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Zu Besuch bei den Völkern der Arktis

Das einzigartige Museum Cerny für zeitgenössische zirkumpolare Kunst in Bern ist viel mehr als ein Museum: «Es geht um ein Engagement für die lebendige Kultur der Polarvölker, für deren Umwelt und für Nachhaltigkeit», erklärt Peter Cerny.

Während eines Studienjahres in Kanada als Assistenzarzt in einem Indianerreservat – der Begriff first nation wurde erst später geprägt – lernte Peter Cerny nicht nur seine zukünftige Frau Martha kennen, sondern auch die indigenen Völker Kanadas. Später, längst wieder zurück in Europa, bot ihnen jemand eine Sammlung von 127 Inuit-Kunstwerken aus der kanadischen Ostarktis an. So begann ihr Engagement. Im Laufe der Zeit entdeckten sie andere Völker des Polarkreises: in Grönland, die Samen im Norden Europas und die zahlreichen Völker in Sibirien und Alaska.

Die arktische See ist grösstenteils die Lebensgrundlage der Inuit. Das Element Wasser spiegelt sich auch in ihrer Kunst, zuerst einmal ganz konkret: Sedna, die Beherrscherin des Meeres, ist eine zentrale Gottheit der Inuit. Sie nährt und beschützt ihr Volk, sie kann aber auch wütend werden. Menschen, die Tabus brechen, werden bestraft, indem die wertvolle Meeresbeute sich in ihren langen, wellenartigen Haaren verfängt. Die wichtige Nahrung geht den Menschen damit verloren. Andererseits scheinen die Formen der Skulpturen dem Meer verwandt: glatt, abgerundet, kraftvoll, beschützend und bedrohlich zugleich.

Ovilu Tunnillie: Sedna. 1996. Serpentine. Kinngait (Cape Dorset), Nunavut, Canada,
hier:
Sedna von vorn. Titelbild: Seitenansicht.

Neben Sedna kennen die Inuit viele Geistwesen, die im Leben der Gemeinschaft eine Rolle spielen und deshalb auch künstlerisch dargestellt werden. Als Mittler stehen Schamanen zwischen Geistern und Menschen. Fast alle traditionellen Werke werden aus Stein, meist aus dem grünlichen Serpentin, oder aus Knochen bzw. anderen Materialien von Tieren geschaffen – aus allem, was den Völkern des Polarkreises zur Verfügung steht. Auch ihre Werkzeuge sind oft verziert.

Besonders stark sind die Verbindungen der Cernys zu den kanadischen Inuit und, bis zu Putins Krieg, zu den Völkern in Sibirien. So wuchs die Sammlung, die in Bern ihre Heimat hat. Sie wird häufig im In- und Ausland gezeigt, zu verschiedenen Themen und in unterschiedlichen Organisationen, unter anderem im Saanenland im Rahmen des Yehudi-Menuhin-Festivals und aktuell im Nordamerika Native Museum (NONAM) in Zürich.

Jury Achivantin: Traditionelle Jagd (Skulptur), Uelen, Chukotka AO, Russland  2004. Stosszahn eines Walrosses, Farbstifte

Um die Sammlung sorgfältig zu betreuen, absolvierte Martha Cerny ein Zweitstudium als Kuratorin. Sie und ihre Tochter Natascha widmen sich daneben der Provenienzforschung, denn einige Objekte sind auf Umwegen zu ihnen gelangt. Die Künstler, die Menschen, die solche Werke schufen, sollen nicht anonym bleiben. Und ebenso wenig ihr Umfeld, ihre Lebensumstände.

Rebecca Pudnak, Wandteppich – Spiele. 2017. Wolle, Faden. Qamani’tuaq, Nunavut, Kanada (Foto mp)

Mit den Jahren wurde die Sammlung durch Werke der anderen Völker des Polarkreises ergänzt. Daraus entstanden interessante Kontakte, die Cernys, soweit möglich, bis heute pflegen.

Die Sammlung bildet inzwischen die Grundlage für weitere Forschungsarbeiten: Eine öffentliche Datenbank wird erstellt für alle Werke und für die Künstler. Dabei soll nicht allein der Künstler oder die Künstlerin vorgestellt werden, sondern auch die Community, in der sie leben.

Neue Wege, Interesse zu wecken, sind Comics oder Computergames. In Interviews, die man auf Tablets im Museum hören und anschauen kann, stellen die Kunstschaffenden sich selbst und ihre Arbeit vor. Denn nicht alle sind nur künstlerisch tätig: «Zu 90% bin ich Jäger, zu 10% Künstler», zitiert Peter Cerny den kanadischen Künstler Mattiusi M. Iyaituk.

Abraham Anghik Ruben:  Shared Migration (Gemeinsame Wanderung), Geister, Tiere und Menschen (Skulptur), 2013, brasilian. Speckstein, Paulatuk, Northwest Territories, Kanada

Es ist nicht zu leugnen, dass die gesamte Arktisregion von den Folgen des Klimawandels unmittelbar und besonders stark betroffen ist. – Menschen und Tiere der Arktis sind an kaltes Klima angepasst, nicht an Wärme und schmelzendes Eis, wie wir es seit einiger Zeit erleben. Deshalb haben Cernys die Zusammenarbeit mit Universitäten gesucht und grosse Offenheit gefunden. Führende Schweizer Klimaforscher und andere Wissenschaftler sind an den Werken der Künstler am Polarkreis sehr interessiert. – Diese Werke können als überzeugende Übermittler der Klimabotschaften dienen: Wissenschaftliche Fakten lassen sich durch Dokumentationen aus dem Leben dieser Völker verdeutlichen und ihre Dringlichkeit sichtbar machen.

Peter Cerny, seine Tochter Natascha und seine Frau Martha

Nachhaltigkeit ist für Peter Cerny ein wichtiges Ziel. Es geht darum aufzuzeigen, wie alles mit allem verbunden ist. Dies lässt sich durch viele Werke der Cerny-Sammlung stützen, denn genau diese ganzheitliche Weltanschauung gehört zu der seit Urzeiten gepflegten Weisheit dieser Völker: Das Leben umfasst alles, alle Pflanzen, Tiere, die Menschen, Himmel, Erde, Wasser – und die Geistwesen, von deren Existenz die traditionellen Menschen des Polarkreises überzeugt sind.

Billy Gauthier: Maske: Die Sinne eines Schamanen (Skulptur) 2015,
Serpentin und Mammuthauer, Goosebay, Labrador/Kanada

Billy Gauthier, ein Inuk-Künstler aus Labrador, äussert sich zur Arbeit der Cerny-Familie: «Ein Museum wie dieses ist nicht nur für die Besucherinnen und Besucher interessant, sondern auch für mich als Künstler und Inuk, der ich jagen und angeln liebe, und für unser ganzes Volk, um unsere Kultur zu pflegen und zu bewahren.

Für meine Kunst brauche ich Partner, um mit ihnen darüber zu sprechen und zu sehen, wie sie darauf reagieren. Als Künstler möchte ich das, was ich beim Jagen und Fischen erlebe, in einem Werk umsetzen.

Die Leute in meinem Volk und in den anderen Inuit-Völkern haben einen Teil ihrer Traditionen verloren. Durch die Kunst kommen wir unseren Vorfahren, unseren Ahnen wieder näher. Wir Künstler können die Schönheiten unserer Kultur auch unseren eigenen Leuten sichtbar machen. – Nakurmiik, das heisst «Danke schön» in unserer Sprache, dem Inuktitut.»

Das Museum Cerny bietet Führungen und themenbezogene Veranstaltungen an.

Im NONAM Zürich sind noch bis 17. März 2024 in der Sonderausstellung Sedna. Mythos und Wandel in der Arktis Werke aus dem Cerny-Museum anzuschauen.
s.a. Ruth Vuilleumier, Arktische Kunst als Hilferuf

Alle Bilder: © Museum Cerny Bern und © Severin Nowacki Fotograf

 

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