StartseiteMagazinLebensartLeros – kleine Perle in der Ägäis

Leros – kleine Perle in der Ägäis

Leros ist eine Insel, die noch ruhig und nicht sehr touristisch ist. Zeugen ihrer oft leidvollen Geschichte und unerwartet italienische Spuren machen sie zu einer speziellen Insel.

Von Reisen bleiben einem nicht nur Landschaften in Erinnerung. Begegnungen mit Einheimischen können prägend sein: „Er sei nun schon sieben Jahre auf dieser Insel und er hätte es noch nie bereut. Hier zu leben sei kein Vergleich zum stressigen Athen, wo er aufwuchs“. Das sagt der Coiffeur, der mir einen Haarschnitt von einem Millimeter verpasst. „Kein Stress, freundliche Menschen und nicht zu viele Touristen, die alles verstopfen“, meint er weiter. Damit zählt er einige Vorteile seiner Insel auf.

Leros liegt zwischen Kalymnos und Patmos und ist eine der kleineren Inseln des Dodekanes

Ja, es stimmt – Leros ist für eine griechische Insel in mancher Hinsicht ungewöhnlich. Hier ist der Bus unser bevorzugtes Reisemittel. Zwei Frauen singen frohgestimmt die Lieder aus dem Radio mit. An einer anderen Stelle biegt der Bus unvermittelt auf die Gegenfahrbahn, hält auf dem Vorplatz eines Restaurants. Der Fahrer steigt mit einer Plastiktasche voller Fische aus und übergibt sie dem Koch, der ihn bereits erwartet. Frischer Fisch mit dem Inselbus – Alltag in Leros!

Am Strande von Alinda geht es beschaulich zu und her.

Weiter mit Busgeschichten voll von griechischem Ferienflair. Am zweiten Abend kommt der Bus nicht. Es ist der letzte und wir stehen am richtigen Ort zur passenden Zeit. Mit uns einige Einheimische. Auf unsere Nachfrage antwortet jemand: „Vermutlich ist er mit dem Lohn nicht einverstanden und hat beschlossen, früher Feierabend zu machen». Wenn es nicht wahr ist, so ist es gut erfunden. Die kleine Episode zeigt den entspannten Umgang mit alltäglichen Problemen. Und zur Ehrenrettung die Geschichte mit Stavros, dem jovialen Chauffeur. Der Bus hat zwei Hupen. Er braucht nur die kleine. Jeder Bekannte auf der Strasse wird mit einem kurzen Signal begrüsst und mir scheint, hinter jeder Ecke warnt er eine Katze oder einen Hund. So ist eine Busfahrt mit ihm voll von Tingeltangel. Bei jedem Ausstieg bedanken wir uns. Das wird sich noch lohnen. Meine Frau hat den Sonnenhut im Bus vergessen. Am nächsten Tag überreicht ihr Stavros den Hut und dazu eine Rose – mit einem charmanten Gruss.

Blick von Alinda auf Agia Marina und den Burgberg.

Das Hauptstädtchen liegt zwischen zwei Hügeln. Auf dem einen liegt die Burg. Der Aufstieg zum Kastro beginnt in der Platia, dem zentralen Platz, von Platanos, zuerst noch im Schatten der engen Gassen. Bei einer Abzweigung im menschenleeren Quartier ist der Weg nach links von mannshohen Disteln gesperrt. Es ist also klar wie’s im Gewirr weiter geht: Steile Stufen führen nun aus den Häusern heraus.

Blick auf das Hauptstädtchen. Zwei Häfen, Agia Marina und Pandeli, flankieren Platanos.

Prachtvoll der Panoramablick auf dem Weg nach oben. Nach knapp einer halben Stunde mündet der steile Plattenweg auf eine schmale Fahrstrasse, auf der schon ein Bus parkiert. Vor mir also schon eine Horde von Touristen, welche die Kapelle ausfüllen und die morgendliche Stille des Ortes stören wird.

Blick vom Kastro

So streife ich zuerst in der gewaltigen Festung herum, im Gemäuer der alten Johanniterburg. In der Kapelle wird eine mehr als tausend Jahre alte Marien-Ikone verehrt, nahezu vollständig von Silberoklad umrahmt. Die Gründunglegende erzählt, das Bild sei vom Meer her ans Land gespült worden, habe den Weg auf die Festung gefunden und sei umrahmt von brennenden Kerzen von einem Ritter im Pulvermagazin gefunden worden. Man entfernte die Ikone sorgfältig und brachte sie in die Stadtkirche. Sie kehrte aber nachts wieder ins Pulvermagazin zurück. Somit war klar, wo sie bleiben wollte. Wegen der vielen Kerzen im Pulvermagazin – das war das eigentliche Wunder – wurde für die Ikone diese Kapelle gebaut.

Bouzouki-Spieler in traditioneller griechisch-türkischer Tracht

Einen Beleg für eine zweite Besonderheit der Insel erleben wir im Taxi. Constantino spricht italienisch, gelernt von der Grossmutter, welcher die Sprache der Besatzer in der Schule aufgezwungen wurde und von zwei Cousins aus Mailand, wenn sie jährlich zur Verwandtschaft in die Ferien kommen.

Das von den Italienern erbaute Kino im heutigen Lakki.

In der Tat findet sich auf Leros eine italienische Stadt, entworfen auf dem Reissbrett. Die Italiener verleibten sich den Dodekanes im Jahr 1912 ein. Mussolini machte Leros zur Basis für seine imperialen Ambitionen. Ein riesiger Marinekomplex wurde gebaut und eine neue Hauptstadt, Portolago, entstand auf einem von Moskitos verseuchten Sumpf. Diese Modellstadt ist eines der besten Beispiele der sogenannten rationalistischen Architektur außerhalb Italiens und ist auch hundert Jahre später noch weitgehend intakt. Die breiten Boulevards, die großen Villen für die Offiziere, die Wohnblocks für die unteren Ränge und die Markthalle sind immer noch da.

Unüblich in Griechenland: weite Plätze und breite Strassen statt enge Gassen.

Die Stadt, die nach dem Krieg in Lakki umbenannt wurde, war jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben. Nun aber haben die Inselbewohner sie neu schätzen gelernt und sie erwacht wieder zum Leben.

Über Jahrzehnte war die Insel ein Ort der Verbannung. Heute erinnert kaum mehr etwas an die düstere Geschichte. Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Die ehemalige Militärkaserne war während der griechischen Militärdiktatur ein berüchtigtes Gefängnis für politische Gefangene, viele davon waren Künstler und Künstlerinnen. Später wurde sie eine berüchtigte Nervenheilanstalt. Diese Einrichtungen gaben den Inselbewohnern Arbeit, so dass der Tourismus nicht so wichtig war. Das erklärt unter anderem auch, warum Leros sich nicht so entwickelt hat und nicht so bekannt ist wie andere Inseln in der Ägäis.

Kleine Kapellen sind häufig einsame und idyllisch gelegene Wanderziele.

Die nur 54 Quadratkilometer grosse Insel bietet Möglichkeiten für schöne Wanderungen. Einer der interessantesten Orte ist die kleine Kapelle Panagia Kavouradena oder Krabbenmadonna in Xirokambos an der Südküste an einem vom Massentourismus noch verschonten Strand.

Titelbild: Alte Mühle im Meer – Blick aus der Fischtaverne Mylos in Agia Marina.

Bilder: © Justin Koller

Tips für Reiselustige nach Leros

Hier finden Sie die anderen Beiträge zu Inseln des Dodekanes:

Nisyros: Gotteshäuser und Teufelsküche
Kalymnos: Klettern und Kultur
Kastellorizo: Vom Krieg gebeutelt

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