSS 2022 Seniorinnen und Senioren, Lernende und Studierende aus den Bereichen Gesundheit und Soziales zusammen. Wer ist konkret beteiligt?

Alexandra Wirth: Projektleitung Careum Summer School, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Strategie und Innovation

Alexandra Wirth: Zum einen sind Institutionen beteiligt, wie die Spitex, Alterszentren, aber auch die Departemente Soziale Arbeit und Gesundheit der ZHAW und ein Universitätsspital in Zürich, die es interessierten Lernenden und Studierenden ermöglichten an der Summer School teilzunehmen. Wir konnten Seniorinnen und Senioren aus Alterszentren und aus dem privaten Umfeld zur Teilnahme gewinnen. Die Lernenden und Studierenden sind aus den Studienrichtungen Medizin, Soziale Arbeit, Physiotherapie, Ergotherapie, Pflege FH, Pflege HF, Fachangestellte Gesundheit, Medizinische Praxisassistentin und Assistentin Gesundheit und Soziales.

Was können Lernende und Studierende von den Seniorinnen und Senioren lernen?

Erica Benz-Steffen:  ehem. Vizedirektorin Pro Helvetia, Mitglied Innovage Zürich, Seniorenrat Zürich, Beirat Partizipative Wissenschaftsakademie ZH

Erica Benz: Lernende und Studierende können lernen, dass Seniorinnen und Senioren eine andere Sicht auf das Leben haben und sich das Leben im Alter anders anfühlt als in der Jugend. Zudem möchten ältere Personen, egal wie alt und wie fit oder kränklich sie sind, gerne möglichst selbständig bleiben. Wenn sie in die Pflege kommen, geben sie einen Teil ihrer Selbständigkeit ab und das ist oft nicht leicht zu verkraften. Es ist für viele schwierig, sich helfen lassen zu müssen. Für Studierende ist es wertvoll, sich in diese Situation hineinzufühlen. Ältere sind in der Pflege manchmal unzufrieden, weil nicht alles so läuft, wie sie es gerne hätten oder sie selbst anders handeln würden, wenn sie noch bei Kräften wären. Das scheint mir ein wichtiger Aspekt. Wenn dafür bei Lernenden und Studierenden Verständnis geweckt werden kann, ist schon viel gewonnen.

Esther Bussmann: Ergänzend möchte ich festhalten: «alt» ist nicht «alt», d.h. durch die Begegnung mit Älteren werden Bilder und Klischees des Alter(n)s aufgebrochen. Menschen im Alter haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse, Hintergründe, Wertvorstellungen. Des weiteren, und dies sage ich jetzt aus der Perspektive der Sozialen Arbeit, geht es darum, eine möglichst optimale Unterstützung für vulnerable Personen zu bieten. Das schafft man aber nur, wenn man die konkreten Bedürfnisse kennenlernt und weiss, wo der Schuh drückt. Da bietet die Begegnung mit unterschiedlichen Seniorinnen und Senioren gestern und heute eine wertvolle Lerngelegenheit.

Was können Seniorinnen und Senioren von den Lernenden und Studierenden lernen?

Erica Benz: Seniorinnen und Senioren können lernen, dass die pflegenden und betreuenden Kräfte sich nicht immer voll und ganz auf einen einlassen können, dass sie gewissen Zwängen unterworfen sind, etwa dem Zeitdruck. Zudem lernen sie sich in die Welt der Pflege- und Betreuungskräfte einzufühlen. Schön ist, wenn von beiden Seiten eine persönliche Seite sichtbar wird und man sich nicht nur in den Rollen der Pflegenden und Gepflegten, der Betreuenden und Betreuten, der Unterstützenden und der Unterstützten begegnet und man nicht nur eine Nummer ist. Von beiden Seiten ist es wichtig, gut aufeinander einzugehen.

An dieser Summerschool haben die Älteren zudem die Möglichkeit zu sehen, wie die Berufswelt der Jungen strukturiert ist, welche Berufsgattungen am Unterstützungsprozess beteiligt sind, wie sie vernetzt sind und dass die Jungen daran interessiert sind, sich mit den beteiligten Berufen gut zu vernetzen.

Alexandra Wirth: Durch das interprofessionelle Setting der Summerschool merken Menschen mit beispielsweise chronischen Erkrankungen, dass es möglich ist, sich für ihre Bedürfnisse an unterschiedliche Berufsgruppen zu wenden. Und wenn man als Patient den Eindruck hat, dass die Vernetzung zwischen den Berufsgruppen suboptimal ist, kann man gezielt nach der Aufteilung und wechselseitigen Ergänzung der Arbeiten fragen.

Esther Bussmann: Für Seniorinnen und Senioren ist es auch eine gute Erfahrung, wenn sie quasi in der Expertenrolle Auskunft geben können, was ihre Einschätzung einer guten Umsorgung ist, was fehlt, was verbessert werden könnte.

Was sollen Lernende und Studierende aus den Bereichen Gesundheit und Soziale Arbeit voneinander lernen?

Esther Bussmann: Sie sollen sich klar werden über die Kompetenzen und Grenzen des eigenen Berufes und darüber, wo andere Berufsausbildungen bessere Ansätze zur Problemlösung haben. Zudem soll eine Verständigung über die verschiedenen Fachsprachen ermöglicht werden, so dass Missverständnisse vermieden werden können. Ebenfalls kann man sich einen Einblick verschaffen über Hintergrundannahmen der jeweiligen Berufe und ob ein Problem eher mit einem individualisierenden oder systemischen Blick bearbeitet wird.

Alexandra Wirth: Mir fällt auf, dass in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit der wirtschaftliche Aspekt stark thematisiert wird. So besteht auch eine grössere Sensibilität für die finanzielle Seite der Massnahmen. Bei den Studierenden der Höheren Fachschule und bei den Fachangestellten Gesundheit scheint der wirtschaftliche Aspekt weniger stark gewichtet zu sein. Wie das ganze System finanziert wird, scheint im Studium der Gesundheitsberufe weniger Gewicht zu haben.

Esther Bussmann: Die Auszubildenden aus der Sozialen Arbeit und der Gesundheitsberufe können voneinander lernen, dass die Finanzierungsquellen unterschiedlich sind. Im Gesundheitswesen ist es schwierig, Soziale Arbeit zu finanzieren, da sie nicht krankenkassenpflichtig ist. Sozialversicherungssystem und Krankenkassensystem finanzieren unterschiedliche Leistungen. Auch dafür können Lernende und Studierende aus den beiden Berufsfeldern stärker sensibilisiert werden, denn unterschiedliche Finanzierungen erzeugen unterschiedliche Rahmenbedingungen.

Erica Benz: Essentiell scheint mir, dass es eine Gesamtsicht auf den Patienten braucht. Es geht nicht nur um physische Gesundheit, sondern das Soziale und Psychische muss mitberücksichtigt werden bei der Pflege und Unterstützung.

Alexandra Wirth: Careum setzt den Schwerpunkt auf die Aus- und Weiterbildung der Gesundheitberufe . Der soziale Aspekt ist bereits Teil des Studiums, aber man möchte ihn präsenter machen, deswegen streben wir die Zusammenarbeit mit der Sozialen Arbeit an. Careum hat daher den Aspekt «Gesundheit und Soziales» in seiner Strategie verankert.

Wie wird der Praxisbezug der Departemente Gesundheit und Soziale Arbeit gewährleistet? Worin besteht Nachholbedarf?

Esther Bussmann: Dozentin ZHAW Departement Soziale Arbeit

Esther Bussmann: Ein Drittel des Bachelor-Studiums der Sozialen Arbeit an der ZHAW ist praktisches Arbeiten in Praxisorganisationen. Auch bei den Gesundheitsberufen haben wir grosse Praxisanteile. Nachholbedarf gibt es tatsächlich bei der Entwicklung interprofessioneller Zusammenarbeit, also bei der «interprofessional education». Es braucht mehr gemeinsame Angebote, wie hier an der CSS. Schon innerhalb der ZHAW haben wir organisatorische Schwierigkeiten bezüglich der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Sozialer Arbeit und Gesundheitsberufen, noch anspruchsvoller ist es, überprofessionelle und überstufige Niveaus zu vernetzen. Dennoch haben wir an der ZHAW erste Angebote, die Studierende der Gesundheitsberufe mit Studierenden der Sozialen Arbeit zusammenbringen: der Einbezug von unseren Studierenden in gewisse interprofessionelle Kurse des Departements Gesundheit sowie im Herbst 22 erstmals am Departement Soziale Arbeit ein  Seminar zur Interprofessionellen Zusammenarbeit. Aber das sind noch Nischen.

Alexandra Wirth: Bei den Gesundheitsberufen ist der Praxisbezug immer schon sehr stark. Wir haben das duale System bei den Lernenden, in der höheren Fachschule abwechslungsweise ein halbes Jahr Theorie, ein halbes Jahr Praxis. In der Hochschule ist der Praxisanteil etwas kürzer. In der beruflichen Praxis ist die Bildung schon immer sehr gut organisiert gewesen. In der Pflegeausbildung ist das praxisbezogene, fallbezogene, situative Lernen zentral.

Wie können Ergebnisse der CSS in die Arbeitsfelder in Spitäler, Pflegeheime und in die intermediäre und ambulante Pflege und Betreuung einfliessen?

 Alexandra Wirth:  Nun, es ist ein zweitägiges Angebot von Careum und kann so nur einen kleinen Teil des Transfers abdecken. Von den bisherigen Summer Schools haben wir erfahren dürfen, dass Institutionen, die Lernende und Studierende zu uns schicken, daran interessiert sind, dass das hier Gelernte in den Institutionen wertgeschätzt wird und wenn möglich in irgendeiner Form, bspw. durch das Vortragen der Ergebnisse, transferiert wird.

Esther Bussmann: Die Studierenden und Lernenden sind Multiplikatoren. Sie gehen zurück in die Berufspraxis und werden sich im Alltag immer mal wieder an die Erfahrungen hier erinnern, an Begegnungen mit Menschen aus anderen Berufen und was ihnen dabei eingeleuchtet hat. Dieser individuelle Transfer ist nicht zu unterschätzen.

Alexandra Wirth: Das stimmt. Unsere Summer Schools leben davon, dass die Erfahrungen hier zu anderen an den Arbeitsort weitergetragen werden. Zudem publizierten wir beispielsweise die Ergebnisse unserer Begleitevaluation der CSS 2019 in der Zeitschrift für Krankenpflege SBK in der Schweiz und in der Gesellschaft für medizinische Ausbildung (GMS Journal for medical Education), so dass weitere Interessierte davon profitieren können.

Erica Benz: Mir ist bei den Teilnehmenden aufgefallen, dass das Interesse und die Einsicht in die Bedeutung der interprofessionellen Zusammenarbeit gross sind, dass aber die Umsetzung in die Praxis auf institutioneller Ebene nicht so einfach zu sein scheint. Das hängt wohl auch an den Finanzen.

Esther Bussmann:  An den Finanzen, aber auch am mangelnden Wissen über andere Berufszweige und der ungenügenden Zugänglichkeit zu diesem Wissen. Man weiss zu wenig über den andern. Deswegen bringt das, was wir hier tun, willkommene Früchte.

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen professionell Pflegenden und Betreuenden und nicht professionellen Betreuenden, also An- und Zugehörigen verbessert werden?

 Erica Benz: Das ist eine Kernfrage für mich, weil es ja viel informelle Betreuungsarbeit gibt, von der man gar nichts weiss. Es gibt auch viele, die gerne pflegen und betreuen würden, sich dies aber nicht zutrauen. Ich glaube schon, dass viele An- und Zugehörige und Freiwillige interessiert wären an Weiterbildungen, um ihre nichtmedizinische Pflege- und Betreuungsarbeit besser zu gestalten und um sich dabei sicherer zu fühlen. Solche Weiterbildungen könnten auf Gemeinde- oder städtischen Ebene oder an Hochschulen angeboten werden.

Alexandra Wirth:  Wir haben ja schon zwei CSS durchgeführt. Beim ersten Mal luden wir Patientinnen und Patienten ein, beim zweiten Mal sie und deren Angehörige. Es kann gut sein, dass wir in Zukunft wieder Angehörige einladen, da viele sich oft sehr gefordert fühlen und gerne Impulse für ihre informelle Betreuungsarbeit und für die Zusammenarbeit mit Professionellen annähmen.

Esther Bussmann: Bei dieser Frage steht für mich die Belastung der Angehörigen im Vordergrund. Es gibt zwar schon Angebote zur Unterstützung von Angehörigen, aber die sind zum Teil nicht niederschwellig genug. Es braucht vielleicht nicht mehr Angebote, aber einen niederschwelligeren Zugang für Patientinnen und Patienten und ihre Angehörige. Ich denke da an eine Beratungsstelle, zu der man hingehen kann, wenn man einfach nicht mehr mag, aber noch keine klare Vorstellung hat, was man eigentlich braucht.

Titelbild: Careum Auditorium. Am Nachmittag des zweiten Tages präsentieren die 10 interprofessionellen Arbeitsgruppen ihre Projekte in je maximal fünf Minuten vor einem Expertengremium. Foto von bs.

Infos zu Careum unter https://careum.ch/de/

Infos zur CSS 2022 unter https://careum.ch/de/aktuell/herausforderungen-im-alter-summer-school-2022

Infos zu weiteren CSS unter  https://careum.ch/de/veranstaltungen/fokus/careum-summer-school

Vgl. ergänzenden Artikel unter https://seniorweb.ch/2022/07/26/verstaendigung-im-gesundheits-und-sozialbereich/

Vorheriger ArtikelSommerwochen in der Wüste
Nächster ArtikelZur Freude Putins

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel