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Ein Friedhof des Lebens

In einem einsamen Steinbruch suchen vier junge Geflüchtete nach Kontakt, vor allem zu Frauen, sie wünschen sich Liebe und Sex. Die Schweizerin Maja Tschumi nähert sich den Männern mit ihrem Dokumentarfilm «Rotzloch» und schildert berührende, traurige, ärgerliche Zustände und ein System, das nicht weiter hilft. Ein Film, der Fragen stellt, die quälen und herausfordern. Ab 1. Dezember im Kino,

Am Ende eines Steinbruchs in Nidwalden, an einem gottverlassenen Ort namens Rotzloch, beginnt für vier junge Männer ein neues Leben. Nach ihrer Flucht aus Eritrea, Syrien, Afghanistan und der Türkei versuchen sie, Boden unter die Füsse zu bekommen. Doch Ankommen ist nicht einfach. Sie sehnen sich nach Kontakt, vor allem zu Frauen. Sie hoffen, wenn sie eine Liebe finden, finden sie ein Zuhause.

Damit trifft die Filmautorin Maja Tschumi ins Herz jedes Flüchtlings, vielleicht auch jedes Menschen. Doch stossen sie hier auf eine fremde Kultur und geraten in Konflikte, von denen sie nichts geahnt haben. Sie suchen einen Umgang damit, aber auch mit sich selbst, ihrer neuen Situation und ihrer Männlichkeit.

Amir Safai aus Afghanistan beim Training

Das Rotzloch

Das Rotzloch ist das älteste Industriegebiet der Zentralschweiz, es liegt zwischen Rotzberg und Alpnachersee und ist ein geschichtsträchtiger Ort. Nicht nur wurden hier die Nidwaldner von den Franzosen geschlagen und mussten die helvetische Verfassung und die Religionsfreiheit akzeptieren. Die Burg auf dem Rotzberg spielt auch in vielen schweizerischen Befreiungssagen eine wichtige Rolle. Ab 1597 wurde im Rotzloch Papier hergestellt, Holz und Leder verarbeitet und Eisen geschmolzen. Später entdeckte man das Naturerz und errichtete eine Zementfabrik. Fragt man Einheimische nach dem Rotzloch, erzählen sie von einem berühmt-berüchtigten Tanz-Club oder der Naturhöhle, die zum Käselagern und während des Zweiten Weltkriegs als Versteck für Kunstsammlungen diente. Kaum jemand weiss, dass die Zementfabrik inzwischen in ein Asylzentrum für junge geflüchtete Männer umgewandelt wurde.

Einsame, unruhige Nächte

Zum Einstieg

Mit sphärischer, unheimlicher, klagender Musik von Bit-Tuner/Feed the Monkeys und anfänglich schwarz-weissen, sich allmählich färbenden Bildern von Gabriel Lobos und Silvio Gerber beginnt ein Film, der mich hin- und herreisst: Von wenigen zärtlichen und vielen traurigen Szenen und Aussagen, die Vorurteile über Geflüchtete abbauen und neue Fragen stellen, für die es keine Antworten, nur Betroffenheit und Trauer gibt. Man denkt an «Der Rest ist Schweigen» von Shakespeare, und die Worte bleiben einem im Hals stecken und führen uns weiter zum entscheidenden «Sein oder Nichtsein».

Mit einem aussergewöhnlichen und neuen Blick empfängt mich die Regisseurin im Film «Rotzloch» und bringt mich von einem Geflüchteten zum andern, von Habibi zu Amir, von Mahir zu Issac und und weiteren Männern im Hintergrund, vorbei an einigen jungen und alten, offiziellen und zufälligen Schweizerinnen und Schweizern.

Die Kommentare der Regisseurin Maja Tschumi und des Produzenten Kaspar Kasics klären gut auf, so dass ich hier einige Ausschnitte wiedergebe und auf den Anhang mit dem integralen Text verweise.


Der Türke Mahir Arslan an der Streetparade

Anmerkung des Produzenten

Seit Jahren dominiert das Flüchtlingsthema Politik, Medien und Öffentlichkeit. Es polarisiert in nie dagewesener Art und Weise, und manche sind sich dessen schon überdrüssig. Es wird teilweise missbraucht, indem man die Schuldigen für alles gefunden zu haben vorgibt.

Im Film «Rotzloch» geht es um etwas anderes, bisher totgeschwiegenes. Es geht um Geflüchtete, die es bis in die Schweiz geschafft haben, die gerettet und aufgenommen wurden, die sich hier aber in einer kaum vorstellbaren, existenziellen Ausnahmesituation befinden: Sie wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht, was sie tun sollen und vor allem nicht, wie mit ihren Sehnsüchten, ihren Bedürfnissen und ihrer jungen, männlichen Sexualität umzugehen.

Der Film war für mich eine Herausforderung, weil er sich abseits der gängigen Handhabung des Flüchtlingsthemas bewegt, weil er einen anderen Blickwinkel wählt, weil er dort ansetzt, wo man bisher nicht hinzuschauen wagte, weil er an ein Tabu rührt. Und nicht zuletzt, weil sich Maja Tschumi als Frau zutraut, das Tabu filmisch anzugehen. Sie fragt danach, wie jüngere Männer im abgeschiedensten Asylzentrum der Schweiz, isoliert, ohne Kontakte und Arbeit, mit ihrer Männlichkeit, ihrer Suche nach Zuneigung, Sex und Zärtlichkeit zurechtkommen.

«Rotzloch» ist für mich ein politisch zentraler und gerade heute wichtiger Film, um die unsäglich banalisierte Diskussion um Geflüchtete aufzubrechen, um Zugang zu schaffen zu elementaren menschlichen Konflikten, denen Flüchtlinge, nachdem sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, unerwartet und oft hilflos ausgesetzt sind.


Der Eritreer Aminullah Habibi mit seiner Freundin Alicia

Anmerkung der Regisseurin

Das Kino, die Literatur und die Popkultur leben vom Stoff des Begehrens, von der Sehnsucht nach Liebe und dem Leid der Trennung. Was wir begehren und welche Liebesgeschichten wir konsumieren, sagt viel über unsere Lebenssituation aus und beeinflusst, wie wir sie deuten. Die meisten Abenteuer, Tragödien und Komödien werden von einer, mal expliziteren, mal impliziteren, Sehnsucht nach Liebe angetrieben. Die Liebe wirkt dabei wie eine Art Medium, durch das eine Not erst zum dramatischen Ausdruck kommt: Ungerechtigkeit, Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse, soziale Segregation, Trennung, politische und familiäre Zerwürfnisse.

Gerade weil wir alle lieben und geliebt werden wollen, ist die Liebe ein Blickwinkel, der unmittelbaren Zugang schafft zu Lebenszuständen und Menschen, auch wenn sie uns fremd sind. Der Film nähert sich den Protagonisten und erzählt, wie sie sich hier ein neues Leben aufzubauen versuchen und auf welche Schwierigkeiten sie dabei treffen. Die Sehnsucht nach Liebe und Intimität ist dabei sehr zentral.

Während meiner Arbeit an einer Deutschschule fiel mir auf, wie wichtig vor allem für junge geflüchtete Männer Fragen zum Thema Beziehungen, Liebe und Sexualität sind: Warum lassen sich viele Paare in Europa scheiden? Wie spricht man eine Frau an? Wann sagt man «Ich liebe dich»? Dominieren die Frauen hier die Männer? Warum gibt es alte Menschen, die keine Familie haben?

Ich hatte ebenfalls Fragen: Warum wollen junge Eritreer unbedingt früh heiraten? Was denken sie von Frauen? Kann man nach Flucht und Krieg in Syrien noch lieben? Welche Beziehungen wünschen sich diese? Sind sie solche Patriarchen, wie ich mir das vorstelle? Was für Rollenbilder haben sie? Warum wollen sie mit Schweizer Frauen eine Beziehung? Was von ihrer Kultur wollen sie bewahren?

Erst durch meine Besuche im Rotzloch realisierte ich die Dringlichkeit und die Not dieser Fragen. Wenn ich Freunden und Bekannten von meinen Besuchen im Asylheim erzählte, kam allerdings nur eine Frage: Hast du keine Angst, allein als Frau dorthin zu gehen? Natürlich spürte ich eine gewisse sexuelle Energie im Raum – wie überall, wo Männer und Frauen aufeinandertreffen.

Von Behördenseite sagte man mir, im Rotzloch bringe man jene Männer unter, die Probleme machen. Und Probleme machen heisst, wie ich das verstanden habe: wenig Dankbarkeit zeigen, den Aufsehern widersprechen, Erklärungen einfordern.


Der Eritreer Isaac Yemane auf dem Migrationsamt

Zum Ausstieg

Nachdem Mahir gegen Ende des Films durch den Winterwald wandert, dort einen kleinen Schneemann zu machen versucht und dazu sagt, «Immer wenn ich eine sexuelle Begierde verspürte, wurde ich durch Gewalt und Angst davon abgehalten. Das muss ich überwinden!», folgt eine lange Fahrt ins Dorf zurück, wohin er joggt und meint: «Es ist ein Gefühl, als herrsche eine Kluft in mir. Eine innere Kluft. Egal, was ich tue, sie lässt sich nicht schliessen.» Und die Kamera schwenkt in schwarz-weissen Bildern hoch hinauf zu schneebedeckten, vereisten, kalten, starren Bergen.

So hat uns Maja Tschumi eineinhalb Stunden lang in einem rundum gelungenen Aussen, der Handlung und den Landschaften, die Innenwelt von vier Geflüchteten gezeigt, stellvertretend für viele andere Flüchtlinge irgendwo auf der Welt.

Titelbild: Das Asylzentrum «Rotzloch»

Anmerkungen des Produzenten Kaspar Kasics und der Regisseurin Maja Tschumi 

Regie: Maja Tschumi, Produktion: 2022, Länge: 96 min, Verleih: Royal Film

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1 Kommentar

  1. Meist machen mich die im Fernsehen gezeigten Bilder von Flüchtlingen wütend. Wütend darüber, dass es immer mehr Menschen aus ihrer Heimat treibt, die in ihrem Land keine Zukunft mehr sehen und die Strapazen einer Flucht und sogar den Tod auf sich nehmen. Ich frage mich, was ich an ihrer Stelle tun würde, und das ist der springende Punkt. Ich bin und denke wie eine Frau. Es kommen doch überwiegend junge Männer über die Flüchtlingsrouten in den Westen; warum kommen eigentlich kaum junge Frauen und nur wenige Familien? Ich frage mich weiter, warum kämpfen diese vielen jungen, gesunden Männer nicht zu Hause, an der Seite ihrer Familien, für ein besseres Leben, statt in eine ihnen völlig fremde Welt zu flüchten? Sicher gibt es viele verschiedene Antworten, je nachdem woher man kommt und aus welchen Gründen Mann flieht. Mir scheint diese Frage aber wichtig und sie verdient ein längeres Nachdenken darüber.

    Fest steht, da flieht eine Generation von Jugendlichen, die in ihren Heimatländern in Zukunft fehlen wird, denn ohne die Kraft und den Enthusiasmus der Jugend wird sich in diesen Ländern wohl kaum etwas zum Besseren verändern. Die Verelendung und die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich werden zunehmen. Dann sind sicher die Verführungen und oft falschen Informationen im Internet, das heute ja fast überall auf der Welt empfangen werden kann, schuld an Emigration oder Flucht. Ich vermute, die jungen Männer wollen nicht kämpfen und entbehren, sie wollen dasselbe haben und leben wie die Jungen im reichen Westen. Sie sehen nicht, dass man das Haus zuerst bauen muss, bevor man es bewohnen kann. Und, dass unser Wohlstand seinen Preis hat. Ich finde es für die westlichen Länder eine Zumutung, dass so viele unbedarft über unsere Grenzen kommen wollen und dann erwarten, dass wir sie allesamt aus „humanitären“ Gründen aufnehmen müssen, ihnen Unterkunft, Essen und Kleidung und wenn möglich einen guten Job beschaffen oder sogar eine tolle Ausbildung ermöglichen und, wie in Ihrem vorgestellten Film thematisiert, auch noch ihre männliche Adoleszenz erklären und regeln sollen.

    Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Die humanitäre Schweiz muss Flüchtlinge ausweglosen Situationen aufnehmen, soweit unser kleines Land die Kapazitäten dafür hat. Für die aufgenommenen Flüchtlinge tragen wir als Land grosse und langfristige Verantwortung und müssen sie deshalb auch bestmöglich integrieren. Die Schweiz tut heute schon sehr viel in der Entwicklungshilfe, aber ist m.E. nicht ehrlich genug und zu langsam in der Flüchtlingspolitik.
    Mir graut davor, dass diese jungen Männer die Strassen und öffentlichen Plätze unserer Städte dominieren und in ihrer Langeweile und mangels guter Erziehung unser Rechtssystem überbeanspruchen und kriminell werden. Auch tauchen abgewiesene Flüchtlinge oft in den Untergrund ab oder leben in Parallelwelten.

    So sehr ich die neue neofaschistische Regierung Italiens ablehne, sie ist in der Flüchtlingsfrage wenigstens ehrlich und handelt konsequent, so wie sie es für richtig hält, sie schliesst ihre Grenzen für Bootsflüchtlinge. Lange genug hat man Italien allein gelassen mit dieser Problematik. Die EU und auch die Schweiz sind scheinbar nicht fähig, hier einhellig notwendige Entscheidungen zu treffen und temporäre, menschenwürdige Unterkünfte zur Verfügung zu stellen sowie schnelle Verfahren in die Wege zu leiten. Bis jetzt stemmen wir scheinbar die Flüchtlingssituation, aber wie lange noch? Die Flüchtlingsunterkünfte sind voll.

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