StartseiteMagazinLebensart«Sterben lernen heisst leben lernen»

«Sterben lernen heisst leben lernen»

Aus sehr persönlichen Erlebnissen hat die Autorin Julia Kalenberg ein lesenswertes Buch mit wertvollen Gedanken über das Sterben geschrieben. Die Anregungen helfen, künftige Abschiede von Freunden und Verwandten besser anzunehmen, zu verarbeiten oder sogar aktiv mitzugestalten.

Bücher über Sterben, Tod, Trauer erscheinen derzeit im Monatsrhythmus. Literatur über das viel zu lange tabuisierte Thema scheint einem Bedürfnis und dem Zeitgeist zu entsprechen. Das ist auch gut so, denn Todesfälle in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis machen uns zu oft sprach- und hilflos, lösen ungeahnte Sinnfragen aus und erinnern uns jedes Mal aufs Neue an die eigene Endlichkeit.

Verschweigen oder gar verdrängen bringt Hinterbliebene nicht weiter. Besser ist es, sich rechtzeitig mit dem Tod zu beschäftigen und mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Sterben zu entwickeln. Sich wichtige Gedanken vor einem Todesfall zu machen, nimmt uns nämlich die Angst und bringt mehr Leichtigkeit in das eigene Leben. «Sterben lernen heisst leben lernen», lautet der treffende Untertitel des Buchs.

Sterbende möchten mit Angehörigen über den nahen Tod sprechen.

In ihrem Werk schildert die Autorin Julia Kalenberg anhand zahlreicher Beispiele aus ihrem Umfeld, wie Abschied und Sterben gestaltet werden und die Kommunikation darüber gelingen kann. Unterschiedliche Erfahrungen haben ihr geholfen, den eigenen Vater auf dem letzten Weg zu begleiten. Gemeinsam konnten die beiden die Sterbezeit nutzen, um bewusst voneinander Abschied zu nehmen. Diese sehr persönliche Erfahrung vermittelt die Autorin auf wunderbar einfühlsame Weise.

Sich Zeit nehmen

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil unter dem Titel «Mutmachende Vorbilder» werden wir mit den Vor- und Rahmenbedingungen des Sterbens vertraut gemacht. Lebenserinnerungen aufzuschreiben und Dokumente aufzubewahren, lohnt sich für Angehörige in jedem Fall. Im Netzwerk von Verwandten und Freunden den Abschied zu erleben, ist leichter als allein und einsam zu trauern.

Ein Foto von der verstorbenen Person zu machen, ist nicht verboten, solange das Bild ausschliesslich der persönlichen Erinnerung dient. Mit der Anwesenheit bei der Beerdigung unterstützen wir Nachkommen sowie Angehörige und ehren die Toten. Über allem steht der Ratschlag der Autorin, sich bei der Organisation der Trauerfeierlichkeiten genügend Zeit zu nehmen, soviel Zeit, dass alle Betroffenen gut für sich sorgen können.

Ein Trauertisch mit einem Trauerbuch gibt Besucherinnen und Besuchern Gelegenheit, eigene Worte zu formulieren und die Abschiedsfeier mitzugestalten.

Am Sarg des eigenen Vaters zu sprechen, sei eine grosse Herausforderung, berichtet Julia Kalenberg. Eine ehrliche Rede von Herzen sei jedoch ein Geschenk an die Trauergäste und die Hinterbliebenen. Je persönlicher die Feier gestaltet werde, desto bereichernder und leichter gelinge der Abschied. Die Autorin rät dazu, Details der eigenen Bestattung eigenhändig zu regeln und zu notieren. Es gehöre Mut dazu, den eigenen Weg des Sterbens selbst zu gestalten, anstatt nach gesellschaftlichen Konventionen zu handeln.

Im zweiten Teil ihres Buchs beschreibt Julia Kalenberg chronologisch, wie sie ihren Vater in Dankbarkeit und Liebe begleitet hat. Tagebuchauszüge erlauben tiefe Blicke in den emotionalen «Prozess des Wechsels» der eigenen Familie in dieser aufwühlenden Lebensphase. Abgedruckt ist zudem eine transparente Mail an Verwandte und Freunde, in der die Tochter über den Gesundheitszustand ihres Vaters informiert. Rührend auch die sehr intimen Worte des Abschieds.

Da in unserer Gesellschaft für Angehörige über den nahen Tod zu reden immer noch unüblich sei, legt die Autorin Wert auf die Feststellung, dass es vielen Sterbenden ein Bedürfnis ist, in den letzten Tagen und Stunden ihre Gedanken dazu zu äussern. Hierzu brauche es aber Zuhörende. Die Qualität solcher Gespräche seien «kleine Brücken, in denen man gefühlsmässig und gedankenmässig miteinander verbunden ist, wo man ganz bei sich selbst sein kann und wo Denken und Fühlen fast eins sind.»

Die Inschrift auf dem Grabstein des Schriftstellers Ernst Eggimann in Fontvieille (Frankreich) beschreibt die Leichtigkeit eines Schmetterlings. Foto FL

«Mit jeder Seite schwindet die Angst vor dem Sterben und wächst die Lust auf das Leben», schrieb der Journalist Tobias Haberl im Magazin der Süddeutschen Zeitung über Kalenbergs Buch. Dazu trägt auch das dritte und letzte Kapitel bei. Darin schildert die Autorin verschiedene Geschichten, wie Menschen in unterschiedlichsten Situationen Antworten auf Fragen um Tod und Sterben fanden. Aus einem Alters- und Pflegeheim etwa stammt der Satz: «Die unglaubliche Schwere, die Tabus und Ansprüche sind oft eine grössere Belastung als der Abschied an sich.» Nun liegt es an uns, während des Sterbens anderer das eigene Leben neu zu lernen und dem Tod die gewünschte Leichtigkeit zu geben.

Zur Person der Autorin Julia Kalenberg

Julia Kalenberg studierte Betriebswirtschaft an den Universitäten von Nürnberg und Granada. Seit 1997 begleitet sie Teams und Einzelpersonen bei ihrer Entwicklung (v. a. Führungstraining, Teamworkshops, Coaching, Mentaltraining, Vorträge). Sie ist Referentin am Institut für KMU der Uni St. Gallen sowie aktives Mitglied bei Business & Professional Women. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Zimmerwald bei Bern.

Titelfoto: Alter Mann im Herbst: Durch Lebensfreude und Genuss dem Tod mehr Leichtigkeit geben. Fotos Pixabay und privat.

Julia Kalenberg. Und jetzt zeigst du uns, wie Sterben geht. Zytglogge Verlag, 2023, ISBN: 978-3-7296-5115-9

LINKS

Zytglogge Verlag

Webseite von Julia Kalenberg

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