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Von der Zärtlichkeit des Seins

Mit dem Spielfilm «Past Lives» hat die südkoreanische Regisseurin Celine Song ein Werk geschaffen über eine verpasste und gleichzeitig erfüllte Liebe: Faszinierend, spannend und wahrscheinlich bei vielen die Augen und Herzen öffnend. Ab 17. August im Kino.

Wahrscheinlich kennen wir das alle: Eine Person aus der Kindheit oder Jugend, die man nicht vergessen kann. Man hat zwar seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihr, denkt aber immer wieder an sie zurück. Vielleicht liegt das daran, dass man sich an seine erste Liebe im Sandkasten und jene Zeit erinnert, weil damals vieles noch leicht und unbeschwert war und man das Leben noch nicht in seiner ganzen Schwere erlebte. Von einem solchen Paar, dem Schüler Hae und seiner gleichaltrigen Freundin Na, die einander nicht vergessen können, handelt der Film «Past Lives – In einem anderen Leben»: der grossartige Erstling der südkoreanisch kanadischen Dramatikerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Celine Song über vergangene Leben, das ganze Leben.

PastLives.3.jpgDie ersten Momente der Begegnung

Eine Liebe, die Räume und Zeiten umspannt

Der Film beginnt mit einer kurzen Szene mit zwei Koreanern und einem Amerikaner, die in einer Bar sitzen, über sich und andere plaudern und dabei alles im Offenen lassen. Am Ende kommt der Film zu dieser Situation zurück, nachdem die Beziehungen der drei Personen sich geklärt haben. Anschliessend blicken wir vierundzwanzig Jahre zurück und begegnen dem zwölfjährigen Hae Sung und seiner Klassenkameradin Na Young in Seoul, die eine wunderbare Jugendliebe leben, die jedoch jäh endet, als Nas Eltern nach Toronto auswandern. Zwölf Jahre später findet der junge Mann dank des Internets die junge Frau, die jetzt Nora heisst, wieder. Beide studieren, sie in New York Dramaturgie, er in Seoul, nach dem obligatorischen Militärdienst, Maschinenbau. Sie chatten und skypen miteinander und erleben erneut eine glückliche Zeit. Doch für eine tragende Zukunft scheint es der jungen Frau nicht zu genügen, sie verlangt eine Pause. Und in dieser Zeit lernt er in China eine Frau kennen, sie in Montauk in der Nähe von New York Arthur, den sie heiratet. Wieder zwölf Jahre später trifft Hae Na nochmals bei einem Kurzbesuch in New York, wo sie mit ihrem Ehemann lebt. Beim Wiedersehen flammt ihre tiefe Verbundenheit nochmals auf. Doch jetzt sehen sich die beiden mit Themen wie die Macht des Schicksals, die Vergänglichkeit, ihre aktuelle Partnerschaft und der Aufbau eines neuen Lebens in Amerika konfrontiert.

Die Vorlage für diese bewegende und gleichzeitig beglückende Geschichte ist Celine Songs Autobiografie. Denn auch sie musste als Kind und Freundin eines gleichaltrigen Jungen mit ihren Eltern nach Kanada auswandern und lebt jetzt mit ihrem amerikanischen Partner in New York. Eine Geschichte über ein vergangenes Leben, die nach Songs Meinung verfilmt werden muss. Und sie packte es gleich selbst an und schuf mit dieser Vorlage ihren ersten Film: ein Juwel facettenreicher, sensibler Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen mit all ihren Ober- und Untertönen, Vorder- und Hintergründen.

PastLives.6.jpgHae Sung und Nora in New York

Sich bei ihr und bei ihm einlinken

«Ich sass da zwischen diesen beiden Männern, von denen ich weiss, dass jeder von ihnen mich auf seine ganz eigene Weise liebt, in zwei verschiedenen Sprachen und Kulturen. Und ich war der Grund, warum sie sich miteinander unterhielten», erinnert sich Song, «es fühlte sich fast ein bisschen an wie Science-Fiction. Ich kam mir vor wie ein Medium, das Kulturen, Zeit, Raum und Sprache transzendiert.»

Doch man liegt falsch, wenn man «Past Lives» als neue altbekannte Dreiecksbeziehung interpretiert. Song nahm das Szenario zum Anlass für einen stillen, eindringlichen, unterhaltsamen und meisterhaft gestalteten Film, der etwas emotional Komplexes und existenziell Bewegendes behandelt. Zum Beispiel über die Bedeutung der Teile, die wir verlieren, um der Mensch zu werden, der wir sind. Er erzählt privat und intim, doch gleichzeitig episch und direkt unsern Alltag betreffend. In drei Kapiteln werden Kontinente und Jahrzehnte umspannt und miteinander verbunden. Es entstand in der Form eines klassischen Triptychons eine ansprechende, warmherzige Meditation über die Vielfalt und den Reichtum der Wege und Umwege des Lebens und des Liebens.

PastLives.4.jpgArthur und Nora im East Village

Das Leben als Aufgabe angenommen

«Es geht darum, so seine Botschaft, was es bedeutet, als Person zu existieren, oder wie es ist, das Leben zu wählen, das man führt. Was diese Wahrheit für Nora bedeutet, und was passiert, wenn ihr die andere Möglichkeit, sozusagen ihr Phantomleben, auf einmal auf einem Computerbildschirm oder auf der anderen Seite eines Parks entgegenkommt.» Es entwickeln sich Ereignisse, die wir auch in unserem Leben kennen, aber oft vergessen, zu subtilen, innigen, tiefgründigen Worten, Sätzen, diese aber in Schweigen gehüllt sind. «Es ist so ungerecht, dass wir Menschen nur ein Leben haben», sagt Greta Lee, die Darstellerin von Nora, «wir haben nur dieses eine. Das ist hart. Doch noch unfassbarer wäre es für Nora, auch noch ein anderes Leben führen zu müssen. Die Wahrheit ist, dass sie das nicht kann.» Die Tragödie dieser Geschichte ist seine treibende Kraft: Denn wenn man sich für ein Leben entscheidet, verliert man ein anderes. «Ich denke, dass man einen Teil von sich selbst an dem Ort zurücklässt, den man verlässt», meint die Regisseurin. Und ihre Mutter ergänzt: «Wenn man etwas zurücklässt, gibt es Platz für Neues.» Es ist eine eigentümliche, unbeschreiblich menschliche Wahrheit, die Celine Song in zärtlicher und bewegender Form und mit emotionalem Scharfsinn ausstrahlt, in Szene gesetzt von Shabier Kirchner mit seinen grossartigen Bildern, Keith Fraase mit der klugen Montage und von Christopher Bear und Daniel Rossen mit der bewegenden Musik.

PastLives.5.jpgNora, Thomas und Hae Sung

In-Yun: über Sprachen und Kulturen hinweg verbunden

Nähere ich mich «Past Lives» als gewöhnlicher Konsument oder gewöhnliche Konsumentin des Mainstreamkinos, dann geschieht in diesem Film wenig bis nichts. Doch nähere ich mich ihm und lasse ich mich in diese Welt hineinfallen, nehme die Bilder und Töne wahr, dann wird der Film unendlich reich. Und es bleibt einem nur noch das Staunen. Celine Song bindet die zwischenmenschlichen Beziehungen der drei Menschen in Worten, Sätzen, Gesten und Mimik noch in etwas Umfassendes, nämlich die Überzeugung des «In-Yun». Dieser Begriff, der im Koreanischen, vom Buddhismus beeinflusst, das Konzept bezeichnet, das eine Fügung, eine schicksalhafte Begegnung mit einem Menschen meint, den man aus einem vergangenen Leben schon kennt und über Tausende von Wiedergeburten eine tiefe Verbindung aufgebaut hat. Von diesen Verbindungen, den Wegen des Schicksals, des Lebens, das vielleicht auch anders hätte verlaufen können, wenn es Jahre vorher eine Winzigkeit anders gewesen wäre, wir jetzt mit einer anderen Person zusammen wären.

Der Film erzählt seine Geschichte in der Sprache reiner Poesie, die wir in Prosa sozusagen schon in unserem Alltag kennen. Celine Song referiert keine Regeln und Normen, sondern erzählt mit Bildern und Tönen über Beziehungen. «Past Lives» handelt, so verstehe ich den Film, vom Zwischenmenschlichen, dem, was den Menschen erst zum Menschen macht. Dass es jedoch auch hier nichts Endgültiges, Abschliessendes gibt, deutet ein Satz an, den Arthur zu Nora sagt: «Du träumst in einer Sprache, die ich nicht verstehe.» Denn solche Träume in andern Sprachen gibt es noch viele, die uns immer wieder unsicher machen und fragen lassen. In dieser Offenheit endet der Film. Nicht so das Erlebnis, das mit dem Film erst begonnen hat und wie Musik weiterklingt – und unsere Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Zärtlichkeit weckt und stillt, belebt und beglückt.

Regie: Celine Song, Produktion: 2023, Länge: 106, Verleih: Filmcoopi

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