FrontKolumnenKönigin Elizabeth II: Wenn Ohnmacht zur Macht wird

Königin Elizabeth II: Wenn Ohnmacht zur Macht wird

In den nächsten Tagen steht sie immer wieder im Fokus der Medien: Königin Elizabeth II. 70 Jahre war sie weltweit präsent. Auch am letzten Donnerstag, an ihrem Todestag, beherrschte sie noch einmal die TV-Programme in der ganzen Welt, in Grossbritannien, aber  auch in unseren Nachbarländern, selbst ausgiebig im Land von „Urdemokraten“, in der Schweiz. Die ausgestrahlten Filme und Beiträge dokumentierten nicht nur das aussergewöhnliche Leben einer ganz aussergewöhnlichen Frau, sondern auch die inhaltliche und technologische Entwicklung der Informationsvermittlung über Bilder, so auch die Geschichte des neuen Mediums, des Fernsehens.

Ihre Krönung am 2. Juni 1953 war das erste grosse Fernsehereignis in Europa überhaupt. Die Direktübertragung öffnete gleichsam das Tor zum Durchbruch des neuen, noch viel geschmähten Mediums. Die Welt konnte zum ersten Mal unmittelbar teilhaben an englischer Coolness, am selbstverständlichen Prunk, an tiefverankerten Traditionen, an den stoischen Militärparaden hoch zu Pferd und zu Fuss. So zog Königin Elizabeth auch bei uns ein ins Haus. Meine Mutter verehrte sie, meine Schwägerin reiste wegen ihr schon in den späten 50ier-Jahre nach London, um sie zu sehen, auch wenn sie in Wind und Regen Stunden lang warten musste, wie sie uns immer wieder erzählte. Die Männer in der Familie sahen das etwas anders, insbesondere mein Grossvater, der als Eisenbähnler aktiver Gewerkschafter war; er hatte mit gekrönten Häuptern nichts am Hut. Im Gegenteil. Diese Rückbezüge reichen weit zurück und machen mir bewusst, wie weit, wie lang, wie stark Königin Elisabeth auch mein Leben irgendwie begleitet hat.

Mir wurde zuteil, was meiner Mutter, meiner Schwägerin der grösste Wunsch gewesen ist: ihr persönlich zu begegnen. Vor 42 Jahren stattete Königin Elizabeth II und ihr Gemahl Philip, Ende April/Anfang Mai 1980, der Schweiz den ersten und einzigen Staatsbesuch ab. Die Begeisterung in unserem Land war riesig, sieht man von den Stördemonstrationen von Monarchie-Gegnern ab, die bei ihrem Besuch der Gartenausstellung, der G 80 in Münchenstein bei Basel, aus der Ferne ihrem Unmut Ausdruck verliehen.

Nach dem offiziellen Empfang durch den Bundesrat im Bundeshaus stand im benachbarten Hotel Bellevue Palace ein besonderes Ereignis an. Die Königin wollte sich mit Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft und auch der Medien treffen. Als neuer Leiter der Bundesstadt-Redaktion der SRG gehörte ich mit zu den Privilegierten. Die kleine Gruppe der geladenen Journalisten wurde rechts in der grossen Eingangshalle des Hotels vom Presseattaché der britischen Botschaft in Bern versammelt und dabei darauf hingewiesen, wie wir uns der Königin gegenüber zu verhalten haben. Jeder Einzelne werde ihr ganz kurz vorgestellt, so hätten wir uns bei der Begrüssung zu verhalten, möglicherweise würde sie ein paar Worte an Einzelne richten, Fragen an sie seien aber nicht üblich.

Als ich vor ihr stand, drückte sie ihre Achtung vor dem dreisprachigen Sender SRG aus. Wie gross der Respekt vor Minderheiten in der Schweiz sei. Ich war verblüfft über ihre Kenntnisse, wollte ihr entgegnen, dass es vier eigenständige Sprachsender seien. Ich merkte, dass sie bereits gekonnt dem Nächsten ihre Aufmerksamkeit zu schenken begann und verzichtete. Drei Meter daneben stand Philip, gross gewachsen, elegant gekleidet. Er begrüsste mich auf Deutsch, neigte sich mir zu und verwickelte mich gleich in einen Smalltalk, stellte mir Fragen. Er wollte wissen, wie es denn um das eidgenössische Gestüt in Avenches stehe, ob es weiterentwickelt werde oder es bereits an Bedeutung verloren habe, seit Pferden in der Schweizer Armee keine so grosse Rolle mehr zukomme. Ich war völlig überrascht und gleichsam überfordert. Ich wusste, dass es immer wieder Diskussionen um das Gestüt gab, zu gross, zu teuer. Mir war aufgefallen, dass seine Hände recht gross und gerötet waren, mir wurde klar: Ich stehe einem Pferdeexperten, gar einem Pferdezüchter gegenüber.“

An sich eine kleine Episode. Ich merke aber, dass sie jetzt für mich weit wichtiger wird, als sie damals war. Ich erinnere mich auch genauer daran, wie ich vor ihr stand, erinnere mich, wie sie mich anschaute, wie sie vermittelte, dass sie sich – selbst in dieser ganz kurzen Zeit – für mich irgendwie interessierte.

Es erreichen uns jetzt jeden Tag unfassbar emotionale Bilder, empathische Statements aus London, aus den Ländern des Commonwealth. Wir werden gewahr, welche Bedeutung die Frau hatte, welche Botschaften sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit, erst als junge, elegante Frau, als gestandene Regentin, als die Mutter des Empires ausstrahlte, dass sie während 70 Jahren standhaft und unbeirrt das umsetzte, was sie als  21-Jährige versprochen hatte: dem Land zu dienen.

Welcher Gegensatz zu Putin, dem Kriegsherr und Unterdrücker, welcher Gegensatz zu Trump, dem Hallodri. Sie hatte im Gegensatz zu den beiden keine politische Macht. Ihre natürliche Autorität war ihr gegeben, wuchs mit den Jahrzehnten ihrer Regentschaft. Sie stand für Geschichtsbewusstsein, für Traditionen, für Kontinuität, für die Monarchie in einem durch und durch demokratischen Staat. Für Botschaften, die sie mit einem feinen britischen Humor zu verknüpfen verstand. Aus der politisch institutionellen Ohnmacht wuchs ihr immer mehr eine Macht zu, mit der sie die Herzen der Menschen erreichte. Der majestätische Prunk schien zwar zunehmend aus der Zeit zu fallen, fiel aber nie. Die aktuellen Bilder aus London zeigen das Gegenteil: ein Staatswesen, das uns mit seinen Ritualen ins Erstaunen versetzt, auch fasziniert.

Grossbritannien nimmt sich jetzt noch acht Tage Zeit, um von ihr Abschied zu nehmen und ihre Nachfolge zu regeln. König Charles III hat sich auf einer Reise durch die Länder Grossbritanniens als neuer Regent seinen Landsleuten vorzustellen. Nach dieser Zeit wird Grossbritannien die Königin in einer grossen, auch britisch nüchternen Weise beisetzen.

Die Britinnen und Briten werden in der Zeit nicht nur die Vergangenheit zu bewältigen versuchen, sondern auch in die Zukunft blicken. Und das in einer Zeit, in der diese alles andere als rosig aussieht. Im Gegenteil. Epochale Einschnitte können auch einen Weckruf auslösen, den Grossbritannien aus der gegenwärtigen politischen Blockade, aus der wirtschaftlichen Enge befreien könnte.

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