FrontKulturWenn die Wirtschaft das Menschliche zerstört

Wenn die Wirtschaft das Menschliche zerstört

Stéphane Brizé behandelt im Spielfilm «Un autre monde», wie schon in früheren, das Leben und die Moral im Kapitalismus – mit einem brillanten Drehbuch und einem grossartigen Darstellerpaar: spannend, aufwühlend und radikal. Ab 1. September im Kino.

Ein leitender Manager und seine Frau sind dort angelangt, wo eine berufliche Entscheidung getroffen werden muss, um ihr Leben verändern zu können. Denn Philippe und Anne Lemesle stehen vor der Scheidung, ihre Liebe ist durch die Überforderung des Mannes im Beruf zerstört. Als Führungskraft in einem Industriekonglomerat weiss er nicht mehr, wie er auf die widersprüchlichen Forderungen seiner Chefs reagieren soll: Gestern verlangte man von ihm einen klugen Manager, heute einen blinden Vollstrecker. Jetzt muss er sich die Frage stellen, welches Leben er wirklich will.

Der französischer CEO im amerikanischen Konzern

Stéphane Brizé konfrontiert uns mit Akteuren aus der Wirtschaft

Von leiser, harmonischer Musik begleitet, fährt die Kamera über schöne Fotos eines glücklichen Paares mit zwei Kindern: langsam an die Zeit ihres Ehe- und Elternlebens erinnernd. Es sind Bilder von Philippe Lemesle, verkörpert von Vincent Lindon, seiner Frau Anne, gespielt von Sandrine Kiberlain, sowie deren Tochter Claire, die in Amerika lebt, und deren Sohn Lucas, gespielt von Anthony Bajon, der kleinkriminell wurde, wofür er jetzt büsst und auch therapiert wird. Zwischendurch, und vor allem am Ende, ertönt eine ähnliche Musik, die Camille Rocailleux komponiert hat.

Unvermittelt wohnen wir einer dramatischen Auseinandersetzung des Paares und ihrer Anwälte bei, in der es um Geld, zwei Häuser und die Beziehung der beiden Scheidungswilligen geht. – Eine ähnliche Situation, vom gleichen Duo gespielt, gab es im Film «Mademoiselle Chambon» aus dem Jahr 2009, einer bis in die kleinen Details austarierten grossartigen Liebesgeschichte.

«Un autre monde» handelt von einem Ehekonflikt, der offensichtlich in einem andern Konflikt fusst: in Philippe Lemesles Berufswelt. Die Auseinandersetzungen im Kader dieser «anderen Welt» wird von kurzen Sequenzen ihres privaten Lebens unterbrochen. Die dramatischen Dispute auf hohem intellektuellem Niveau und emotionaler Stimmung könnten in etwa dem entsprechen, was der Genfer Politiker Jean Ziegler als den «wildgewordenen Kapitalismus» bezeichnet. Stéphane Brizé darf mit Fug und Recht als der «Cineast der Wirtschaftsmoral» betitelt werden. In «La loi du marché» von 2015 schildert er ein Opfer dieser Zustände am Beispiel der Arbeitslosigkeit und reflektiert dabei die Methoden des Kapitalismus. Verwandt auch die Thematik im Film «En Guerre» von 2018, wo es um eine Fabrikschliessung und einen Streik geht, provokativ und berührend, ebenfalls mit Vincent Lindon in der Hauptrolle.

Sohn Lucas findet einen Weg für sich und seine Eltern

Eine Abrechnung mit dem Kapitalismus …

Brizé und sein Co-Autor Olivier Gorze haben in der Vorbereitung zu diesem Film mit unzähligen Managern gesprochen, von denen offiziell selbstständiges, kreatives Denken verlangt wird, sobald sie dies jedoch umsetzen wollten, blindes, serviles Ausführen fremder Befehle. Diese Konflikte zeigen sich überall in börsenkotierten Betrieben der Industrie und Banken, der Werbung oder der Versicherungen. Im Beruf und im Privaten der hoch dotierten Fachleute läuft es meist ähnlich: Das Berufsleben torpediert das Privatleben und die Partnerschaften. Die White-Collars können, ähnlich wie die Blue-Collars, wegen ihrer verdrängten Ängste keine Nacht mehr ohne Medikamente schlafen und hetzen sich tagsüber im Fitness-Center. Einige leiden an Burn-out, andere verlieren ihre Posten. «Sie sind keine geborenen Henker, haben aber das Gefühl, dass sie es allmählich werden», hörten die Filmemacher von ihren Interviewpartnern.

Philipp Lemesle gehört zu den Persönlichkeiten, die spüren, wenn ihnen das Wasser am Hals steht. Dann beginnt er sich zu fragen, ob es sich lohnt, dem «andern Leben» sein Privatleben zu opfern. Er ist keiner, der sich nur als Sieger akzeptieren oder als Mitglied der Elite keine Schwäche zugeben kann, bis er zerbricht.

Der Elstonn-Konzern muss verkleinert werden, um den Gewinn der Aktionäre zu sichern, besser zu steigern. Das scheint aktuell schwierig, ja unmöglich. Nicht ideologischen Überzeugung oder einem brutalen Lebensgefühl folgen sie, sondern allein der Tatsache, dass der oberste Boss in Amerika entscheidet, was auch für den Konzern in Frankreich gilt. Auf die Frage, ob die «andere Welt», die der Titel suggeriert, die Welt des Protagonisten ist, oder die Welt, in die der Protagonist fällt, beantwortet der Regisseur mit einem klaren: Beides! «Denn der Charakter entfernt sich langsam, aber unaufhaltsam von einer Welt, in der Handeln Sinn macht, hin zu einer Welt, in der Ethik und Moral verschwinden.»

«Ich bin kein Akademiker. Was mich interessiert, sind Frauen und Männer, die zwischen Arbeitswelt und Privatleben zu leben, zu überleben versuchen. Offensichtlich müssen Entscheide getroffen werden, die Menschen leiden lassen und ins Unglück stürzen. Die Verantwortlichen werden gezwungen, Stück für Stück von ihrer Menschlichkeit aufzugeben, bis alles zusammenbricht.» In der einen wie in der andern Welt!

Um diese für die Menschen in der Wirtschaft existenzielle Situation differenzierter verstehen zu können, gibt es im Film die Figur des Sohnes Lucas. Er ist früher mit dem Gesetz in Kontakt gekommen, büsst jetzt dafür und wird von einem einfühlsamen, systemisch arbeitenden Psychiater betreut, in Rollenspielen, welche ihre zwischenmenschlichen Beziehungen thematisieren und in denen er sein seelisches Durcheinander aufarbeiten kann. Seine Eltern sehen ihm dabei zu. Hier sind alle drei beisammen, wie am Schluss mit dem offenen Ausgang. Lucas ist sozusagen das «Symptom-Kind» für die Dysfunktion dieser Familie und der Gesellschaft.

Das leidende und dennoch liebende Paar: Philippe und Anne

… in adäquater und überzeugender Form realisiert

Jeder neue Film von Stéphane Brizé geht aus dem vorangegangen hervor, die Antworten des ersten werden zu Fragen des zweiten. Der aktuelle stützt sich stärker als die letzten beiden auf Fiktion und Intimität. Das kann uns helfen, das Klischee von den bösen Führungskräften und den netten Arbeitern zu korrigieren. Denn hier ist System, ist die Welt, wie sie funktioniert, gemeint! Um diese Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit zu zeigen, hat der Regisseur seine Sorgfalt auf die Montage und den Einsatz von drei Kameras verwendet. «Die Mis-scène dieses Films besteht darin, die komplexe Realität einzufangen, so als hätte man mit den Hauptfiguren den Deal abgeschlossen, sie hätten bloss die Anwesenheit von Kameras in ihrem Alltag zu akzeptieren.» – Neben Drehbuch, Schnitt und Kamera, für die Brizé selber zeichnet, hat die Musik eine besondere Rolle für die emotionale Bedeutung der Story. Dies leistet Camille Rocailleux mit ihrer zurückhaltenden, dennoch eindringlichen Musik, wie es bereits in der Beschreibung der ersten Sequenz erwähnt ist. Sie überhöht die Geschichte zum Gleichnis, einem radikalen, bitterbösen – mit einer leisen Hoffnung.

PS 1: «Un autre monde» ist nach meiner Meinung ein ausgezeichneter Film, um die Wirtschaft und den Kapitalismus inhaltlich und emotional verstehen zu lernen. Dafür bräuchte es zum Beispiel an Mittelschulen oder Volkshochschulen jedoch Lehrer:innen, Dozent:innen, Schüler:innen und Erwachsene, die für einen solchen Lernprozess motiviert und fähig sind, den Stoff in seiner fiktionalen Form zu verarbeiten und daraus eigenes Wissen zu erarbeiten. Es gibt wohl nur wenige Filme, die ähnlich spannend, profund und überzeugend die Wirtschaft, den Kapitalismus und die Regeln des Markes verständlich und erfahrbar machen.

PS 2: Mit «Un autre monde» schliesst Brizé seine Trilogie über die moderne kapitalistische Arbeitswelt ab.

Titelbild: Philippe Lemesle in einer Teamsitzung
Regie: Stéphane Brizé, Produktion: 2021, Länge: 97 min, Verleih: Xenixfilm

3 Kommentare

  1. Seine Filmkritik konkludierend, meint der Autor, müsste die Thematik wie „Wirtschaft und Kapitalismus das Menschliche zerstört“ an Mittel- und Fachhochschulen in den Lehrstoff einfliessen. Offensichtlich mit dem Ziel die heranwachsende Generation zu mehr als nur kapitalismus- und wirtschaftskritischen Wesen zu erziehen. Dieser Ansatz kommt immer nur aus Kreisen, die kaum je oder nie in der Privatwirtschaft gearbeitet haben aber sehr wohl vom sehr hohen Wohlstand und Komfort mitprofitieren, die unsere hochentwickelte, global konkurrenzfähige Privatwirtschaft mit hoher Wertschöpfung uns allen in der Schweiz bietet. Auch ein Hinweis auf den Altsozialisten Ziegler darf nicht fehlen, der seit Jahrzehnten mit seinen gescheiterten provokativen Thesen durch die Lande zieht. Che Guevarra, Mugabe, Gadaffi, Castro seine „Vorbilder und Freunde“. Die alle als Despoten endeten und Land und Volk ins Elend stürzten. Bis jüngst Chavez in Venezuela und sein Nachfolger Maduro, die das Land mit den grössten Ölreserven der Welt geplündert und in Armut und Elend gefahren haben. Kaum das Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus.

    Als einer der sein Arbeitsleben in leitenden Funktionen international in der Privatwirtschaft verbracht hat, bin ich der letzte, der die Schwächen des Systems nicht sieht und nicht kritisiert. Eine Trendwende zu mehr Nachhaltigkeit und eine Abkehr von den unsäglichen, viel zu kurzfristigen Quartalsergebnissen von börsenkotierten Firmen, wäre ein wichtiger Ansatz. Leider sind es heute oft eher die Medien und nicht die Aktionäre, die mit unverhältnismässiger Kritik nach einem schlechten Quartalsergebnis aufwarten und Druck auf das Management machen. Diese Kurzfristigkeit ist einer der Hauptgründe für den übermässigen Druck in Unternehmen mit all den negativen Konsequenzen auf schlechtes Arbeitsklima, Mobbing und krankheitsbedingte Ausfälle. Grosse nichtbörsenkotierte Firmen wie z.B. Bosch in Deutschland unterliegen diesem Druck nicht und das Arbeitsklima und die Personalfluktuation sind nachweislich besser resp. tiefer.

    Mein gesellschafts- und bildungspolitischer Ansatz ist ein anderer als der der Systemfeinde und Kritiker. Ich plädiere seit über 20 Jahren für Volkswirtschaftskunde als Pflichtfach ab der Oberstufe. Das mangelnde Wissen weiter Kreise über volkswirtschaftliche Zusammenhänge ist in unserer Direkten Demokratie erschreckend und da müssen wir ansetzen. Indoktrination von Schülern und Studierenden mit einseitigen kapitalismusfeindlichen Lehrstoffen und Ideologien darf in unserer Demokratie nicht toleriert werden. Mit mehr breitem Grundwissen können wir als Gesellschaft zusammen notwendige Verbesserungen am System vornehmen. Wie z.B. die Änderung des Aktienrechts das auf mehr Nachhaltigkeit baut, anstatt auf kurzfristige Optimierung.

    Und ich bezweifle, ob die doch mehrheitlich linkslastige Kulturszene von Film bis Literatur unter dem Titel „wie Politik und Schuldenwirtschaft das Menschliche zerstören“ einen Film oder ein Buch produzieren würden. Staatsbankrotte und Währungskrisen wurden in den allermeisten Fällen von verfehlter Politik ausgelöst. Genauso wie uns jetzt nach 70 Jahren Wohlstand und Frieden in Europa ein Krieg auf europäischem Boden aus dem Wohlstandsschlaf aufgeweckt hat, haben uns jetzt Inflation und exorbitante Staatsverschuldungen eingeholt. Seit 15 Jahren drucken die Notenbanken unerlässlich Geld und decken jede neue Krise mit immer noch mehr Geld im Umlauf und neuen Schulden zu. Die früher aufgestellten Einstiegskriterien für die Eurozone: Maximal 60% Staatsverschuldung vom BIP und 3% Budgetdefizit vom BIP ist längst Makulatur! Nur noch gerade 3 von den 19 Mitgliedländern der Eurozone halten diese Kriterien ein! Die Länder Südeuropas weisen mittlerweile Staatsverschuldungen von weit über 150% BIP aus und nicht mal Deutschland hält die Maastrichtkriterien ein. Trotz Inflationsraten im Euroraum von 8-10% bleibt die EZB inaktiv und erhöht die Leitzinsen kaum, aus Angst eine neue Schuldenkrise zu verursachen. Wir Sparer werden längst kalt enteignet. Die Schuldenwirtschaft geht weiter und die baldige rechtsradikale Regierung in Italien macht noch höhere Versprechungen und neue Schulden.

    Mein Fazit: Was ist für uns Menschen schlussendlich schlimmer: Der Dschungel des Kapitalismus, der uns allen Wohlstand und Freiheit gebracht hat oder das Gegenmodell: Der gescheiterte Sozialismus, der nur Elend über die Menschheit gebracht hat und jetzt eine seit 20 Jahren katastrophal verfehlte EU Politik, einer Fehlkonstruktion EURO und einer verantwortungslosen Schuldenwirtschaft und Inflation mit den kommenden Verwerfungen und der Enteignung durch Inflation?

    • Das Zitat des egozentrischen Friedrich II: «tiefer hängen» wird oft misszitiert. Ich bezweifle, dass er damit die Entschärfung eines Problems gemeint hat sondern viel eher zur autoritären Einschüchterung derer, die es wagten ihn öffentlich mit einem Plakat zu kritisieren. Ob ich es mir weiterhin antun werde auf diesem «Forum des linken Alt-Establishment» … mehrheitliche bürgerliche Positionen zu vertreten und praxisnah von Erfahrungen aus dem Leben in der Privatwirtschaft, wo rund 5 Millionen Menschen arbeiten, zu berichten, sei dahingestellt. Aufwand und «Ertrag» stehen in einem krassen Missverhältnis.

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