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Auf den Hund kommen

Im Zug von Bern nach Luzern stolperte ich kürzlich beinahe über einen langohrigen Hund. Es fällt mir auf, dass viele Menschen, Frauen und Männer, Hunde an der Leine durch Bahnhöfe führen. Vor einigen Tagen beobachtete ich zwei niedliche Pudel, die sehr verwundert schienen, so vielen Menschen auf dem Perron aus dem Weg gehen zu müssen. Sie schauten mich, als ich mit den Stöcken an ihnen vorbeiging, mit grossen Augen an.  «Es sind fröhliche, gut genährte Hunde», dachte ich und manch einer würde sich ganz gern von der Frau mit Hut, die die Pudel führte, an die Leine nehmen lassen. Die Dame konnte nicht wissen, warum ich beim Vorbeigehen lächelte.

Ich wäre einmal beinahe auf den Hund gekommen, wenn ich dem so sagen darf. Mir wurde ein kleiner Foxterrier anvertraut, mit dem ich spazieren gehen sollte und zwar mit einer Plastiktüte in der Hand. Ich ging einen Wiesenweg hoch und schon bald kam mir eine Frau mit einem putzigen Hund entgegen. Wir machten Mode- bzw. Hundeschau und fanden beide seien schön, der ihre aber schien eitler. Er sei ein junger Malteser, erklärte mir die Frau nicht ohne sichtlichen Stolz. Er tänzelte um den mir Anvertrauten herum und gab sich sehr selbstbewusst.

Die Pudel, die die Frau mit dem Hut durch den Bahnhof führte, erinnerten mich an Schopenhauers Hund. Der Philosoph (1788-1860) pflegte im Alter, mit seinem Pudel «Butz» durch die Gassen von Frankfurt zu spazieren. Wilhelm Busch zeichnete den struppigen Philosophen mit seiner Halbglatze und seinem drolligen Hund.

Schopenhauer wäre nicht erstaunt gewesen, dass in der katholischen Innerschweiz der Hund als eine «Nullität» betrachtet wurde, denn im Unterschied zum Brahmanismus und Buddhismus galt im Christentum ein Hund nicht als perfekte Schöpfung. Für Schopenhauer hingegen war sein Pudel ein echter Freund. In seinen «Notizen aus dem Nachlass»* ist zu lesen: «Woran denn sollte man sich von der Verstellung, Falschheit und Heimtücke erholen, wenn es keine Hunde gäbe?»

Die Zeiten haben sich geändert. Der Philosoph Markus Gabriel hat einen Bestseller mit dem Titel «Der Mensch als Tier. Warum wir trotzdem nicht in die Natur passen» geschrieben. Wir hätten biologisch so viel Tier in uns, dass wir uns eigentlich in die Tiere, vor allem in die hochentwickelten, sollten einfühlen können, was angesichts der Massentierhaltung leider oft nicht geschieht.

Bleiben wir bei Schopenhauer und seinem masslos geliebten Pudel. Im Unterschied zum Menschen verhalte sich der «Hund zum Menschen wie ein durchsichtiges Glas zu einem metallenen Becher». Da das wahre Wesen des Menschen von seinem Willen abhängig sei, könne er sich leicht verbergen und sich verstellen. Was Hunde niemals tun würden. Schopenhauer konnte auch giftig sein wie ein «kaltblütiges Tier». Er warf Journalisten vor: «Alle Zeitungsschreiber sind, im Interesse ihres Handwerks, Alarmisten. Sie gleichen den kleinen Hunden, die bei Allem, was sie rührt, ein lautes Gekläff erheben: und ebenso soll man sie betrachten».

Am unverschleiertesten und deutlichsten lasse sich der Wille bei den klügsten Tieren beobachten, denn auf tieferer Stufe trete der Wille noch nicht so deutlich hervor. Sie seien intelligent und wüssten, was sie wollten. Sie verlangten für ihr Leben, was auch Menschen begehren. «Darum unsere Freude an Hunden».

*Arthur Schopenhauer: Spicilegia. Philosophische Notizen aus dem Nachlass, C.H. Beck 2015

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