Wie die NZZ in ihrer Wochenend-Ausgabe schreibt und tatsächlich wohl auch fordert: Das AKW-Verbot muss fallen. Sie ahmt nach und verstärkt damit, was die FDP und insbesondere die SVP zu einem Wahlkampf-Thema hochstilisiert sehen möchten: eine Renaissance der Atomenergie.
Ich fühle mich in die späten 60ger, in die führen 70ger Jahre zurückversetzt. 1967, ich hatte gerade in der damaligen Basler National-Zeitung die Verantwortung für die Regio Basiliensis übernommen, hatte die Berichterstattung aus dem Laufental, dem Fricktal, aus der badischen Nachbarschaft, aus dem Elsass aufzubauen, die Zeitung in diesen Regionen bekannter zu machen, um letztlich Abonnenten zu gewinnen.
Ich ahnte nicht, dass ich mich damit beinahe unmittelbar mit einem Thema konfrontiert sehen, was mich ganz lange umtreiben und jetzt wieder von Neuem beschäftigen würde: die Nutzung der Atomenergie, oder wie es die Promotoren dieser Energieform schon damals gebieterisch forderten, das Wort „Atom-“ durch Kernenergie zu ersetzen. Das Wort „Atom“ war ihnen zu negativ besetzt, zu nahe bei der schrecklichen Atombombe.
Schon damals warnten die Befürworter vor einer Krise, vor einer veritablen Stromknappheit. Nur Atomkraftwerke könnten den stetig wachsenden Energiebedarf der Industrie, der Gesellschaft insgesamt decken. Wie konkreter sich das Projekt Kaiseraugst entwickelte, umso stärker wuchs der Widerstand in der Bevölkerung. Auch in der Redaktion war die Haltung zu Kaiseraugst stark umstritten. In einer grossen Redaktionskonferenz, so um 1972 muss es gewesen sein, nahmen je ein Vertreter der Befürworter und einer der Gegner Stellung. Der Chef der Motor Columbus AG, adrett im Anzug, der Gegner, kunterbunt in Sandalen. In der Diskussion wogten die Positionen hin und her. Ein Statement des Gegners klingt mir noch heute, erst recht wieder, im Ohr: „Mit der Wind- und der Sonnenenergie stehen Alternativen schon jetzt zur Verfügung.“ Sein Argument ging schlicht unter, schon allein sein Erscheinungsbild liess es als unbedarft erscheinen; wir schlugen es schlicht als zu visionär in den Wind. Hans Rudolf Hagemann, der umsichtige Verleger, sagte am Schluss dennoch weise und salamonisch zur Redaktion: „Verfolgt das Projekt mit kritischer Distanz!“.
Ich stand mit Michael Kohn, dem späteren Energiepapst, vor dem Gelände, als die zuständigen Kommissionen des National-und Ständerates kurz danach mit Bussen der Post angereist waren, um sich ein Bild zu machen. Umstritten war die vorgesehene Kühlung des projektierten Werks mit dem Wasser des Rheins. Ein Kühlturm musste es nun sein. Hoch ragten die Profile in den Himmel. Ironisch meinte ich zu Michael Kohn: „Die sind ja gar nicht so hoch, ich dachte, sie müssten bis zum Himmel reichen“. In seiner Erläuterungen zitierte er mich: „Der Turm wird ja gar nicht so hoch“, wie selbst der AKW-Kritiker Anton Schaller meint. Den zweiten Teil meiner ironischen Bemerkung liess er einfach weg. Und das immer wieder, wenn wir uns in den nächsten Jahrzehnten begegneten, wenn wir jeweils über die Vergangenheit und Kaiseraugst räsonierten. Auch meine Korrektur schlug er immer wieder und wider besseres Wissen mit einer kurzen Handbewegung in den Wind.
Als die Kommissionen das Gelände verlassen, zurück nach Bern reisen wollten, war pro Bus ein Reifen durchstochen worden. Ersatz musste her. Der Anfang der heftigen, auch gewalttätigen Anschläge auf das Projekt war gesetzt. Der Informationspavillon ging in der Folge in Flammen auf. Das Projekt war nicht zu retten. Zur Überraschung aller war es ein Mann, der zuerst den Ausschlag zum Ausstieg gab: Christoph Blocher. 1.3 Milliarden Franken waren bereits geflossen, 350 Millionen gingen dann vom Bund an die Projektverfasser als Entschädigung.
Nur eine Lehre aus dem Debakel wurde nicht gezogen: die Alternativen, wie sie schon damals erkannt und zur Verfügung standen, hatten damals keine Chancen. Stellen wir uns vor, wie die Energieversorgung heute aussehen würde, wenn die Sonnen- und die Windenergie schon damals, vor mehr als 50 Jahren, zumindest gleich gefördert und ausgebaut worden wäre wie für die Atomenergie? Niemand würde das Verbot der Atomenergie in Frage stellen. Wir hätten kein Entsorgungsproblem mit dem nuklearen Abfall in dem Ausmass wie heute. Wir haben einander einfach nicht richtig zugehört, wir haben nicht die richtigen Lehren aus den Erkenntnissen gezogen, sind wir schlicht unbelehrbar?
Eines ist sicher: Die herkömmlichen Atomkraftwerk-Reaktoren, wie sie noch heute gebaut werden, gehören endgültig der Vergangenheit an. Die Zukunft gehört neuen Typen. Beispielweise dem chinesischen Flüssigsalzreaktor, der mit dem mineralischen Stoff Thorium betrieben wird, wie die Sonntags-Zeitung schreibt. Oder die Forschung bringt doch noch den Kernfusions-Reaktor hervor, an dem speziell die Franzosen schon seit mehr als 30 Jahren unentwegt laborieren. Technikfeindlichkeit ist auf jeden Fall nicht angebracht. Im Gegenteil! Und gewiss ist auch: Die Nutzung der Sonnen-und Windenergie steht zur Verfügung und ist erst noch weit günstiger als jede Form der bisherigen Atomenergie.

Was hat unser grosser Nachbar Deutschland, was die Schweiz scheinbar nicht hat? Sie hat die politische Durchsetzungskraft für ein generelles Verbot gegen Atomstrom und für eine alternative, umweltfreundliche Energie mit Hilfe bestehender und neuer Technologien.
Wau, was für ein grosser und mutiger Schritt!
Auch in Deutschland gab und gibt es Gegenwind und Skepsis, ja sogar militante Atomstrombefürworter, die alles dafür tun, diesen neuen Weg zu erschweren. Das Verbot hat jedoch einen grossen Schub für Innovation und Erforschung alternativer Energien ausgelöst.
Aber eigentlich kann man die Schweiz nicht mit Deutschland vergleichen. Unser Nachbar hat eine ganz andere Diskussions- und Streitkultur als wir und keine Scheu, offen und zeitnah die Probleme auf’s Tapet zu bringen. Bewundernswert, besonders wenn man bedenkt, welche grossen Herausforderungen dieses Land, nebst der Energiewende, sonst noch zu stemmen hat.
Ich gehörte in den Siebzigern ja auch zu den Sandalen-Demonstranten, die gegen die bös-bösen AKWs protestierten, Kaiseraugst und so. War auch ganz amüsant, vor allem wegen der Demonstrantinnen. Freiluft-Veranstaltung ohne Eintritt. Und auf dem 2CV machte der gelbe Anti-AKW-Kleber Eindruck. Ganz besonders bei den Gesinnungsgenossinnen.
Hätt ich den 1960er Döschi noch, würde ich den Kleber wohl abchnubeln. Wir kommen wohl (leider) um die neue AKW-Technik nicht herum.
Resignation oder Zurückfallen in alte Muster ist nie kreativ. Diversität ist das Motto und Ziel unserer Zeit. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom. Hauptsache, so schnell wie möglich weg vom bisherigen Atomstrom. Die Natur und unsere Nachkommen werden es uns danken.