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Von der Theodizee zur Autodizee

Beim gewaltigen Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 mit bis zu 100 000 Opfern herrschte eine grosse Betroffenheit in ganz Europa. Die Menschen fragten, wo ist der allmächtige, allgütige Gott. Es war die Frage der Theodizee, die schon Jahre früher der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) gestellt hatte. Warum lässt Gott ein solches Elend auf der Welt zu, wenn der Glaube verspricht, dass alle Menschen in der Liebe Gottes aufgehoben sind? Die Frage liess die Menschen von da an nicht mehr los und führte bei vielen zu Glaubenszweifeln. Leibniz hatte diese Frage mit einem Trotzdem beantwortet und sagte: «Wir leben in der besten aller möglichen Welten». Er meinte, will der Menschen frei sein, kann es keine perfekte Welt geben. In einer vollkommenen Welt ist der Mensch nicht frei.

Papst Benedikt XVI. beklagte in seinem letzten Interview vor seinem Tod, dass eine gewisse «Gottvergessenheit» herrsche, aber dass an ihrer Stelle selbstgesuchte Religionen treten würden, die zu einem Massenprodukt geworden seien: «Man sucht sich heraus, was einem gefällt, und manche wissen daraus Gewinn zu ziehen. Aber diese selbstgesuchte Religion ist bequem und in der Stunde der Krise lässt sie uns allein»*. Diese Bemerkung, wie immer man sie bewerten will, bestätigt, dass der Mensch nach einer «Religion» sucht, die ihm hilft, dem Leben einen Sinn zu geben und es zu bewältigen.

Die Frage der Theodizee scheint heute nicht mehr relevant, wie die verheerenden Erdbeben in der Türkei und in Syrien zeigen. Für sie wird nicht mehr Gott in die Verantwortung gezogen, vielmehr ist dem Menschen selbst die Schuld zugewiesen. Die Kirche hat schon in ihrer Frühzeit von einem «Deus absconditus» gesprochen, vom verborgenden Gott. Die Theodizee wirft die Frage auf, wer er ist und was er tut.

An die Stelle des Deus absconditus ist nun der Mensch getreten, der für sein Leben die Verantwortung übernommen hat, im Grossen vertreten ihn die Staaten. Je mächtiger sich die Staatsmacht darstellt, desto mehr Verantwortung hat sie zu übernehmen. So werden ähnliche Fragen wie die der Theodizee den Staaten und der Politik gestellt. In autokratischen Staaten – weniger in liberalen – sind nun die Regierungen die Träger der Verantwortung.

In der Türkei, mit ihrem autokratischen Präsidenten, kommt es bei der Erdbebenkatastrophe zur Autodizee**. Die Fragen lauten: Warum hat die Regierung im Wissen, dass es in den betroffenen Regionen immer wieder zu verheerenden Erdbeben kommen kann, wohl Baugesetze erlassen, aber nicht streng darauf geachtet, dass sie eingehalten wurden? Oder: Warum hat das Regime für unbewilligte Bauten eine Amnestie erlassen? Die Fragen der Autodizee werden die Mächtigen bedrängen, und sie nicht aus der Verantwortung entlassen.

Die Schuldzuweisung hat sich verschoben. Je stärker die Staatsmacht wird, je mächtiger der Staat ist, je mehr sie sich wie «Gott» gebärdet, desto mehr wird sie angeklagt. In demokratischen Staaten wird die Regierung abgewählt. In Diktaturen wehrt sich das Volk und es wird niedergemacht, Kritiker werden eingesperrt. Wenn sich die Mächtigen selbst als das Gesetz und das Recht verstehen, werden sie früher oder später den Fragen einer Autodizee unterworfen werden und auf der Anklagebank der Geschichte stehen – auch wenn sie längst nicht mehr leben.

*Benedikt XVI. Unser letztes Gespräch. Kösel-Verlag 2023
**Autodizee: Wortwahl des Autors

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3 Kommentare

  1. Bei Ihrer Darstellung der Theodizee (das Fremdwort musste ich nachschlagen) geht vergessen, wieviel Fürchterliches in der Vergangenheit und bis heute «im Namen Gottes, des Allmächtigen» von Menschen den Menschen angetan wurde und wird. Die Aufklärung hat bei vielen Menschen eine Spur hinterlassen und neues Denken hervorgerufen. Gott ist nicht mehr der weise Mann mit weissem Bart, zu dem man ehrfürchtig aufschaut und die eigene Verantwortung abgeben kann, und deshalb sich selbst und seine eigenen Handlungen nicht hinterfragen muss.

    Je mehr Menschen begreifen, dass alle in der Verantwortung stehen, desto besser können wir mit der Autodizee, ich übersetze es mit Selbstrechtfertigung, umgehen. Ob es Gott gibt oder nicht, spielt m.E. hier keine Rolle mehr, er hat seine Rolle als „Erlöser“ verloren. Wir können uns nur selbst von unserer Schuld erlösen, indem wir für unser Handeln, bis in die letzte Konsequenz, die Verantwortung übernehmen.

  2. Lieber Andreas,
    ja , der letzte Satz hat es mir angetan: «Wir können uns nur selbst von unserer Schuld erlösen, indem wir für unser Handeln, bis in die letzte Konsequenz, die Verantwortung übernehmen.»

    Aber da beginnt ja schon die Schwierigkeit. Sich selber im Spiegel zu betrachten, ohne kosmetische Retouchen und allerhand Nachbesserungen einzusetzen, setzt Demut und Ehrlichkeit voraus. Und dies im Zeitalter der Social Media, wo es darauf ankommt , wie viele Clicks, Leaks und Follower (welche Verhunzung der Sprache) der Einzelne erhält, ist tatsächlich eine grosse Aufgabe, aber lohnend . Zudem ist es noch eine Aufgabe der Würde und der Menschlichkeit.

    Irma Haefliger, Langnau / Reiden

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