FrontKolumnenDie kleinen, fiesen Präfixe

Die kleinen, fiesen Präfixe

Präfixe oder Vorsilben werden zunehmend je nach Lust und Laune verwendet. Sie sind ja so kurz und es fällt nicht weiter auf, wenn ein Herz verbrochen, eine Tasse gebrochen oder ein Gauner etwas zerbrochen hat. Also, was solls? Zer-, ver-, gebrechen wir uns doch nicht den Kopf über solch sprachliche Peanuts.

So wird dann halt vermeldet, der ukrainische Präsident Selenskyj wirke äusserlich angefasst: müde und mit heiserer Stimme. Ob da wohl gefasst gemeint war? Wohl eher angeschlagen. Aber welcher Journalist verwechselt gefasst und angeschlagen?

Nochmals Ukraine: Das Leben sei in dem von Russland angegriffenen Land entbehrlich geworden, steht in einem anderen Blatt. Stimmt ganz sicher nicht. Das Leben wurde vielmehr entbehrungsreich, also voller Entbehrungen. Entbehrlich ist etwa das dritte Auto in der Garage, die zehnte Bluejeans im Schrank. Also etwas, auf das man getrost verzichten kann. Auf die Ukraine bezogen: Die russischen Bomben, die auf Gebäude und Menschen fallen, die wären, anders als Nahrung, Wasser und Strom, entbehrlich. Aber sowas von!

Aus einem Reisebericht: Da schlendert man durch ein Quartier, in dem fast ausschliesslich Gewürze verhandelt werden. Stimmt fast. Auf orientalischen Märkten werden die Preise der angebotenen Ware fast immer verhandelt. Und wenn nicht, sind die Händler richtig beleidigt, denn das Feilschen gehört dazu, ist eine Art Spiel. Das geht so weit, dass eine unbedarfte Touristin für zwei spottbillige Granatäpfel einfach den geforderten Preis bezahlt und beim Weitergehen vom Händler verfolgt wird, der ihr mit grimmiger Miene noch drei weitere der Riesenfrüchte in die Tasche packt. Er ist schliesslich ein ehrlicher Mann! Dass das Obst fast gar nicht in den Koffer passen wollte, war dann ihr Problem. Aber zurück zu den Gewürzen: Zuerst mal werden diese gehandelt, erst dann wird verhandelt.

Zum Jahresanfang noch zwei neue Wörter, kürzlich in der Presse aufgetaucht. Geheimwerken das erste. Eine Person hat geheimwerkt. Hat wohl in einer dunklen Ecke, im stillen Kämmerlein oder versteckt im Gebüsch genagelt, gesägt oder sonstwie gebastelt. Oder hat da ein Heimwerker in die Tastatur gegriffen und flugs ein neues Verb erfunden? Heimwerken. Konjugiert: ich habe geheimwerkt, du hast geheimwerkt …

Das ist noch nicht alles. Im selben Text kommt auch das Verb «freizeiten» vor. Nein, nicht freizelten, das würde ja wild campieren heissen. Aber freizeiten, das mache ich jetzt auch!

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