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Lecko mio. Siebzig werden

Lieber Herr Timmerberg, Ihr Buch, «Lecko mio. Siebzig werden» hätte ich nicht gelesen, wäre nicht mein Sohn gewesen, der mich in einer Bibliothek auf das Buch hinwies mit den Worten: «Du wersch jo s’nöchscht Johr ou sebezgi, de chasch vo dem Buech secher no öppis leere». (Breites Grinsen).

Kann ich von Ihnen, von Ihrem Buch was lernen? Vielleicht schon, schliesslich sind Sie ein Spiegel Bestseller-Autor. Als Sie 17 waren, soll Ihnen ein Guru in einem indischen Ashram gesagt haben «Geh nach Hause. Und werde Journalist», was sie dann auch taten und für renommierte Zeitungen und Zeitschriften arbeiteten.

Sie orientieren sich stilistisch am Gonzo-Journalismus, schreiben aus Ihrem subjektiven Erleben heraus, werfen mit Schimpfwörtern (Lecko mio) polemisch um sich oder finden etwas humorvoll, wo ich eher die Nase rümpfen würde…weil ich im Unterschied zu Ihnen humorlos bin… oder weil ich was anderes lustig finde als Sie? Als Gonzo-Journalist orientieren Sie sich an Ihrem subjektiven Wahrnehmen, Empfinden, Bewerten und sind nicht einer sachgemässen Darstellung verpflichtet. Wahrheiten gibt es für Sie nicht, es sei denn, was Sie als Ihre persönliche Wahrheit empfinden. Da sträuben sich mir die Haare. Als Gonzo-Journalist produzieren Sie Literatur. Und es könnte ja sein, dass Ihre subjektiven Empfindungen auf überindividuelle Erfahrungen verweisen, so dass Leserinnen und Leser sich in Ihren Sätzen entdeckt, entlarvt, blossgestellt, bemitleidet fühlen.

In Ihrem ersten Kapitel mit dem Titel «Bauch, Beine, Po» erzählen Sie, dass Sie mal einen Bauch hatten in Afrika, aber auch in Asien, den USA und Lateinamerika. Sie hatten einen Bauch im Himalaja, in Berlin und schleppten ihn in St. Gallen «wie einen Bierkasten die Treppen hoch.» Dank Intervallfasten und dem täglichen Treppensteigen in St. Gallen hatten Sie «mal keinen Bauch im Jeansshop» und «keinen Arsch am Baggerteich», dafür «waren die Falten am Arsch noch der geringste aller Kollateralschäden der Diät.»

Im Kapitel zwei kann ich nicht mithalten, geht es da doch um den unflotten Dreier zwischen Ihnen, der Zweitfrau Angelina Alkoholika und der Jugendliebe Maria Marihuana. Und wenn sich dann noch die Benzo-Berta (Schlafmittel) dazu gesellt, sind Lebensweisheiten von Konfuzius oder Laotse angesagt: «Man kann das Böse nicht direkt bekämpfen, denn dann wird es nur stärker. Der beste Weg im Kampf gegen das Böse ist vielmehr der energische Fortschritt im Guten. Für mich heisst das: Kämpfe nicht gegen deine Sucht. Bleib einfach länger nüchtern.» Dabei stellt sich die Frage, wie lange «länger nüchtern» dauert und ob dies dem energischen «Fortschritt im Guten» der alten Weisen entspricht.

Und dann beginnt mit dem dritten Kapitel «Die letzten Zähne oder Über wie viel Brücken muss das gehen» der Kampf gegen den zahnlosen Mund durch das Zähne-ziehen-lassen und die willkommenen Implantate.

Und über wie viele Brücken muss ich noch gehen, d.h. wie viele Kapitel muss ich noch lesen? Noch 19. Auffällig Kapitel 20 mit dem Titel «Friede sei mit dir oder das Theater mit den Schuldgefühlen, 2. Teil» und dem Eingangszitat des Dalai Lama: «Lebe ein gutes ehrbares Leben! Wenn du älter bist und daran zurückdenkst, wirst du es noch einmal geniessen können.» Es folgen Überlegungen zu vergessenen und verdrängten Erinnerungen. Während vergessene Erinnerungen von der Vergangenheit für immer verschlungen seien, ist für Sie das Verdrängen «wie ein morscher Bretterzaun, hinter dem die Zombies toben. Immer wieder kriegen sie eine Hand durch die Lücken, eine Zunge durch die Löchlein, ihren Atem durch die Ritzen.» Und bei den Erinnerungen gebe es «Erzsünden», «sekundäre Untaten» und «Fehlverhalten» oder «Peinlichkeiten». Zu unterscheiden sei auch zwischen «sich an andern versündigen und an sich selbst». Dabei erinnere ich mich an das Kapitel 14 «Das Theater mit den Schuldgefühlen» und dem ersten Teil des Umgangs mit Schuld erzeugenden Erinnerungen, die drastisch so gestanzt werden: «Nichts wagen, um nichts zu verlieren. Nicht zupacken, weil man nicht loslassen kann. Nichts können, weil man nicht will. Nichts wollen, weil man ein Weichei ist.» Und im Kapitel 20 kochen Sie dieselbe Thematik für den Sterbeprozess auf: «Wenn Sterbende gefragt werden, was sie am meisten bereuen, hört man viel zu oft die Klage, dass sie dies und das nicht getan haben, obwohl sie es tun wollten. Weil sie zu ängstlich waren, weil sie auf andere hörten oder weil sie ihre Wünsche der Zukunft anvertrauten. «Morgen ist auch noch ein Tag» ist ein gefährliches Sprichwort. Verpasste Chancen, manchmal sogar ein verpasstes Leben und immer verpasste Frauen resultieren daraus.»

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie persönlich anspreche statt eine ordentliche Rezension Ihres Buches zu schreiben, aber einige Ihrer Formulierungen und Entdeckungen gingen mir derart unter die Haut, ärgerten, nervten, erfreuten, erleuchteten, langweilten mich … oder liessen mich nachdenklich zurück, so dass ich Sie fast geduzt hätte.

Danke Ihnen für die Gefühlswallungen und Einsichten, welche die Lektüre Ihres Buches mir beschert hat. Wer weiss, ob sich mein «Siebzig werden» jetzt anders abspielt und ich in meinem Alterungsprozess besser mitspielen kann.

Besten Dank und freundliche Grüsse BS

Titelbild: Georgschober auf pixabay

Buch:Timmerberg, Helge: Lecko mio. Siebzig werden. München 2022. ISBN 978-3-492-05823-0

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3 Kommentare

  1. Hm….

    Was will der Schreiber mir hier mitteilen? Ich glaub ich bin zu blöd für den Text…. geht mir mit dem Geschriebenen so wie mit manchen modernen Bildern. Beides vermutlich gut als Verarbeitungs-Therapie des Darstellenden. Oder?

    • Geht mir auch so! Ich glaube, das ist ein Männerding. Blöd sind wir deshalb noch lange nicht, liebe Frau Güttinger, man muss ja nicht alles verstehen, oder?

  2. «Männerding» ? Hm…
    B.Steiger schrieb eine Rezension der anderen Art. Muss mann/frau ebensowenig verstehen wie den Text des Schreibers.
    Mir genügen die Ausführungen, das Lesen dieses «Bestsellers» zu sparen.
    Wobei ich, ohne es zu hinterfragen, sicher auch schon mal «lecko mio» sagte.
    Beleidigt fühlte sich niemand. Ist aber vielleicht schon 70 Jahre her.

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