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Auf der Flucht das Leben gesucht

Zwei Jugendliche, von Afrika nach Belgien geflohen, suchen, durch Administrationen und Restriktionen behindert, die Freiheit und das Leben. Jean-Pierre und Luc Dardenne, die zwei Grossen des sozial-engagierten Films, begleiten die beiden in dem auf Tatsachen beruhenden Spielfilm «Tori et Lokita»: formal grossartig und menschlich erschütternd.

Zu Beginn sehen und hören wir, wie die junge, gegen zwanzigjährige Lokita von einer Beamtin befragt wird. Es geht um die Papiere für ihre Niederlassung, die erneut abgelehnt wird. In der Befragung gerät sie allmählich in Widersprüche. Nach und nach erfahren wir, wie sie sich als ältere Schwester des jüngeren Tori ausgibt. Beide sind aus dem westafrikanischen Benin geflohen, doch nur Tori hat als Kind den Pass erhalten. Als von den Behörden ein DNA-Test der beiden angekündigt wird, gehen sie notgedrungen auf das Angebot eines Pizzabäckers ein, regelmässig Drogen in der Stadt zu verkaufen. Lokita soll sich für drei Monate um eine Cannabisplantage kümmern, wofür ihr Papiere und Geld versprochen werden. Letzteres benötigt sie auch für ihre Mutter und Geschwister in der Heimat und das Abstottern der Schulden des Schmugglerlohns.

Wie üblich bieten die Dardenne Brüder mit ihren bis heute etwa zwanzig Filmen für die meisten Zuschauenden im Publikum einen naturalistischen und dramatischen Einblick in fremde Menschenwelten. So folgen wir hier mit der von Benoît Dervaux geführten Handkamera den beiden Wahlgeschwistern durch Lüttich, mal auf dem Weg zu Toris Schule, mal auf dem wöchentlichen Rundgang beim Drogenverkauf. Lokita und Tori wirken in dem, was sie tun, souverän; sie funktionieren, weil sie funktionieren müssen. Heroisch wirken sie nie, doch erschütternd, wenn die Trennung droht.

Mit Liedern die Gäste der Pizzeria unterhalten

Vom Paradies über das Fegefeuer in die Hölle

Mit asketischer Knappheit und Authentizität sind Dardenne-Filme zwingend engagierte menschliche und cineastische Dramen über die Kapitulation unseres Systems, das bei der Mehrheit der Bevölkerung das Menschsein negiert. Je riskanter die Lage für die beiden Hauptpersonen wird, umso lauter erhebt sich in einzelnen Szenen die Warnung vor der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit. Der Hoffnungsschimmer, mit dem das Regisseurduo die harsche Welt ihrer Geschichten aufhellen, bekommt schon in der Eröffnungsszene einen herben Rückschlag. – Mir drängt sich ein Hinweis auf Dantes «Commedia» mit den Teilen «Himmel», «Fegefeuer» und «Hölle» auf und verweist gleichzeitig auf die Grösse des Films «Tori et Lokita».

Die einleitende Grossaufnahme von Lokita mit ihren kurzen Haaren zeigt ihre Augen, von Angst und Trauer erfüllt, leicht mit der Nase zuckend, reglos an der Kamera vorbeischauend, weil sie sich wohl wie ein in die Enge getriebenes Tier fühlt. Zu hören ist eine Frau, die Fragen wie Pfeile präzise, als wäre dies ein Kreuzverhör vor Gericht, auf das Mädchen schiesst, obwohl dieses vor einer Sozialarbeiterin sitzt, welche ihr Anliegen sachlich prüfen muss. Da Lokita eine Aufenthaltsbewilligung braucht, muss sie lügen, anders als Tori, ihr etwa zehnjähriger Kompagnon, den sie auf dem Meer kennengelernt und ins Herz geschlossen hat.

Bevor Lokita vollends in die Hände von Drogen- und Menschenhändlern gerät, lernen wir sie und Tori in kurzen, berührenden Alltagssituationen kennen. Vor dem Schlafengehen albern sie miteinander herum wie echte Geschwister, kuscheln sich im Bett, helfen einander mit einem Lied aus der Heimat in den Schlaf. Ihre Singkünste mit einem französischen, einem italienischen und einem Lied aus ihrer Heimat tragen sie zu einem Hungerlohn den Gästen einer Pizzeria vor. Ohne dass der Film es ausspricht, wird offenbar, wie innig diese Freundschaft ist, welche sie alle Härten der Flucht für Momente übersehen lässt. Was auch immer die feindliche Umwelt den neuen Geschwistern antut, solange sie einander haben, bleiben sie stark im Kampf um ihre nackte Existenz. Ihre Bindung ist wichtiger als alles, was sie sonst zum Überleben brauchen. Als Gegenleistung für einen gefälschten Pass muss Lokita für drei Monate eine geheime Cannabis-Plantage pflegen, wo hochprofessionell Drogen hergestellt werden, isoliert wie in einem Gefängnis, ohne Ausgang, Tag und Nacht eingesperrt, ohne Handy-Kontakt mit Tori.

Überall sich unsichtbar machen müssen

Zum Leben in der Schizophrenie unserer Welt

Was ist eigentlich das Besondere der Filme der Gebrüder Dardenne, auch ihres neuen Films «Tori et Lokita»? Diese Frage ist nur persönlich zu beantworten. Ich finde, Jean-Pierre und Luc machen primär nicht konventionelles Kino, sondern zeigen uns einfach Menschen aus verschiedenen, wenig bekannten sozialen Welten. Wichtig und notwendig scheint es den beiden zu sein, uns diese Menschen zu zeigen, denen sie in Lüttich und andern Orten Belgiens begegnet sind oder aus Zeitungsmeldungen von ihnen erfahren und deren Leben nachrecherchiert haben. Diesen Menschen sind sie begegnet, diese Menschen sollen auch uns begegnen. Da ihr Werkzeug der Film ist, haben sie ihre Erfahrungen in Filme umgesetzt: mit Kamera, Mikrofon, in verschiedenen Räumen und Umgebungen, mit Worten und Sätzen, Blicken und Gesten und mit Schweigen.

Die beiden sind, so vernehme ich es aus ihren Interviews, grundehrliche Menschen, die bei den Porträts der Menschen, die sie uns vorstellen, ohne Schielen auf einen schönen Film oder einen kommerziellen Erfolg zuschneiden. Und damit bringen sie mich und wohl noch andere in den Zustand, den viele bewusst lebenden Menschen erfahren: in den Modus eines Lebens in der Schizophrenie unserer Welt.

In der letzten Zeit gab es einige Filme, in denen zu erfahren war, wie Muttersein nicht nur für leibliche Mütter, Vatersein nicht für leibliche Väter möglich ist. «Loki et Lokita» zeigt uns, wie Geschwistersein nicht nur für leibliche Geschwister möglich ist. Damit schaffen Jean-Pierre und Luc Dardenne Bilder zu unserer Wahrnehmung neue humane Werte! Im ersten Teil des Films war das von einem französischen Kritiker als «Faire famille» bezeichnet worden.

Im Lauf der Handlung wird dieses Geschwistersein abrupt beendet: durch Reglemente, Gesetze, Normen und durch Menschen, denen es um Erhalt der westlichen Erstwelt-«Ordnung», des Erhalts und der Vermehrung von Geld, Macht, Luxus und Überfluss, also die «Werte» des Kapitalismus, geht. Dazu nochmals der französische Kommentar zum Film: «Tous les malheurs du monde». Alles Unglück dieser Welt begegnet uns in den Filmen der Gebrüder Dardenne, was für viele zum Wegschauen führen kann. Nimmt man diese Aufgabe jedoch mit offenen Sinnen und offenen Herzen wahr, kann es bald einmal zur Gabe werden.

Der Drogenhandel im Alltag der zwei Geflüchteten

Zum Gesamtwerk der Dardenne Brüder

Die Gebrüder Jean-Pierre (74) und Luc (71) Dardenne gehören zu den wenigen, die die Goldene Palme von Cannes zweimal gewonnen haben, dazu weitere Preise und Auszeichnung an diesem und unzählige an andern Festivals. Nachfolgend Links auf fünf ihrer Werke, die früher auf dieser Website besprochen wurden, beginnend mit ihrem 1999 gedrehten, Massstäbe setzenden Film «Rosetta», weiter 2011 «Le gamin au vélo», dann 2014 «Deux jours, une nuit» und schliesslich 2016 «La fille inconnue», 2019 «Le jeune Ahmed».

Titelbild: Lokita und Tori (v. l.), von Benin nach Belgien geflohen

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Produktion: 2022, Länge: 88 min, Verleih: Xenix

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