FrontKulturEin «Rosenkavalier» der besonderen Art

Ein «Rosenkavalier» der besonderen Art

Das Theater Luzern hat den «Rosenkavalier» von Richard Strauss auf die Grösse seines Hauses und sein Ensemble zugeschnitten. In dieser reduzierten Fassung konnte sich das Luzerner Ensemble am Premierenabend wunderbar entfalten. Der amüsante Abend wurde mit einer Standing Ovation gekrönt.

Es ist ein grosses Wagnis, an eine so berühmte und gross besetzte Oper wie den «Rosenkavalier» von Richard Strauss selber Hand anzulegen. Die Luzerner Opernintendantin Ina Karr hat es riskiert und beauftragte den Komponisten Eberhard Kloke, ein Fassung für mittelgrosses Orchester einzurichten. Dies tat sie, um ihrem jungen Sänger-Ensemble die Möglichkeit zu bieten, sich diese grossen Hauptpartien von Strauss früh anzueignen.

Noch immer ein grosser Aufwand

Doch was heisst schon «mittelgrosse Fassung» bei Strauss. Der Aufwand ist auch mit einem reduzierten Orchester enorm: Der «Rosenkavalier» fordert 15 solistische Partien, dazu einen Chor und eine üppige Statisterie. Zudem braucht die Geschichte von Hugo von Hofmannsthal, zu der ihn «Der Bürger als Edelmann» inspiriert hat, eine pompöse Rokoko-Ausstattung, um das Wien der ersten Regierungsjahre von Maria Theresia um 1740 bis 1745 glaubhaft darzustellen.

Im Luzerner «Rosenkavalier» wird auch gebadet. (Alle Szenenbilder Theater Luzern/Ingo Hoehn)

Das Libretto ist eine Gesellschaftsstudie über den «alten» Adel und die Wiener Standesdünkel. Einfach unmöglich, wie sich der Baron Ox gegenüber Frauen und gegenüber seinem Gesinde benimmt. Er stellt jeder jungen Frau nach und bedrängt sie deftig. Da ist aber auch die innige Liebe der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg zu ihrem Knaben Octavian, die ihr ihr Alter umso bewusster macht. Sie philosophiert viel über die Zeit und die Vergänglichkeit, während sich Octavian dann eben doch in die junge Sophie verliebt, die er vom derben Zugriff des Barons gerettet hat.

Komponiert hat Strauss diese Rokoko-Komödie 1911. Den Schritt in die dissonantere Moderne hatte er bereits 1905 mit «Salome» und 1909 mit «Elektra» gemacht. Diese beiden tragischen Geschichten zu vertonen war sehr anstrengend, wohl deshalb wollte sich Strauss nun einer Komödie zuwenden. Gespiegelt wird im «Rosenkavalier» auch die Entstehungszeit um 1911. Der Erste Weltkrieg, in dem der Adel gestürzt wurde, begann 1914.

Die Luzerner Operndirektorin Lydia Steier führte Regie, zusammen mit Co-Regisseur Matthias Piro. Im Gespräch mit der Dramaturgin Talisa Walser, das im Programmheft nachzulesen ist, spricht Steier von ihrer Faszination, «ein solches Stück überhaupt am Luzerner Theater zu spielen. Unser Potential liegt in der Intimität der Bühne und der Nähe zum Publikum.» Es sei ein grosser Vorteil, so Steier weiter, den «Rosenkavalier» mit seinen klassisch behafteten Erwartungen in einem intimeren Theaterraum zu inszenieren.

Modernisierung mit Augenzwinkern
Die Regie wagte zudem eine klare Modernisierung. Die brave Sophie etwa kommt im 2. Akt als Punk-Göre auf die Bühne, wehrt sich selbstbewusst gegen ihren Vater, der die Heirat mit dem reichen Baron Ox eingefädelt hat. Sie schlüpft dann aber für die traditionelle Rosenübergabe und das Zeremoniell dennoch in eine altadlige Robe – sie schwebt zwischen beiden Welten. Die kleingewachsene blonde Sängerin Tania Lorenzo singt und spielt diese Partie umwerfend: witzig, frech, glockenrein in der Intonation, und doch auch zart besaitet.

Modern und Rokoko verschmelzen zu einer witzigen Collage.

Strauss ist der Komponist der grossen Frauenfiguren, davon zeugen schon «Salome» und «Elektra». Nun ging es ihm um ein liebevolles Kammerspiel zwischen der Feldmarschallin und ihrem Buben Octavian. Man sieht die beiden in Luzern bereits im Vorspiel zum 1. Akt, wie sie sich in einem Swimmingpool halb-nackt erotisch tummeln. Den Vorhang lüftet dafür eine kleinwüchsige Statistin, die in Rokoko-Robe und Perücke den ganzen Abend lang durch die Szenerie führt – das erinnert an Fellinis surreale Filmfiguren.

Sängerisch und schauspielerisch top
Die Sopranistin Eyrún Unnarsdóttir verleiht der Feldmarschallin eine sinnliche und sanft melancholische Aura. Auch sie sieht man zuerst halbnackt im Wasser mit ihrem Octavian, doch sie vermag aus ihrer adligen Rolle nicht auszubrechen. Ihre Roben werden bis zum Schluss immer üppiger (Kostüme: Alfred Mayerhofer). Innig und berührend sang Unnarsdóttir ihre Arie über die Vergänglichkeit, ihr «Gezänke» mit Octavian war temperamentvoll arios, die Duette mit ihm von einem hinreissenden Schmelz.

Szenenbild, wie einem alten gemälde entnommen.

Die grandiose Hosenrolle des Octavian verkörpert Solenn‘ Lavanant Linke mit einem unglaublichen Repertoire an Nuancen. Das Changieren zwischen den Geschlechtern, der Wechsel vom Knaben zum verkleideten Mädchen (mit herrlich ulkiger Robe), gelang ihr schon rein schauspielerisch erfrischend natürlich und witzig. Darüber hinaus hat sie sängerisch einen Farbenreichtum mit vielen Zwischentönen ausgespielt: liebendes Flehen, jugendlicher Übermut, verzweifeltes Ringen, Kampfesmut – man nahm ihr/ihm alles ab.

Erfrischender Teamgeist
Insgesamt war es das ganze Team, das diese Strauss’sche Komödie in all ihren Facetten lustvoll, geistreich, und auch mal deftig darbot. Die komische Geschichte dreht sich ja hauptsächlich um den übergriffigen Baron Ox, den Christian Tschelebiew mit tollem Temperament und dunkler Stimmkraft verkörperte. Ihm zur Seite sorgte Daniel Foltz-Morrison als sein «dummer» Sohn Leopold für herrlich komische Pointen. Auch die witzig kostümierten Choristen brachten allein schon von der lebendigen Personenführung her einen Drive ins Geschehen.

Das Luzerner Sinfonieorchester spielte grundsätzlich eher etwas gar laut auf –  es sollte ja auch den üppigen Klang mit kleinerer Besetzung hinkriegen. Das gelang dem Dirigenten Robert Houssart mit prägnanter Verve, auch wenn dabei das abgerundet Weiche etwas verloren ging. Dennoch: die in der Bearbeitung solistischer exponierten Bläser taten ihre Wirkung, und das rhythmische Temperament des Orchesters trug die Sängerinnen, die Sänger und das Publikum durch den langen, fast vierstündigen Abend.

Weitere Spieldaten: Januar: Do, 26. 19 h / Sa, 28. 18 h.
Februar: Fr, 3. 19 h / So, 5. 13.30 h / Fr. 10. 19 h / So, 12. 16 h / Mi 15. 19 h.

www.luzernertheater.ch

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3 Kommentare

  1. – in Rosenkavalier gibt es keinen „Baron Ox“ !

    – die Wendung „die kleingewachsene blonde Sängerin…..“ ist absolut daneben, weil diskriminierend und unerheblich. Die Grösse einer Darsteller*in ist doch unwichtig, besser wäre gewesen „die zierliche Sängerin….

  2. – Auch wenn die Marschallin im 1. Akt zärtlich «… du bist mein Bub. Ich hab dich lieb» singt, so ist die wiederholte Formulierung «ihres Buben» Oktavian verwirrend, wenn nicht gar irreführend: Oktavian ist ein 17jähriger Wiener Adeliger und Geliebter der Maschallin.

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