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Arktische Kunst als Hilferuf

Das Nordamerika Native Museum NONAM in Zürich präsentiert zum 60jährigen Bestehen in seiner Jubiläumsausstellung «Sedna. Mythos und Wandel in der Arktis» zeitgenössische Kunst vom Polarkreis.

Ob in Kanada, Grönland, Alaska, Sibirien oder Sapmi (früher Lappland), Kunst ist in den Polarregionen zu einer der wichtigsten indigenen Ausdrucksformen geworden. Die Künstlerinnen und Künstler erzählen von ihren Kulturen und Geschichten, von ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Sie drücken das aus, was die Menschen in der Arktis umtreibt, was sie berührt und beschäftigt.

«Sedna», 2015, Figur aus weissem Marmor (aus der Arctic Bay) geschaffen vom Inuit Bildhauer Bart Hanna Kappianaq (*1948). Das Horn aus Walross-Elfenbein auf dem Kopf weist auf die Kraft «Sila», die von Atem, Klima bis zu Luft alles bedeuten kann.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Meeresgöttin Sedna, die als „die dort unten im Meer“ gefürchtet und verehrt wird. Als Mutter der Meerestiere herrscht sie über die Lebewesen der Wasserwelt, über Robben und Wale, Seelöwen und Walrosse, aber auch über Eisbären und Karibus. Sie entscheidet über das Jagdglück sowie das Leben der Menschen.

«Sedna flüstert», 2008, Zeichnung von Ningiukulu Teevee (Ningeokuluk). Sedna flüstert der Frau mit den traditionellen Gesichtstätowierungen etwas ins Ohr.

Die Mythen und Legenden um Sedna sind so vielfältig wie die Gemeinschaften rund um den Polarkreis, hier eine Version:

Sedna, eine junge Frau, wird gegen ihren Willen mit einem Raben verheiratet. Sie schreit verzweifelt, bis sie der Vater mit dem Kajak abholt. Der betrogene Ehemann schlägt mit den Flügeln so hohe Wellen, dass der verängstigte Vater sie über Bord wirft. Als Sedna sich am Kajak festklammert, schlägt er mit dem Paddel auf ihre gefrorenen Finger. Diese zerspringen und verwandeln sich in Meerestiere.

Sedna selbst sitzt zornig auf dem Meeresgrund. Um sie zu besänftigen, tauchen Schamaninnen und Schamanen in Seelenreisen zu ihr hinab und kämmen ihr langes schwarzes Haar. Denn jeder Tabubruch bringt ihr Haar in Unordnung und den Menschen Unglück.

«Schamane mit Vertrauten», mit Geisthelfern und zwei Sednafiguren, 2009. Der Inuit Bildhauer Manasie Maniapik (*1939) schnitzte die rund 100 Kilogramm schwere Skulptur aus Walknochen.

Die Ausstellung im NONAM ist in Kooperation mit der Cerny Inuit Collection in Bern entstanden. Anhand von Skulpturen, Druckgrafiken, Zeichnungen und Filmen wird die zirkumpolare Welt, die Welt des Polarkreises, in sieben Themenbereichen vorgestellt: von der Jagd, zu Sedna, den anderen Welten, über den Wandel, die Familie und Gemeinschaften, über Klima und Umwelt sowie den Kulturerhalt und die Zukunft.

Blick in die Ausstellung. Mit der Skulptur «Geburt», 2012, (im Vordergrund) weist der Bildhauer Abraham Anghik Ruben darauf hin, dass auch die Wiederbelebung einer Kultur ein schmerzhafter Prozess sein kann. Foto: rv

Die Werke in der Schau erzählen von mythischen Welten tief unten im Meer und von Zeiten, als Menschen und Tiere einander gleichgestellt waren. Sedna taucht in unterschiedlichster Gestalt auf, sei es als Fisch, Robbe oder Meerjungfrau, manchmal mächtig, dann aber auch unscheinbar. Auch Helden wie Kiviuk haben ihren Platz oder Ahnen, die mit dem Nordlicht erscheinen, sowie Geistwesen und Kräfte, die dem Wind und Atem innewohnen. Schamaninnen und Schamanen besuchen sie, Normalsterbliche erreichen sie manchmal in Träumen und Visionen

«Frau mit Kind und Sedna», 2000. Der Bildhauer Axangayuk Shaa (1937-2019) stellt eine Mutter dar, die ihr Kind mit Sedna (links) verbindet. Der Junge wird vielleicht einmal ein Jäger und muss Sednas Regeln kennen und befolgen. Foto: rv

In den arktischen Gesellschaften bilden Familie und Gemeinschaft das Rückgrat. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung gewährleisten das Überleben unter den anspruchsvollen Bedingungen des Nordens. Über Jahrtausende hinweg blieben die arktischen Völker unabhängig und führten ein selbst bestimmtes Leben als Jäger.

«Konfrontation», 2015. Der Bildhauer Bart Hanna Kappianaq stellt den Kampf zwischen einem europäischen Missionar oder einem konvertierten Inuit-Priester dar, der sich von der spirituellen Welt seiner Vorfahren bedroht fühlt.

Mitte des 20. Jahrhunderts fand die traditionelle Lebensweise durch Kolonisierung und Christianisierung ein Ende. Die indigene Bevölkerung wurde umgesiedelt, ihre Kinder in christliche Internate gesteckt und missbraucht – die Nomaden sollten moderne sesshafte Menschen werden, oder sie wurden der Bodenschätze wegen von ihren Territorien vertrieben. Die Folgen sind bis heute häusliche Gewalt, Alkoholismus, Zivilisationskrankheiten und Suizide, was gerne verschwiegen wird. Durch ihre Arbeiten bringen die Kunstschaffenden zum Ausdruck, was sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Heute ist der Klimawandel die grösste Herausforderung, davon sind die Polarregionen am stärksten betroffen. Die Temperaturen steigen viermal so schnell wie auf der Erde als Ganzes. Das Leben verändert sich dramatisch für Menschen, Tiere und Pflanzen. Die grönländische Eisdecke schmilzt, das Meereis schwindet rapide und Permafrostböden verwandeln sich in Sumpf.

«Sedna von einer giftigen Qualle gefangen», 2014. Der Künstler Bill Nasogaluak (*1953) erinnert sich, dass Quallen, als er jung war, nur so gross wie sein Daumennagel waren. Nun sind sie riesig und oft giftig.

Viele der ausgestellten Werke beziehen sich auf den Klimawandel und die Umweltverschmutzung. Die Künstlerinnen und Künstler hoffen, dass durch diese Arbeiten ihre Not in der Welt gehört wird.

Fotos: © Museum Cerny, Bern, und rv

Bis 17. September 2023
«Sedna. Mythos und Wandel in der Arktis», im Nordamerika Native Museum NONAM in Zürich
Eine informative Begleitbroschüre mit Texten zu den Objekten liegt auf
s.a. Maja Petzold, Zu Besuch bei den Völkern der Arktis

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