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Altersmedizin: abseits statt mittendrin

Die Klinik für Altersmedizin am Universitätsspital Zürich schliesst. Was auf Anhieb kaum zu glauben ist, ist bittere Realität. Es ist das Verdienst von Susanne Anderegg, der kompetenten und stets gut informierten Journalistin des Tagesanzeigers für die Gesundheitspolitik, welche die entsprechende Pressemitteilung des Unispitals hinterfragte, mit Fakten anreicherte und im Tagesanzeiger am 20. Juli 2023 publizierte. So legt sie dar, was dringend einer öffentlichen Diskussion bedarf. Nur: Es gibt sie nicht, zumindest nicht öffentlich, wahrscheinlich nur im Hintergrund.

Wie aus ihrem Bericht hervorgeht, stehen sich zwei «Gesundheits-Strategien» einander gegenüber: Heike Bischoff-Ferrari, die zuständige Professorin für Geriatrie und Altersforschung, will die Altersmedizin im Universitätsbetrieb verankern, sie soll in ihrer Konsequenz zur hoch spezialisierten Medizin gehören. Der Spitalrat der Uni-Klinik argumentiert dagegen: Er wolle die Position des Universitätsspitals als «Plattform für hoch spezialisierte Medizin» schärfen und deshalb die Altersmedizin ausgliedern. Seltsam.

Der wahre Grund ist tatsächlich ein anderer: der Platzmangel. Auf dem Campus im Hochschulzentrum mitten in der Stadt Zürich sei eine «bedarfsgerechte Erweiterung der Altersmedizin nicht möglich», schreibt er. Die bauliche Gesamterneuerung in Etappen zwinge die Spitalleitung dazu, Betten abzubauen. Und es ist tatsächlich ein gigantisches Unterfangen, das Universitätsspital total zu erneuern und gleichzeitig sicherzustellen, dass es während des Umbaus gleichwohl auf hohem Niveau funktioniert. Jetzt hat Heike Bischoff-Ferrari ganz ans Stadtspital Waid samt ihrem Lehrstuhl zu wechseln:»Die Altersmedizin inklusive Lehrstuhl soll dort konzentriert werden.» Abseits statt mittendrin.

Tatsächlich hat sich das Waid-Spital unter der Leitung der bisherigen Chefärzte Dr. Daniel Grob und später Dr. Roland Kunz sehr gut als Geriatrie-Spital etabliert, sich einen sehr guten Ruf erarbeitet. Das ist gut so. Gleichwohl ist es weiterhin sehr wichtig, dass die Altersmedizin auch künftig in die hochspezialisierte Medizin als Teil der Geriatrie eingegliedert bleibt. Der Spitalrat spricht von verstärkten Kooperationen. Es geht aber vielmehr um die Koordination der Leistungen. Gerade im Alter sind es oft eine Reihe weiterer gesundheitlicher Probleme, die zusammenkommen können: Arthrosen in den Gliedern, im Rücken, in den Schultern, in den Knien, Herzschwäche, Demenz, Diabetes, Depressionen. So gibt es ganz komplexe Krankheitsbilder, die verschiedene Spezialisten vor Ort erfordern. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie wertvoll es sein kann, wenn hochspezialisierte Ärzte gemeinsam einen Fall beurteilen, mit dem Patienten zusammen das weitere Vorgehen beraten, absprechen und in die richtigen Bahnen lenken. Das gilt auch für danach, wenn es um Nachbehandlungen wie Physiotherapien, Rehabilitationsmassnahmen geht. Susanne Anderegg schreibt: «Die Medizin von heute fokussiert stark auf eine einzelne Erkrankung. Werden die Grunderkrankungen von Anfang an in die Akutbehandlung einbezogen, kommen die Patientinnen und Patienten rascher wieder auf die Beine». Wie Recht sie hat!

Unser Gesundheitswesen ist tatsächlich äusserst komplex, aber auf einem hohen Niveau, hat aber auch seinen Preis: über 84 Milliarden Franken im Jahr. Nicht verwunderlich, dass bei Veränderungen, bei Weiterentwicklungen in allen Belangen immer auch nach ökonomischen Grundsätzen gehandelt wird, wie jetzt am Unispital Zürich.

Während des gigantischen Umbaus des Universitätsspital Zürich sind wohl vorübergehende Sonderlösungen unausweichlich. Deswegen eherne Grundsätze über Bord zu werfen und mit vordergründigen Argumenten zu rechtfertigen, ist nicht im Sinne einer zukünftigen und vor allen ganzheitlichen Medizin, auch der Altersmedizin.

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4 Kommentare

  1. Altersmedizin ist kein alleiniges Problem des Kantons Zürich, sondern betrifft die ganze Schweiz. Obwohl die Menschen immer älter werden, 100-Jährige sind heute keine Seltenheit mehr und es werden in Zukunft immer mehr sein, wird die Altersmedizin sträflich vernachlässigt. Neben der Altersforschung an Universitäten braucht es m.E. viel mehr Allgemeinärzte und Hausärztinnen mit fundiertem Wissen der Altersmedizin.
    Krankheiten, die naturgemäss im Alter häufig gleichzeitig bestehen, könnten mit besserem geriatrischem Wissen früh erkannt, die Behandlung sublimiert und ganzheitlich angegangen werden. Was ich als Patientin in einer Grosspraxis seit Jahren und bei wechselnden jungen Hausärztinnen erlebe ist, dass weder die erforderliche Zeit noch das nötige Wissen und das Verständnis für die Bedürfnisse betagter Menschen vorhanden ist. Auf meine Beschwerden wird oft hilfslos reagiert und vielfach wird einfach an Spezialisten verwiesen, was unnötige Mehrkosten verursacht und die Kostenspirale weiter in die Höhe treibt.
    Spitzenmedizin und Spezialistentum haben wir genug, was wir dringend benötigen ist eine gut funktionierende und breit in der Bevölkerung vernetzte und erweiterte Hausarztmedizin, die für alle unkompliziert und niederschwellig erreichbar ist. Von den Skandinavischen Ländern könnten wir punkto medizinische Versorgung der Bevölkerung noch einiges lernen.

  2. Mir persönlich wäre es sehr wichtig, wenn «Altersmedizin» weniger an den Chronischen Krankhriten verdienen würde und stattdessen mehr Prävention mit den alternden Patienten machen würde. Aufklärung statt Pillen uns Salben (Diese nottfalls natürlich auch).
    Die Ursachen von Chronischen Krankheiten aufdecken und hier eingreifen und vorbeugen. Damit die Symptom-Behandlungen in dem Bereich weniger werden. Das Wissen um die Ursachen ist zT schon in der Forschung vorhanden und wird laufend erweitert. Umsetzen tut Not. Allerdings würde das deutliche finanzielle Verluste mit sich bringen. Speziell für die Pharmaindustrie.

    • Da bin ich ganz bei Ihnen Frau Güttinger. Die Antwort, warum das Wissen und die Ursachenbekämpfung von Alterskrankheiten nur zögerlich umgesetzt wird, haben Sie bereits selber gegeben. Es geht um die mächtige Pharmaindustrie und deren unverschämte Gewinne. Wir haben ein krankes «Gesundheitssystem», das völlig aus dem Ruder und in eine falsche Richtung läuft. Solange wir die Kosten dafür fraglos übernehmen, wird sich nichts ändern, im Gegenteil.

  3. Das Allgemeinwissen über verschiedene Krankheitsursachen ist bei uns gross. Wo es hapert ist beim Anwenden dieses Wissens, da es oft mit Verzicht und Umstellung verbunden ist. Dazu kommen immer mehr Einwanderer mit fremden Mentalitäten, die wenig bis nichts über dieses Thema wissen und wo nötige Aufklärung als Diskriminierung und Einmischung gilt.

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