StartseiteMagazinKulturIm Anblick der nahenden Katastrophe

Im Anblick der nahenden Katastrophe

Auf diesem Hintergrund spielt der Film «Roter Himmel», der wie ein glühender Sommernachtstraum beginnt und brandaktuell endet. Von Christian Petzold klug inszeniert und von exzellenten Ensembles vor und hinter der Kamera realisiert, trifft diese Tragödie unsere Zeit im Kern. Ab 25. Mai im Kino.

Ein Sommer an der Ostsee. Es ist heiss, hat ewig nicht geregnet. In einem einsamen Ferienhaus zwischen Wald und Meer treffen die Freunde Leon und Felix auf die im nahen Küstenort jobbende Nadja und den Rettungsschwimmer Devid. Während Leon, der seinen zweiten Roman beenden will, gedanklich unentwegt um sich selbst kreist, gehen die anderen zusammen schwimmen, reparieren, kochen und vergnügen sich. Es sind schwebende, wie aus der Welt gefallene Tage, von sphärischer Musik und lauem Wind begleitet. Und wie ein Funke genügt, um die ausgetrockneten Wälder der Gegend in Brand zu setzen, lodern bei Leon, Felix, Nadja und Devid unmittelbar Sehnsucht, Zweifel und Hoffnung, bis die Realität hereinbricht.

«Roter Himmel» handelt vom Dahinleben einer Gruppe noch junger Menschen und davon, ob dies möglicherweise abläuft. Unbeschwert und unglücklich, leicht und verloren liegen hier nahe beisammen. Dass die Story, trotz ihres bitteren Ernstes, nicht schwer wirkt, ist der Poesie und Zärtlichkeit zu verdanken, mit der Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold sie erzählt und Paula Beer, Thomas Schubert, Langston Uibel, Enno Trebs und Matthias Brandt als Literaturagent Helmut sie spielen. Der Film wurde am Festival in Berlin mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet.

Leon sinniert über seinen Roman

Ein Sommerfilm an der Ostsee

Wie andere Filme, wurde auch «Roter Himmel» während des Corona-Lockdowns entwickelt. Vom Bett aus schrieb Petzold ein Drehbuch, das an Sommerfilme des amerikanischen und französischen Kinos erinnert, die zeigen, wie Menschen in der Ausnahmesituation der Ferien sich bewegen. Krankheitsbedingt schaute er viele Filme von Eric Rohmer und liess sich davon inspirieren. «Es geht um den letzten Sommer, bevor man ins Erwachsenenalter eintritt, den letzten Sommer der Unbeschwertheit. Und gleichzeitig ist er vielleicht so etwas wie der letzte Sommer, weil die Wälder brennen», meint der Regisseur.

Vier Menschen treffen sich in einem märchenhaften Forsthaus in der Lichtung eines Waldes. Im Mittelpunkt steht Leon, der nachts in einem fremden Haus aufwacht, die Schönheit des Mondlichts und der wehenden Vorhänge sieht, aber gleichzeitig anderen zuhören muss, die gerade wahnsinnig Spass haben und laut Musik hören. Das weckt sein Gefühl, aus dieser Welt ausgeschlossen zu sein, denn er glaubt, Distanz gehöre zum Schriftsteller. Verloren ist er auch, als er den Eindringling, eine junge Frau, sieht, die ganz mit sich ist, ein Lied pfeift und Wäsche aufhängt, für die diese Lichtung ein Ort der Freiheit und Unbeschwertheit ist. Leon tut nichts und wartet. Ihm ist die Welt abhandengekommen, er ist der Welt abhandengekommen. Die Laube, wohin er sich zurückzieht, wird seine Bühne, auf der er sich ohne Publikum präsentiert. Er spielt Schriftsteller, simuliert Arbeiten. Die anderen am Tisch haben Spass, lachen und reparieren das Dach. Das Haus, die Wiese, die Scheune, das Vordach sind ihre Bühnen. Das zu sehen, empört ihn, er würde gern selbst an ihrer Welt teilhaben, kann es aber nicht, steht immer daneben und neben sich. Dass er Nadja vom ersten Augenblick an liebte, gibt er erst viel später zu. Die Situation mit seinem zweiten Roman hat etwas von Horror und gleichzeitig von Komik.

Den Gegenpol zu Leon bildet Nadja, die bisher ohne Biografie da ist, aushilfsweise als Eisverkäuferin jobbt. Sie lädt Leon ein, erhält eine Abfuhr nach der andern, lacht ihn dennoch an. Erst beim Gespräch mit Leons Verlagsagenten Helmut erfahren wir von ihren beruflichen Ambitionen im Theater. Wo sie auftritt, verschwenden sie sich: an alle, auch an Leon, den sie dazu bringen möchte, auch sich zu verschwenden. Doch diese Form des Liebens scheinen diese Männer nicht zu kennen.

Leon mit Nadja, nahe und doch fern

Vom Meer zum Feuer

Man geht an den Strand zum Schwimmen. Leon setzt sich hin, blickt ins Weite und nimmt seinen Rucksack wie einen Schild vor die Brust, schützt sich so vor der Einfachheit, Schönheit und Klarheit des Meeres und der Welt und schläft ein wie ein Kind. Die andern unterhalten sich und geniessen den Tag, das Leben.

Das Feuer von den brennenden Wäldern kommt näher und näher, am Anfang noch indirekt, diskret angedeutet, später offensichtlich, bedrohlich. Bei einem Spaziergang sieht Leon ein Rudel Wildschweine durch den Wald fliehen und einen Frischling verenden. Hubschrauber, Feuerwehr, Alarm. Das Feuer kommt wie eine Flammenwand vom Meer her. Da und dort scheint der Boden noch grün, obwohl es in den sieben Wochen der Dreharbeiten kein einziges Mal geregnet hat. Die Bäume brennen, da die Hitze tief in den Boden eingedrungen ist und nun Gras und Büsche entzündet. Es wird gespenstisch. Im verbrannten Wald ist kein Geräusch mehr zu hören, weht kein Wind mehr durch die Blätter, zwitschern keine Vögel mehr, fliegen keine Insekten mehr herum. Alles ist tot. Verkohlte Stämme ragen wie ein Mahnmal zum Himmel.

Nadja bei der Hausarbeit

«Der Asra» und «Die Toten von Pompeji»

In ihrem Studium ist Nadja auf das Gedicht «Asra» von Heinrich Heine gestossen, das vom Tod zweier Liebenden handelt. Während sie zusammen mit dem Literaturagenten den Text rezitiert, hören alle, ausser Leon, gespannt zu. Dieser wendet sich ab. Als sie es zum zweiten Mal vorträgt, widmet sie es Leon und guckt ihn an, als wollte sie ihm sagen: «Du könntest der Asra sein.» Gegen Ende des Films, der dramaturgisch einige, den Inhalt vertiefende und ausweitende Wendungen bringt, wird das Thema des Sterbens sich liebender Menschen am Beispiel der «Liebenden von Pompeji» aus der neuen Fassung von Leons Roman vorgelesen, nachdem die erste Fassung von Helmut abgelehnt wurde. Wie bei Heine weist auch dieser Text auf zwei Männer, die, sich liebend, sterben.

Doch der Ausbruch des Vesuvs, von dem berichtet wird, war eine Naturkatastrophe, gegen die Menschen nichts tun konnten. Das Feuer zweitausend Jahre später haben wir Menschen verursacht. In beiden Texten müssen Liebende sterben. Die Liebenden im Altertum, die starben, wurden überrascht, die Liebenden heute sind Opfer des Klimawandels und unseres Verdrängens der prekären Situation der Erde. Spät im Film meint Leon zu Nadja: «Wir müssen weg von hier. Das Feuer kommt.»

Blick zur Feuerwand

Nadja zu Leon: «Weisst du, was um dich rum passiert, du Arschloch?» – Einladung zum Weiterdenken als Einbezug der Kunst in die Wissenschaft

Was bei den vier Menschen im Film und was in der Natur abläuft, ist wohl nicht nur ästhetisch zu betrachten, sondern kann auch ökologisch und philosophisch weitergedacht werden. «Roter Himmel» bring dafür Sinnbilder einer möglichen Zukunft unserer Erde. Auch wenn im Film nirgends darüber theoretisiert wird, lädt er uns doch eindringlich ein, uns diesen Tatsachen zu stellen. Dazu gibt es unzählige Fakten. Ich beziehe mich unter anderem auf die SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» vom 23. 4. 2023 mit Ulrike Herrmann und Katja Gentinetta zum Thema «Wer rettet den Kapitalismus vor sich selbst?». Hier einige Stichworte zum Weiterdenken:

· 2019 hat der Schweizer Bundesrat die Klimaneutralität Netto-Null-Ziel für 2050 beschlossen.
· Das Schweizer Klimaziel Netto-Null genügt nicht, um das 1.5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen.
· Der Treibhausgas-Ausstoss der Schweiz sinkt nicht, sondern steigt weiter.
· Die oft angeführte Förderung durch grüne Energie hilft nicht, da sie zu teuer ist und zu spät kommt.
· 2050, also in 27 Jahren, müssten wir klimaneutral sein, andernfalls kommt es zu grösseren Katastrophen.
· Oft werden in der Diskussion Worte mit Fakten und Konzepte mit Realisierungen verwechselt.
· 2070 werden weite Teile der Erde schwer oder unbewohnbar sein.
· Das bedeutet für unzählige Menschen Hitze, Stürme, Trockenheit, Flutung, Hunger, Kriege, Auswandern.

PS: Drei Filme von Christian Petzold, die bei der-andere-film.ch besprochen sind

2012 «Barbara». Unter Verdacht. Der Spielfilm «Barbara» von Christian Petzold zeigt eine differenzierte Innenansicht des Lebens in der DDR um 1980 – und wie Überwachung immer Leben verhindert.
2014 «Phoenix». Sich ein neues Ich erschaffen: Deutschland im Jahre Null: Schwer verletzt überlebt Nelly Auschwitz, sucht ihren Mann und sich selbst. Christian Petzold schuf mit «Phoenix» einen wichtigen Spielfilm über eine Identitätssuche.
2018 «Transit». Leben im Transit-Modus: Nach dem Roman von Anna Seghers erzählt Christian Petzold, in die Gegenwart verlegt, vom schwierigen Leben zwischen Heimat, Flucht und Exil, mit Franz Rogowski und Paula Beer in den Hauptrollen.

Titelbild: Leon und Nadja, die zwei Pole der Geschichte

Regie: Christian Petzold, Produktion: 2023, Länge: 104 min, Verleih: Filmcoopi

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