StartseiteMagazinGesellschaft«Engagement macht munter, kompetent und gesund»

«Engagement macht munter, kompetent und gesund»

Elisabeth Michel-Alder (EMA) hat an der Jahrestagung von «Tavolata» ein Referat gehalten über das Projekt «neues alter – älterwerden anders angepackt». Die Sozialwissenschafterin, engagierte Beraterin und passionierte Bergsteigerin gibt Seniorweb einen vertieften Einblick in das Projekt.

Seniorweb: In Ihrem Projekt «neues alter» werden 25 Frauen und 25 Männer porträtiert, die nach der Pensionierung Eindrückliches leisten. Wie haben Sie diese Personen ausgewählt?

Elisabeth Michel-Alder: Wir (24 Forschende, davon drei Viertel im Rentenalter) suchten Personen «querbeet», so divers wie möglich aus der Deutschschweiz, 1950 oder früher geboren und immer noch verbindlich (und nicht nur punktuell) engagiert. Da hat es Personen mit einfacher oder guter oder auch ohne Ausbildung. Es sind also nicht nur Privilegierte, die nach der Pensionierung noch weiterwirken.

Ist das Projekt abgeschlossen?

Die Informationssammlung wurde Ende letztes Jahr abgeschlossen. Von jeder Person haben wir Protokolle zwischen 30 und 70 Seiten, die noch nicht definitiv ausgewertet sind. Hingegen haben wir ca. 30 multimediale Porträts fertiggestellt, die auf unserer Website unter https://neuesalter.ch/lebenswege/ zugänglich sind.

Sind jetzt schon Ergebnisse sichtbar?

Ja, eine ganze Reihe. Unsere zentrale Frage war, unter welchen Bedingungen solche Lebenswege zustande kommen. Dabei haben wir fünf Punkte herausschälen können, die eine Laufbahn nach der Pensionierung begünstigen.

  1. Es muss eine Tätigkeit sein, die man gern ausübt und in der man gut ist.

In der Schweiz ist es sehr selten, dass man im Rentenalter etwas dauerhaft macht, wenn man nur lau und unmotiviert dabei ist.

Wie werden Tätigkeiten entdeckt, die man wirklich  liebt und in denen man gut ist.

Wir haben herausgefunden, dass die meisten im Laufe ihres Berufslebens einen oder mehrere Brüche hatten und sich damit von einer gelernten Tätigkeit verabschiedeten und was Neues wählten. Die neue Wahl passt meist besser zur Persönlichkeit und ist weniger von aussen beeinflusst. Mit dieser geliebten Tätigkeit wird die Klippe zwischen Berufsleben und Rentenalter leichter übersprungen. Ganz selten wird erfüllende Arbeit, bezahlt oder ehrenamtlich, im Rentenalter ganz neu gefunden.

Was ist die zweite Voraussetzung für eine erfüllende Tätigkeit im Rentenalter?

Es ist leider so, dass viele nach einem beruflichen Höhepunkt, im letzten Abschnitt ihrer Berufskarriere einen Sinkflug erleben, weil ältere Mitarbeiter nicht mehr weitergebildet, nicht mehr in neue Projekte involviert, nicht mehr eingeladen werden zu Mitarbeitergesprächen und weniger Wertschätzung erfahren. Viele empfinden sich als Auslaufmodell, was am Selbstvertrauen nagt mit der Folge, dass sie sich im beginnenden Rentenalter nicht mehr viel zutrauen. Im Rentenalter angekommen, räumen sie mit einem verminderten Selbstwertgefühl dann die Garage auf oder gehen öfter mit Partner/ Partnerin auf eine Urlaubsreise, damit sie noch was zu erzählen haben.

Um im Rentenalter weiterhin tätig zu sein, braucht es Selbstvertrauen, ungebrochene Motivation und stärkende Erfahrungen.

Drittens?

Es braucht einen institutionellen Rahmen, um weiter tätig sein zu können, etwa einen Verkaufsladen, eine Kirchgemeinde oder ein Labor. Das ist bei selbständig Berufstätigen wie Anwälten, Ärzten, Künstlern relativ einfach. Hingegen können beispielsweise Lokomotivführer ihre Lokomotive nicht mit in Pension nehmen. Allgemeine Kompetenzen aus dem Berufsleben können jedoch bestens ins Rentenalter hinübergenommen und etwa in der Freiwilligenarbeit eingesetzt werden.

Und wenn der Partner, die Partnerin etwas gegen nachberufliches Engagement hat?

Ja, das ist der vierte Punkt. Wir haben sehr genau hingeschaut, was es von Seiten des Partners oder der Partnerin braucht. Wenn sich die ersten Bezugspersonen einer erfüllenden Tätigkeit im Rentneralter entgegenstellen, wird es schwierig. Besser ist, wenn sie mindestens nichts dagegen haben. Da braucht es aber schon eine hohe Motivation, weiterhin dran zu bleiben. Am besten ist es, wenn das Gschpänli selbst auch engagiert ist oder toll findet, was man macht.

Der fünfte Punkt?

Oft arbeitet man mit andern zusammen und hat Vorgesetzte. Wenn es da immer wieder zu Reibereien, Schwierigkeiten, Ablehnung oder Abwertung kommt, hat man es irgendwann satt. D. h. man hört mit einer nachberuflichen Lieblingstätigkeit auf, wenn es im Umfeld immer wieder hapert und es an konstruktiven sozialen Beziehungen mangelt.

Der Gesundheitszustand mit 65 ist wahrscheinlich auch nicht zu unterschätzen, oder?

Nein! Und das hat uns wirklich überrascht. Wenn man engagiert ist, spielen Krankheiten und Beeinträchtigungen eine ganz andere Rolle. Ein leidenschaftlicher Arbeitseinsatz im Alter erhält gesund. Und wenn es trotzdem mal irgendwo weh tut, konzentriert man sich auf anderes, Wesentlicheres und der Gesundungsprozess verläuft schneller.

Viele machen nach 65 Care-Arbeit, sei es in der Enkelbetreuung oder der Begleitung ihrer eigenen hochbetagten Eltern. Haben die tätigen Pensionierten dafür keine Zeit?

Nein, auch dafür nehmen sie sich Zeit, weil sie meistens gut organisiert sind. Ich unterscheide grundsätzlich zwischen Tätigkeiten und Aktivitäten. Alle tun ja irgendwas, die Agenda ist voll, aber es ist ein Unterschied, ob man mit Selbstsorge seine Zeit füllt (=Aktivität) oder etwas auch für Dritte Bedeutsames schafft (=Tätigkeit). Care-Arbeit ist auch meistens erfüllend und die gehört zum sozialen Wesen Mensch, auch wenn man sonst noch viel zu bewirken hat.

Eine erfüllende Tätigkeit über das Rentenalter hinaus scheint sehr attraktiv. Warum gelingt dies vielen nicht?

Wer sich schon früh neben Ausbildung und Beruf freiwillig engagiert, lernt viel durch die ausserberufliche Erfahrung, durch sogenanntes a-didaktisches Lernen, durch Ausprobieren, durch kreatives Problemlösen in sozialen Zusammenhängen – gemeinsam mit andern. Zum Beispiel bei Pfadfindern, in Sportclubs, einem Chor, im Berufsverband oder im politischen Amt. So wird ein Engagement über die Pensionierung hinaus selbstverständlicher. Vermutlich steckt der traditionelle Dreitakt Ausbildung/Arbeit/ Ruhestand noch vielen tief im Kopf und sie glauben, dass individuelle «Freiheit» in späteren Jahren glücklich macht.

Wenn man im Alter erlebt, dass ganz ohne Bedeutung ist, was man individuell in aller Freiheit und ohne sozialen Bezug tut, kann das schnell zu Kompetenzabbau und in Depressivität und andere Krankheiten führen. Steigender Medikamentenkonsum oder Alkoholismus können die Folge sein. Deswegen ist es klug, die Lebensphase bis 80, 85 beizeiten ins Auge zu fassen und Engagements zu erproben, beispielsweise dann, wenn die Kinder ausgeflogen sind und man noch einige Berufsjahre vor sich hat. Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zu gesunder Langlebigkeit sind da unmissverständlich.

Elisabeth Michel-Alder ist Sozialwissenschaftlerin und führt seit gut 30 Jahren eine Unternehmensberatung in Zürich. Kompetenzschwerpunkte sind Systementwicklung, Weiterbildung, Personalförderung und Coaching/Mentoring. Als Mitbegründerin des Netzwerkes «Spurenwechseln» und Bloggerin setzt sie seit Jahren Impulse für Erwerbsarbeit in einem langen Leben, Dynamik in der zweiten Berufsweghälfte und die Neugestaltung von Lebensentwürfen. (Foto: bs)

Literatur: Elisabeth Michel-Alder: Länger leben – anders arbeiten. Erwerbstätige im demographischen und digitalen Wandel. Zürich 2018. ISBN: 978-3-280-05675-2

Link: https://neuesalter.ch/neues-wissen/erkenntnisse/

Titelbild: Elisabeth Michel-Alder in ihrem Büro (Foto bs)

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