FrontKulturGeglückter Saisonstart mit Ödipus

Geglückter Saisonstart mit Ödipus

Zur Saisoneröffnung am Schauspielhaus Zürich inszeniert Regisseur Nicolas Stemann Sophokles` «König Ödipus» in einer Neubearbeitung: ein geglückter Auftakt mit zwei herausragenden Darstellerinnen.

Das Schicksal von König Ödipus, das Sophokles – 425 v. Chr. uraufgeführt – so drastisch dargestellt hat, hat die Leser und Theaterbesucher über Jahrhunderte bewegt, denn es rührt an die Grundfragen der Menschheit. Ödipus wird als Kind von seinen Eltern ausgesetzt, weil sie der Erfüllung eines schlimmen Orakelspruchs entgehen wollen. Der Junge überlebt, wächst in Unkenntnis seiner wahren Herkunft als Erbe eines benachbarten Königshauses auf und erhält bald die gleiche göttliche Prophezeiung. Gerade sein verzweifelter Versuch, diesem Fluch zu entfliehen, macht den ahnungslosen Ödipus zum Vatermörder und Muttergatten.

In der Stadt Theben wütet die Pest, Menschen und Tiere sterben, Felder werden unfruchtbar. Alle Hoffnungen richten sich auf König Ödipus. Doch zuvor muss der Mörder von König Laios, dem Vater von Ödipus, gefunden und bestraft werden. Die Suche nach dem Schuldigen wird für Ödipus zu einem Weg in die eigene Schuld. Er muss sich der eigenen Vergangenheit stellen und schmerzlich erkennen, dass er der Missetäter ist.

Suche nach dem Schuldigen

Wer ist der Schuldige? Wie viel Unwissenheit ist Verdrängung? Und wie viel Wissen braucht es, um schuldig zu sein? Diesen Fragen geht Regisseur und Co-Intendant Nicolas Stemann in seiner Eröffnungsinszenierung «Ödipus Tyrann» am Pfauen nach. Wie in seiner früheren Inszenierung «Der Besuch der alten Dame» lässt Stemann die Tragödie von zwei Frauen (Alicia Aumüller und Patrycia Ziölkowska) spielen. Es könnten die Töchter Antigone und Ismene von Ödipus sein, die die Geschichte ihres Vaters in antiker Manier nacherzählen und nachspielen, alle Rollen des Stücks (Chor, Ödipus, Kreon, Iokaste, Tiresias) übernehmen. Und das tun sie gekonnt in schauspielerischer Höchstform.

Patrycia Ziölkowska und Alicia Aumüller als König Ödipus und Tochter Iokaste. 

Gespielt wird vor geschlossenem eisernem Vorhang mit einem breiten Emporenaufgang, der in den Zuschauerraum ragt. Für wenige Momente wird der Vorhang hochgezogen, werden die Choreinlagen musikalisch untermalt, wird das Publikum miteinbezogen, der Kronleuchter zum Träger eines Tüllrocks. Gekleidet sind die beiden Darstellerinnen in Schwarz. Sie agieren treppauf und treppab, meist mit einem Mikrofon bewehrt, deklarieren, klagen, schreien, brausen auf je nach Rolle in unterschiedlichen Tonlagen und passender Gestik, sprechen viel im Chor, und das meisterhaft.

Gelungene Reduktion

Es ist ein wahres Vergnügen, diesen beiden zuzuhören und zuzusehen, wie sie die Figuren der Tragödie formen, sie lebendig machen, mit Zwischentönen agieren, die auf heutige Missstände wie den Klimawandel hindeuten und die Schuldfrage aufwerfen. Grossartig zeichnen sie den Wandel vom vermeintlich unschuldigen zum schuldigen Ödipus nach, der anfänglich machtgierig andere (Kreon) beschuldigt und schliesslich zerknirscht die eigene Schuld erkennen muss und sich daraufhin die Augen aussticht.

Wohltuend in der knapp zweistündigen Aufführung ist die Reduktion auf zwei Darstellende und der Verzicht auf eine reich dekorierte Bühne mit grossflächigen Videoeinspielungen, wie es heute in vielen Inszenierungen üblich ist. Für einmal steht das gesprochene Wort im Vordergrund, vorgetragen von zwei hervorragenden Schauspielerinnen, die hohe Schauspielkunst zelebrieren. Das Premierenpublikum war sehr angetan von der Aufführung und bedankte sich mit langanhaltenden Standing Ovations.

Weitere Spieldaten: 18., 25., 27. September, 3., 11., 14., 26., 31. Oktober

Ein Ödipus mit Zwischentönen, grandios gespielt von Patrycia Ziölkowska und Alicia Aumüller mit Tüllrock. Fotos: Philip Frowein

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel