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Eine Gesellschaft ohne Bücher

Das Zürcher Theater Rigiblick bietet mit der Inszenierung von  Ray Bradburys Roman «Fahrenheit 451» einen stimmigen Musik-Theater-Abend mit Songs der britischen Rockband «Radiohead».

Der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury (1920 – 2012) schrieb mit «Fahrenheit 451» – der Titel bezieht sich auf die geschätzte Selbstenzündungstemperatur von Papier – Literaturgeschichte. Der 1953 veröffentlichte Science-Fiction-Roman beschreibt nicht nur den Schrecken der Bücherverbrennung, sondern auch den Terror eines Überwachungsstaats, der seine Bürger mit totalem Entertainment und dauerhafter Bespassung ruhig stellen will: ein in vielerlei Hinsicht heute brandaktuelles Thema.

Feuerwehrmänner legen im Auftrag des Staates Feuer, und dass sie einst dazu da waren, Brände zu löschen, kann sich kaum einer mehr vorstellen. Auch nicht der junge Guy Montag. Auch er ist vom politischen System abhängig, anonym und unmündig gemacht worden. Die Begegnung mit der Nachbarstochter Clarissa lässt jedoch Fragen in ihm aufkommen. Er hinterfragt den Alltag mit seiner Frau Mildred, die tagsüber vor den Videowänden ihres Wohnzimmers hängt und nachts nur mithilfe von Tabletten in den Schlaf findet. Er zweifelt an der Arbeit der Feuerwehr und den Ansichten seines Vorgesetzten Beatty, für den jedes Buch «wie eine scharf geladene Waffe» ist. Als Montag bei einem Feuerwehreinsatz erlebt, dass eine alte Frau lieber stirbt, als ihre Bücher verbrennen zu lassen, ist in seiner Welt nichts mehr so wie vorher.

Hervorragende Musikeinlagen

In bekannter Manier präsentiert das Theater Rigiblick Bradburys Schlüsselwerk als Geschichte mit Musik. Diesmal sind es Songs der britischen Rockband «Radiohead». Damit erfüllt sich Theaterleiter Daniel Rohr einen lang gehegten Wunsch, die bearbeitete Drei-Personen-Fassung des Romans mit der Musik von Radiohead zu verweben. Geboten wird ein beeindruckender Abend, nicht zuletzt dank hervorragender Musikeinlagen.

Oben (v.l.): Sarah Kappeler als Mildred, Alexandre Pelichet als Guy Montag, Daniel Rohr als Beatty. Unten: Sarah Kappeler mit hinreissender Stimme. Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie

Die drei Darsteller (Daniel Rohr, Sarah Kappeler, Alexandre Pelichet) resümieren die dystopische Zukunft von «Fahrenheit 451» erzählend und singend (Regie: Hanna Scheuring). Dabei hantieren sie mit verschiedenen Gegenständen, mit denen sie das Geschehen mit passenden Geräuschen untermalen. Vorne auf der Bühne ist die zehnköpfige Musikband unter der Leitung von Tobias Schwab platziert. Auf einem erhöhten Podest mit Treppenaufgang im Hintergrund handeln die drei Protagonisten episodenhaft den Fortgang des Terrors ab. Begleitet wird der Abend von grossflächigen Videoeinspielungen auf beiden Bühnenseiten.

 Eindrückliche Nacherzählung

Daniel Rohr als Vorgesetzter Beatty, Alexandre Pelichet als Guy Montag und Sarah Kappeler als Montags Frau Mildred und als Nachbarstocher Clarissa liefern insgesamt eine eindrückliche Nacherzählung des Romans, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Vorab Alexandre Pelichet gestaltet den Montag recht überzeugend, der allmählich die Schönheit dessen erkennt, was er da tagtäglich beseitigen muss. Packend und teils hinreissend sind die Gesangseinlagen der Drei, begleitet von einem grossartigen Orchester. Rundum, das Theater Rigiblick bietet mit «Fahrenheit 451» einen sowohl genüsslichen wie nachdenklichen Musik-Theater-Abend mit einer apokalyptisch anmutenden Story, die in der Gewissheit endet, dass es niemals zu spät ist, Widerstand gegen totalitäre Herrschaften zu leisten. Dafür gabs am Premierenabend viel Applaus.

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