FrontGesellschaftDer durch die Lüfte segelt

Der durch die Lüfte segelt

«Der Rotmilan. Ein Greifvogel im Aufwind». Zwei Schweizer Biologen legen ein aufschlussreiches Buch über diesen imposanten Vogel vor, der im Schweizer Mittelland und in Mitteleuropa oft zu sehen ist.

Wer im Mittelland durch Wiesen und Felder streift, kann ihn häufig beobachten, den Rotmilan. Sogar im Januar, denn nicht alle Rotmilane ziehen nach Spanien in ihre Winterquartiere. Es ist eine Freude, ihren eleganten Flug hoch über der Landschaft zu beobachten. Sogar über den Siedlungen der Agglomeration ziehen sie ihre Runden ruhig, aber stets aufmerksam beobachtend, was am Boden geschieht. Krähen mögen versuchen, einen Streit anzufangen, aber sie müssen bald abdrehen, denn gegen einen Milan haben sie keine Chance.

Die beiden Autoren sind ausgewiesene Experten: Adrian Aebischer, in Fribourg daheim, ist promovierter Biologe und beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit der Brutbiologie, der Wanderung, der Verbreitung und der Überwinterung des Rotmilans. Patrick Scherler, ebenfalls promovierter Biologe, arbeitet an der Schweizerischen Vogelwarte. Nach einer Masterarbeit über den Steinkauz hat er in seiner Dissertation das Verhalten junger Rotmilane in ihren ersten Lebensmonaten untersucht.

Dieses Buch soll nicht nur den Charme beschreiben, den der Rotmilan ausstrahlt, betonen die Autoren im Vorwort, sondern Interessierten und Fachleuten einen Überblick bieten über den Kenntnisstand zu diesem Greifvogel. Die überragenden Fotografien ergänzen die Sachinformationen aufs Beste. Nur selten wird ein Laie in der Natur die Zeichnung des Gefieders so genau erkennen können. Ein Bild von zwei fliegenden Rotmilanen im Streit, der untere «auf dem Rücken fliegend», werde ich aus dieser Nähe wohl nie erblicken.

Der Rotmilan hat einen nahen Verwandten: den Schwarzmilan, diesen erkennt man in der Luft daran, dass er etwas kleiner ist, sein Gefieder dunkler und sein Schwanz weniger stark gegabelt ist. Beide Arten sind sehr nah verwandt und kreuzen sich in seltenen Fällen auch. Schon in der Antike kannte man den Milan. Homer, Aristoteles und Plinius erwähnen ihn. In Shakespeares King Lear kommt ein Milan vor.

Ein junger Rotmilan. (Foto S. 128, Leo Schürmann / Haupt Verlag)

Im Unterschied zu vielen anderen Vögeln sind die Milane fast nur in Europa zu Hause, besonders in Mitteleuropa, in Wales und England, in Spanien und in Süditalien. Die Autoren erklären genau, wo und wann Milane in den verschiedensten Ländern nachgewiesen wurden. Sie beschäftigen sich auch mit der im Laufe der Jahrzehnte sinkenden bzw. steigenden Zahl dieser Vögel und mit den dahinter zu suchenden Ursachen. – Der Untertitel «Ein Greifvogel im Aufwind» soll wohl nicht nur ausdrücken, wie elegant sich der Milan des Windes bedient, sondern auch darauf hinweisen, dass die Anzahl dieser schönen Vögel im 21. Jahrhundert wieder deutlich gewachsen ist.

Als nach dem 2. Weltkrieg die Landwirtschaft intensiviert und industrialisiert wurde, setzte das dem Bestand der Rotmilane stark zu. Über mehrere Jahrzehnte wurden sogenannte schädliche Nagetiere grossräumig vergiftet. Das dezimierte auch die Zahl der Milane. Wo auf riesigen Feldern nur Mais angebaut wird, können die Milane auch nicht jagen, denn sie können aus der Luft nicht erkennen, was sich auf dem Boden tummelt. Pestizide, die in der Landwirtschaft zur Erhöhung der Erträge eingesetzt werden, können bei den Vögeln das Nerven- und das Immunsystem schädigen. Da der Milan gern Aas frisst, kann ihm das umso mehr zum Verhängnis werden. – Daneben gibt es noch viele andere schädliche Stoffe, über die in diesem Buch berichtet wird.

Seit einigen Jahren droht eine neue Gefahr: die Windkraftanlagen. Zwar können die Autoren noch keine gesicherten Zahlen vorlegen, wie viele Milane durch die Rotorblätter ums Leben gekommen sind, aber sie sind sich mit vielen Forschern einig, dass die Gefahr für die Greifvögel nicht unterschätzt werden dürfte.

Ein Jungvogel, der gerade die ersten Flugversuche hinter sich hat und sich auf dem Nest ausruht. Zu Forschungszwecken wurde er mit einem Minisender ausgestattet. (Foto S. 131, Patrick Scherler, Haupt Verlag)

Im landwirtschaftlichen Umland von Fribourg fühlen sich die Rotmilane offensichtlich wohl. Als ich sie vor mehr als zwanzig Jahren entdeckte, war ich aus einer Region zugezogen, in der mir die Rotmilane nicht aufgefallen waren. Erstaunlich, dass etwa 4’000 Milane den Winter hier im schweizerischen Mittelland verbringen, vor zehn Jahren waren es ungefähr 2’000. Rotmilane fressen kleine Nagetiere, Wühlmäuse zum Beispiel, aber auch Aas. – Oder sie bedienen sich auf Müllhalden, dies vor allem in Spanien, wo sie dort reichlich Futter finden, auch Fleischabfälle. Ihre Flexibilität im Speiseplan hilft ihnen zu überleben.

Im letzten Kapitel widmen sich die beiden Autoren der Frage, wie dem Rotmilan – abgesehen vom Erhalt seines Lebensraums – geholfen werden kann. Sie berichten von erfolgreichen Wiederansiedlungen in England und Schottland und nennen Fördermassnahmen, die nicht nur dem Milan dienen. «Umfangreiche Schutzmassnahmen für den Rotmilan und für die übrige Biodiversität im Kulturland verbessern auch die Lebensbedingungen der Menschen», ist das Schlusswort.

Aebischer, Adrian / Scherler, Patrick: Der Rotmilan. Ein Greifvogel im Aufwind.
Haupt Verlag, 2. Auflage 2023, 232 Seiten, 94 Farbfotos, 20 Grafiken. ISBN: 978-3-258-08323-0

Titelbild: Rotmilan, aufgenommen im Schweizer Jura. Fotograf: Noel Reynolds / commons.wikimedia.org

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