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Zwischen den Jahren

Nein, das ist kein vorgezogener Text zum Jahreswechsel. Aber im Garten wird jetzt, im Oktober, zurück geschaut auf die vergangene Saison und gleichzeitig das neue Gartenjahr geplant. Es ist die Zeit, kurz mal innezuhalten.

Vielleicht hängen die letzten Trauben noch am Spalier und die Herbstsonne «jagt die letzte Süsse in den schweren Wein», wie Rilke das in seinem «Herbsttag» sagt. Vielleicht werden die letzten Rosen gepflückt für einen grossen, üppigen Strauss, bevor die Rosenstöcke, müde geworden von der Hitze des Sommers, auf Kniehöhe zurückgeschnitten werden. Vielleicht wissen die Cosmeen in ihrem Blütenrausch nichts von den kalten Nächten, die unweigerlich kommen werden.

Und vielleicht kann man, wenn man sich an den letzten Sommer erinnert, ein bisschen dankbar sein. Gut, es war so trocken, dass der Rasen braun wurde und der Salat im Garten fleissig gegossen werden musste. Aber da war auch diese Fülle an voll aromatischen Beeren, eine Feigenernte, die bereits im Juli begann – die Vögel waren die ersten, die sich an den zuckersüssen Früchten gütlich taten, und mich so auf diese frühe Reife aufmerksam machten. Da war eine Gurkenernte ganz ohne Mehltau und Kräuter wie Pfefferminze, Basilikum und Oregano, die richtig stark dufteten.

Alles wieder gut erholt

Jetzt ist der Rasen, ganz ohne unser Zutun, wieder sattgrün und auch in den Beeten wächst alles, als ob es nie richtig Herbst werden würde. Wir aber ahnen die kalten Nächte und machen uns daran, den Garten winterfest zu machen. Was nicht heissen darf, dass er penibel aufgeräumt werden muss – denn er muss Lebensraum bleiben. Nicht für uns, wir können uns bei Bedarf in die warme Wohnung zurückziehen. Was übrigens die Spinnen gerade auch versuchen, doch die werden schnell wieder nach draussen befördert. Sollen sie sich im dichten Efeu, in den grünen Eiben oder in den Laubpolstern unter den Sträuchern eine geschützte Bleibe suchen.

Blindschleichen brauchen, wie so viel anderes Kleingetier, die Möglichkeit, sich zu verkriechen und so den Winter zu überstehen.

Für etliches Kleingetier ist ein sauber aufgeräumter, von jeglichem Laub und allen Pflanzenresten befreiter Garten etwa so viel wert, wie für uns eine blitzblanke Küche in einer Baubedarfsausstellung: Ganz nett, aber Lust zum Kochen kommt nicht auf und satt wird vom Anschauen auch niemand. Und gemütlich ist auch anders. Wo sollen denn all die Käfer, die Insekten, Blindschleichen und was sonst noch kreucht und fleucht, ein geschütztes Winterquartier finden in einem sterilen Ambiente?

Pflanzen sorgen vor

Auch für uns hält ein naturnaher Garten Überraschendes bereit. Nicht sofort, aber im nächsten Gartenjahr. Und damit kommen wir zum Begriff «zwischen den Jahren». Denn die Natur verabschiedet sich in den kommenden Wochen nicht einfach in die Winterruhe, sie sorgt vor. Viele der abgeblühten einjährigen Pflanzen haben sich unbemerkt schon versamt oder Ableger gebildet. Ob Ringelblumen, Jungfer im Grünen, Sonnenblumen oder Cosmeen – sie werden im nächsten Frühling wieder da sein. Nicht immer am selben Ort, aber in der Nähe und, diese Erfahrung habe ich schon oft gemacht, an Stellen, wo sie ganz gut hinpassen. Und wenn dann eine Königskerze doch mal einen Weg versperrt, ist sie ja schnell ausgerissen.

Bluebells sind so etwas wie eine unbeständige Liebe. Sie bezaubern und verführen – und im nächsten Jahr sind sie einfach wieder weg. (alle Bilder pixabay)

Ebenso pflegeleicht sind Zwiebelblüher. Schneeglöckchen, Narzissen, Bluebells und Krokus kommen in der Regel jedes Jahr wieder, wenn man ihnen nach der Blüte etwas Zeit lässt, ihr Laub einzuziehen. Auch die kleinen Wildtulpen sollten immer wieder erscheinen. Sollten. Wenn sie das tun im Frühling, ist es immer eine kleine Freude. Denn oft verabschieden sie sich und niemand weiss genau wieso. Zu heiss, zu trocken oder zu nass im vergangenen Sommer? Oder einfach blühfaul geworden? Ich weiss es nicht, bin aber dann immer ganz erstaunt, wenn irgendwo, weitab vom ursprünglichen Platz, plötzlich ein Wildtülpchen aufblüht. Man könnte an Hexerei glauben, aber ein Gärtner klärte mich auf: Ameisen verschleppen die Samen der Tulpen, denen man ja meist keine Beachtung schenkt. Schade, kein magischer, verhexter Garten. Nur Ameisen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, der pflanzt im Herbst neue Zwiebelblüher. Wobei es auch dort manchmal wie verhext ist. Pflanze ich im Herbst eine ganze Portion Zwiebelchen meiner geliebten Bluebells, leuchtet es im Frühling unter etlichen Sträuchern so himmelblau, dass man meint, der Frühlingshimmel spiegle sich im langsam verrottenden Herbstlaub. Finde ich, das reicht jetzt und lasse im Herbst die Bluebell- Zwiebelchen im Gestell, sind im nächsten Frühling fast alle verschwunden. Verschwunden wohl zwischen den Jahren, den Gartenjahren.

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2 Kommentare

  1. Ich bin immer etwas neidisch, wenn ich lese oder höre, wie Gartenbetreuer*innen, in diesem Fall Sie, mit sachkundigen Überlegungen und in blumigen Worten über ihren Garten erzählen, sodass man am liebsten dabei wäre. Als die Kinder noch klein waren, wohnten wir in einem Bauernhaus und ich bewirtschaftete mithilfe der Magd vom Nachbarhof, sie hiess Marti, einen grossen Bauerngarten.
    Als Stadtbernerin mit null Ahnung vom Gärtnern, zeigte mir das geduldige Marti, wie man den Boden bearbeitet, wie man danach den Kuhmist locker unterhebt, den sie mir im ersten Jahr sogar frei Haus mit ihrem Schubkarren anlieferte; wie mithilfe einer Schnur einem die geradesten Beete gelingen und schliesslich, präzise und sehr pingelig, wie das Saatgut unter die Erde zu bringen sei.
    Ich habe sehr viel gelernt und bin dem lieben, ewig krampfenden Marti dankbar für die Lehrjahre in einer mir unbekannten Welt. Heute erfreue ich mich täglich an meinen Balkonpflanzen, wie die zart roten Begonien, die nicht aufhören zu blühen, was eventuell auch ein wenig an meiner guten Pflege und Ansprache liegen kann, aber doch vor allem dem sehr milden Wetter geschuldet ist. Trotzdem freue ich mich auf ihren nächsten Gartenbericht.

  2. Ja, auch ich habe mich sehr gefreut über den Artikel. Seit ich denken kann habe ich mit und im Garten gelebt. Als Jugendliche beim helfen und mit der Familie für die Früchte und das Gemüse. Jetzt lebe ich immer noch im gleichen Haus. Doch der grosse Garten hat sich verändert. Weg sind die Beete, die vielen Töpfe, die Dahlienrabatten und die vielen Geranienkisten. ect,ect.
    Ja, ich befinde mich auch zwischen den Jahren, zwischen den Lebensjahren. Natürlich bin ich noch jeden Tag, oder meistens, eine Stunde im Garten. Das wenige das ich noch brauche wächst in zwei bequemen Hochbeeten. Die Rabatten sind nun Lebensraum für einheimisches Gehölz und Stauden, die der Gärtner pflegt Auch Bodendecker machen keine Arbeit .Dafür ist viel Platz für Kleingetier aller Art. In den wenigen Töpfen wachsen auch winterharte Pflanzen. Alles in allem schön. Halt einfach anders. Mit mir geht es genauso. Die Landkarte des Lebens ins Gesicht geprägt, immer ein bisschen weniger mobil und oft geplagt von was weiss ich nicht allem. Stück für Stück loslassend und reduzierend. Und trotzdem gut anzufühlen. Halt eben zwischen den Jahren. Den Lebensjahren!

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