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Von Menschen und ihrer Geschichte

Aus der Geschichte ihrer ukrainischen Familie erzählt die junge Autorin Victoria Belim in ihrem ersten Buch «Rote Sirenen» und öffnet den Lesenden ein Fenster auf Vergangenheit und Gegenwart.

Es sei gleich vorweggenommen: Dieses Buch entstand vor dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Victoria Belim hat jahrelang daran gearbeitet, während einiger Jahre hat sie ihr Geburtsland immer wieder besucht, bei ihrer Grossmutter gelebt, hat bisher unbekannte Menschen kennengelernt und daraus ein vielschichtiges, farbiges Bild der Ukraine geschaffen.

Was für uns erst Anfang des letzten Jahres bedrohlich aussah, stand den Ukrainerinnen und Ukrainern schon seit 2014 als drohende Gefahr vor Augen. Im Frühling 2014 hatten vor allem junge Leute auf dem Kiewer Maidan-Platz für mehr Demokratie demonstriert. Sie wurden von der prorussischen Regierung unter Janukowitsch blutig niedergeschlagen.

Im gleichen Jahr setzte Putin zur ersten Phase seiner Grossmachtsphantasien an: Er besetzte die Krim und liess Donezk und Luhansk als Scheinrepubliken ausrufen. Der blutige Kleinkrieg und die Angst vor einer Ausweitung des Krieges belastete seitdem die ganze Ukraine. Wenn die Autorin von Kämpfen spricht, dann meint sie die in der Ostukraine und auf der Krim.

In dieser Situation beginnt die Erzählung von Victoria Belim. Sie schickt voraus, dass sie die Namen der Personen geändert hat, um niemand in Gefahr zu bringen, denn ihre Familie stammt aus der Ukraine und aus Russland. Sie selbst lebt mit ihrem Mann in Belgien. Schon als Kind verliess sie die Ukraine und wuchs in den USA und in Kanada auf, wo Teile ihrer Familie weit verstreut leben, ohne den Kontakt untereinander ganz zu verlieren. So kann sich die Autorin in Kiew auf ihren Cousin verlassen und weiss sich bei ihrer Grossmutter in einem Dorf bei Poltawa willkommen. Sie begegnet einer Jugendfreundin, lernt aber auch viele Menschen kennen, eine Ikonenmalerin oder Frauen, die das traditionelle Kunsthandwerk der Weissstickerei wieder pflegen. Auf der Suche nach den Orten, wo ihre Grosseltern und Urgrosseltern – viele waren Lehrer – gelebt und gearbeitet haben, begegnet sie aufgeschlossenen Leuten. Gastfreundschaft hat einen hohen Stellenwert.

Poltawa Strassenszene mit Blumen / Foto: Adam Jones /commons.wikimedia.org

Victoria Belim erkennt auch, dass in den ländlichen Gegenden noch vieles vom alten Sowjetkommunismus hängen geblieben ist – im Unterschied zu den grossen städtischen Zentren. Sie entdeckt Leninstrassen oder sowjetische Plakate und muss feststellen, dass ihre selbstbewusste Grossmutter Valentina noch sehr altmodische Vorstellungen hat: Victorias Cousin Dmytro darf das Geschirr nicht waschen. «Mein Mann durfte zu Hause nie den Abwasch machen. Ich wollte nicht, dass er eine so niedere Frauenarbeit verrichtet», erklärt sie ihrer Enkelin.

Starke Frauen

Es ist eine kurzweilige Lektüre und es sind berührende Geschichten, die wir von Victoria erfahren. Im Laufe des Buches führt sie uns immer eine Schicht weiter hinein in die Werte und Gepflogenheiten der ukrainischen Gesellschaft. Es wird der Autorin bewusst, «dass an Orten, wo Männer in den Krieg ziehen müssen, Frauen die Rolle von Erinnerungshüterinnen einnehmen. Die Ukrainer lobten ihre Frauen für ihre Widerstandskraft und ihre Stärke, aber ich verstand jetzt, dass sie außerdem eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der ukrainischen Geschichte spielten». Das sind sie immer noch. Wenn Victoria nach ihren Urgrosseltern fragt, bei denen sie als Kind aufgewachsen ist, findet sie vor allem bei Frauen Auskunft.

In den Tagebüchern dieser Urgrosseltern Sergij und Asja hatte sie den Eintrag gelesen: «Bruder Nikodim, verschwunden in den 1930er Jahren im Kampf für eine freie Ukraine.» Es ist diese Bemerkung, die Victorias Suche angestossen hatte. Nikodim, der Bruder von Sergij, musste in Stalins Verfolgungsmaschinerie geraten sein, vermutet sie und hofft, nach Jahrzehnten endlich Auskunft zu erhalten, was ihm vorgeworfen worden war und wie er zu Tode kam. – Es sei hier nur erwähnt, dass sie nach langem Suchen im Haus mit dem Namen «Rote Sirenen», dem Archiv des früheren sowjetischen Geheimdiensts, Antwort erhält. Was sie über ihren Urgrossonkel herausfindet, macht betroffen.

Die Problematik der Vergangenheit

Einmal eingetaucht in die Verwicklungen der weitläufigen ukrainischen Familie, lässt uns das Buch nicht mehr los. Die Vergangenheit ist präsent, sich ihr zu stellen, nicht immer leicht. Grossmutter Valentina, wie erwähnt eine charakterstarke Frau, zeigt kein Interesse daran, Vergangenes auszugraben. Die nunmehr gebrechliche alte Frau widmet sich mit Leidenschaft ihrem Garten, der fürs Überleben stets unabdingbar war. Von der Enkelin erwartet sie, dass sie ihr hilft beim Kalken von Kirschbäumen, bei der Kartoffelaussaat und all den anderen Arbeiten, die Victoria nicht gewöhnt ist.

Victoria Belim (Foto: © Victoria Belim)

Victoria Belim studierte in den USA Politikwissenschaften. Sie arbeitet als Autorin, Journalistin und übersetzt aus dem Persischen. Als ausgebildete Parfümeurin führt sie einen Blog boisdejasmin.com und schreibt dort über die Welt der Düfte, Kunst und Kultur. »Rote Sirenen« ist ihr erstes Buch. Es erscheint in 15 Ländern gleichzeitig.

Das Buch vermittelt die Widerstandskraft der Ukrainerinnen und Ukrainer und ihren Willen, die Hoffnung nicht aufzugeben, in starken und anrührenden Bildern.

Wer mit der Geschichte der Ukraine nicht vertraut ist, wird sich an gewissen Stellen überfordert fühlen. Heutzutage stehen uns jedoch leicht zugängliche Informationsquellen zur Verfügung, so dass die Lesenden sich selbst auf eine Reise in die reiche Kultur und Geschichte der Ukraine begeben können.

Victoria Belim: Rote Sirenen. Geschichte meiner ukrainischen Familie. Aufbau Verlag. 2023. 350 Seiten. ISBN 978-3-351-04180-9

Titelbild: Poltawa. Der Runde Platz. Im Bezirk Poltawa befindet sich das Haus von Grossmutter Valentina. (Foto: commons.wikimedia.org)

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