StartseiteMagazinKulturEin Weltbürger macht Kunst für alle

Ein Weltbürger macht Kunst für alle

«Isamu Noguchi – Wanderer zwischen den Welten». Das Zentrum Paul Klee Bern portraitiert den japanisch-amerikanischen Künstler, der Skulptur, Design und angewandter Kunst gleichermassen zugetan war.

Eine elegante, spiralförmige Rutsche aus weissem Marmor, 120 Tonnen schwer, hatte Isamu Noguchi als Kernstück seiner Ausstellung an der Biennale in Venedig 1986 ausgewählt. Diese Skulptur Slide Mantra war nicht nur zum Anschauen da, sondern zum Ausprobieren. Es heisst, Noguchi habe augenzwinkernd erklärt, erst nachdem Kinderpopos sie poliert hätten, sei sie vollendet. Mensch und Kunstwerk in Interaktion, darauf legte Isamu Noguchi stets grossen Wert.

1986 wurde der 82-jährige Künstler eingeladen, den US-amerikanischen Pavillon in Venedig zu gestalten. Er gab seiner Präsentation den Titel Was ist Skulptur? und nahm damit eine Grundfrage auf, die ihn sein Leben lang begleitet hatte: «Was ist meine Rolle als Künstler? Was will ich mit meiner Kunst erreichen? Was vermag eine Skulptur?» Noguchi war sein Leben lang neugierig auf Ausdrucksformen der Gestaltung, seien es Bildhauerarbeiten, Bühnenbilder, Möbelstücke, Parkanlagen mit Spielplätzen oder einfach: Was bedeutet uns eine Skulptur in einer Landschaft.

Isamu Noguchi: Akari, Modelle 27N, 2N, BB3-70FF, BB2-S1, 14A, BB1-YA1, 31N. Papier, Bambus, Metall. Foto: The Kagawa Museum   © INFGM / 2021, ProLitteris, Zürich

Im Film, der in der Ausstellung zu sehen ist, sagt Noguchi: «Die Welt ändert sich, das Leben ist ständig im Wandel und wir in ihm.» So erscheint es selbstverständlich, dass auch das Werk dieses Künstlers sich vielfach verzweigt und vor der praktischen Anwendung nicht Halt macht: Die Lampen aus Japanpapier und Bambus, sogenannte Akari-Lichtskulpturen, die in unserer Jugend unverzichtbar schienen, hatte Noguchi entwickelt, ausgehend von einer japanischen Tradition der Gestaltung. – Nur Kunstpuristen konnten darüber die Nase rümpfen und ihn bezichtigen, er betreibe kommerzielles Design. Als ob nicht das ganze 20. Jahrhundert hindurch Künstlerinnen und Künstler Form und Alltagsgebrauch zusammengebracht hätten.

Porträt von Isamu Noguchi, 1955. Foto: Louise Dahl-Wolfe. The Noguchi Museum Archives, 03705  © INFGM / 2021, ProLitteris, Zürich

Isamu Noguchi (1904 – 1988) war der Sohn der irisch-stämmigen amerikanischen Autorin Léonie Gilmour und des japanischen Dichters Yonejirō Noguchi. In Los Angeles geboren, wuchs er zunächst in Japan auf, bevor er als Jugendlicher nach Amerika zurückkam. Er lebte und arbeitete in den USA, Japan und in verschiedenen Ländern Europas. Er reiste viel. In seinem Schaffen verband er Anregungen aus vergangenen und zeitgenössischen Kulturen. Japanische Gärten, eine astronomische Anlage der Moghulherrscher in Indien oder künstliche Erdhügel aus prähistorischen nordamerikanischen Kulturen inspirierten ihn ebenso wie die abstrakte Kunst des frühen 20. Jahrhunderts oder der Surrealismus.

Ausstellungsansicht (Foto mp)

Noguchi arbeitete je nach Zeit und Ort mit unterschiedlichsten Materialien wie Stein, Holz, Metall, Kunststoff, Keramik, Papier und elektrischen Komponenten. Zu deren Bearbeitung eignete er sich traditionelle handwerkliche Techniken an, liess gewisse Werke aber ebenso mit modernen industriellen Techniken anfertigen.


«Alles war Skulptur», lautet ein weiterer seiner Grundsätze: Alle Materialien, alle Ideen, die einfach in den Raum hineingeboren werden, betrachte ich als Skulptur.»


Mit seinen Kunstwerken strebte Noguchi danach, einen Beitrag zu den gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit zu leisten. Er engagierte sich in politischen Fragen, indem er mit Skulpturen und Denkmälern gegen die Rassendiskriminierung protestierte oder sich für bessere Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter einsetzte, die Schrecken des Krieges und die damit verbundenen Zerstörungen anprangerte. Damit schuf er sich gerade in konservativen Kreisen der USA keine Freunde.

Isamu Noguchi: Red Lunar Fist, 1944. Magnesit, Kunststoff, Harz, elektrische Komponenten. 18,1 x 21,3 x 22,2 cm. The Isamu Noguchi Foundation and Garden Museum, New York.  Foto: Kevin Noble  The Noguchi Museum Archives, 9864   © INFGM / 2021, ProLitteris, Zurich

Auch im Land seines Vaters konnte er sich mit dieser Haltung nicht durchsetzen: Er hätte gern ein Mahnmal für die Opfer von Hiroshima errichtet – die Pläne hatte er schon konzipiert -, aber den Japanern erschien er als Amerikaner nicht dafür geeignet. Dabei hatte Noguchi sich während des Zweiten Weltkriegs für seine in den USA internierten Landsleute eingesetzt.

Nachdem Japan mit dem Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg eingetreten war, wurden in den USA sehr viele eingewanderte Japanerinnen und Japaner in Lager gezwungen. Noguchi, trotz seines japanischen Vaters, konnte als Amerikaner erreichen, dass er in einem dieser Lager ein Landschaftsprojekt beginnen durfte. Leider stiess er nicht auf genügend Interesse, deshalb brach er das Experiment nach einiger Zeit ab.

Isamu Noguchi: Okame (Atomic Head), 1954 Eisen, 23,5 × 19,4 × 11,1 cm. The Isamu Noguchi Foundation and Garden Museum, New York. Foto: Kevin Noble, The Noguchi Museum Archives, 00358  © INFGM / 2021, ProLitteris, Zürich

Die Schrecken und Zerstörungen des Krieges beschäftigten ihn sehr. In einem Relief This Tortured Earth stellt er die Verwüstungen des Krieges dar. In der Maske Okame (Atomic Head) kommt die Misshandlung des Menschen deutlich zum Ausdruck. Es ist das Gesicht bzw. die Maske einer lächelnden Frau, die von der Katastrophe von Hiroshima gezeichnet ist.

Als junger Künstler hatte Noguchi Porträts von Weggefährten der 1920er Jahre geschaffen, figurative, ausdrucksstarke Büsten. Sie sicherten ihm ein gewisses Einkommen. Er versuchte sich an unterschiedlichen Techniken, die Noguchis Gewandtheit im Umgang mit verschiedenen Materialien, Techniken und Werkzeugen belegen. Seine Aussage jedoch charakterisiert ihn deutlich: «Ich glaube nicht daran, dass man bei einem Werkstoff bleiben sollte. Ich habe Angst, dass er mich dann beherrscht und zu meinem Markenzeichen wird.»

Isamu Noguchi: R. Buckminster Fuller, 1929. Bronze, verchromt 33,7 x 20 x 25,4 cm. Collection Alexandra Snyder-May.  Foto: F. S. Lincoln  © INFGM / Penn State University Libraries / 2021, ProLitteris, Zürich

Bei seinem ersten Auslandsaufenthalt in Paris traf er auf Constantin Brâncuşi und assistierte ihm eine Weile. Bei ihm ging er den Schritt vom Figurativen zum Abstrakten und lernte die Bedeutung des Raumes für eine Skulptur. – Aber Noguchi bleibt Individualist, verlässt nach gewisser Zeit Brâncuşis Atelier, um sich nicht von dessen Ästhetik vereinnahmen zu lassen.

Ein weiterer wichtiger Freund wurde später der New Yorker Architekt R. Buckminster Fuller, der zugleich Erfinder und Visionär war. Noguchi mit seinem Flair für Design unterstützte ihn bei der Gestaltung eines damals futuristischen, aerodynamischen Autos, das allerdings zum Flop wurde. – Seinen eigenen ästhetischen Ideen blieb er stets treu.

«Isamu Noguchi» im Zentrum Paul Klee Bern. Bis 8. Januar 2023

Titelbild: Noguchi testet «Slide Mantra» aus Isamu Noguchi: What is Sculpture?, US-Pavillon, Biennale Venedig, 1986. Foto: Michio Noguchi. The Noguchi Museum Archives, 144398 © INFGM / 2021, ProLitteris, Zürich

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