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Die vom Krieg gebeutelte Insel

Das kleine Kastellorizo ist die östlichste Insel des Dodekanes, bewacht von einem Kanonenboot der griechischen Marine, die Türkei scheint zum Greifen nah. Der Gastfreundschaft tut das keinen Abbruch.

Die Ankunft mit der Fähre ist spektakulär. Wir kamen am Abend an, rund um den Hafen leuchteten die Lichter, weit oben am Felsen wurde eine aufgemalte griechische Fahne angeleuchtet. Ein grosses Fährschiff muss manövrieren können, um mit dem Heck anlegen zu können. Alle grösseren griechischen Fährschiffe haben einen riesigen Laderaum, wo Lastwagen, andere Fahrzeuge und auch Lasten befördert werden. So sieht man bei der Abfahrt Transportautos aufs Schiff fahren und nach einiger Zeit wieder zurückfahren, denn sie haben nur Transportgut eingeladen, das bei einem kommenden Schiffshalt von einem anderen Fahrzeug abgeholt wird. Zuschauen ist ein spannender Zeitvertreib, bis die Fähre ablegt.

Blick von den Ruinen der mittelalterlichen Johanniterfestung auf Megisti. Wo heute grünes Gebüsch ist – vorne links im Bild -, waren früher Häuser. (Foto mp)

Am Morgen bei Sonnenlicht erstrahlten die Häuser um den Hafen und am Hang – sie erinnerten mich an die Holzhäuschen, mit denen ich als Kind gespielt hatte. Während die Häuser auf Tilos vorwiegend als weisse Quader, eventuell mit etwas Blau, gebaut werden, sind es in Kastellorizo farbige Häuser mit roten Dächern, die den Charakter des einzigen Ortes auf der Insel bestimmen. Gross scheint Megisti, dies der amtliche Name der Gemeinde, nicht zu sein. Als ich Dirk vorlas, dass im Jahre 1910 Kastellorizo 15’000 Einwohnerinnen und Einwohner – Seefahrer, Händler und Fischer – zählte, konnte er es nicht glauben.

Wappen von Kastellorizo: Anker, Kreuz und ein Herz – für die Liebe der Insulaner zu ihrer Heimat. – Man sieht das Wappen an allen Ecken. (Foto DS)

Das hängt mit der wechselvollen Geschichte dieser und anderer Inseln im 20. Jahrhundert zusammen. Als das Osmanische Reich nach dem 1. Weltkrieg unterging, besetzte Italien diese Insel. Die Insulaner fühlten sich jedoch als Griechen. Viele wanderten schon in den folgenden Jahren aus. Während des 2. Weltkriegs wechselte Mussolini die Seiten. Nun bombte Nazideutschland den Ort, so dass vieles zerstört wurde. Anschliessend kamen Plünderer, und ein Feuer zerstörte noch mehr. Eine traurige Geschichte, von der Reisende nicht viel bemerken, wenn sie nicht mit Einheimischen oder mit anderen Reisenden ins Gespräch kommen.

Eine Erinnerung an frühere Zeiten und unten noch einmal das Wappen  (Foto mp)

Die Ausgewanderten hatten nämlich in England, aber auch im fernen Australien Vereinigungen gegründet und pflegten dort ihren Zusammenhalt – und besuchen regelmässig ihre Heimatinsel. Dirk war mit einem älteren Australier ins Gespräch gekommen, wunderte sich aber, dass er gewisse Ausdrücke noch nie gehört hatte und nicht verstand. Als er einer Griechin im Hotel davon erzählte, erklärte sie ihm, dass diese «Rückkehrer» noch ein altes Griechisch sprechen, was heute kein Grieche mehr benutzt.

Wir trafen auch Michalis und Eleni aus Australien, die ein Haus auf Kastellorizo besitzen und jeweils ein halbes Jahr in Australien und ein halbes Jahr auf der Insel verbringen.

Nun versteht man auch, weshalb diese kleine Insel einen Flughafen hat, der nicht täglich, aber regelmässig angeflogen wird – wenn nicht gerade ein Sturm übers Meer fegt. Das geschah eines Tages. Der Flug wurde abgesagt, die Leute mussten auf die Fähre warten, die mit Verspätung erst um 23 Uhr fuhr. Sie kamen in Rhodos um 4 Uhr morgens an, erzählten sie mir, als ich ihnen in Rhodos zufällig begegnete.

Manche Gebäude sind restauriert, andere ein wenig oder gar nicht (Foto mp)

Der Gastfreundschaft der Menschen auf Kastellorizo tun diese erschwerten Lebensbedingungen keinen Abbruch, im Gegenteil. Sobald wir einmal Kontakt gehabt hatten, wurden wir stets begrüsst und hätten unzählige griechische Kaffees trinken können. Wie auf Tilos sind nicht allzu viele Touristinnen und Touristen unterwegs – die Freundlichkeit und die Freude an einem Schwatz springt von den Einheimischen auf die Besucherinnen und Besucher über.

Blick von der «Seglermeile» zur Ausfahrt des Hafens und auf türkische Berge im Norden. (Foto mp)

Die einzige Fussgängerpromenade – eng, also autofrei – umgibt das runde, natürliche Hafenbecken. Da erfahre ich einiges, was ich bisher nur theoretisch über Luxusyachten wusste. Ein deutsches Ehepaar auf einer grossen, gut ausgerüsteten Segelyacht erzählte uns, dass sie durchs Mittelmeer segeln wollten. Sie hatten ihr Schiff im türkischen Marmaris überwintert und segelten nun nach Zypern. Der oben erwähnte Sturm, der für den kommenden Tag angesagt war, machte ihnen Sorgen, deshalb planten sie, bald abzulegen. Die Luxusyachten mochten sie gar nicht, die würden nur die Liegegebühren in den Häfen in die Höhe treiben.

Blick auf einen Teil der historischen Schulgebäude (Foto mp)

Auf die jahrtausendealte Geschichte von Kastellorizo sind die Insulaner stolz. So klein die Insel ist, so viele Reminiszenzen an frühere Ereignisse findet man. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein solcher Ort seit dem 19. Jahrhundert eine vergleichsweise grosse Schule besitzt, für Buben und für Mädchen, für kleine und grössere Kinder. Hier hat wohl auch die griechisch-orthodoxe Kirche mitgewirkt. Jedenfalls wurde eine Kirche genau neben den historischen Schulgebäuden erbaut.

Ebenfalls Teil der Schulanlage, vorne rechts die Büste der «Dame von Ro» (Foto mp)

Davor steht eine Büste für die mutige Despina, die während des 2. Weltkrieges, als die Insel von der türkischen Armee bedroht wurde, jeden Morgen die griechische Fahne hisste – auf der winzigen Nebeninsel Ro. Die Leute auf Kastellorizo schauten jeden Tag, ob Despinas Fahne schon am Fahnenmast flatterte. Despina, die Dame von Ro, lebte noch lange und wird noch heute verehrt. – Bekanntlich dauert der Streit zwischen Griechenland und der Türkei um die Hoheit in diesen Gewässern immer noch an. Das anfangs erwähnte Kanonenboot führte es uns jeden Tag vor Augen.

So eng der Ort scheint, spazieren gehen kann man sehr schön, immer am oder über dem Meer bis in die nächste kleine, stille Bucht. Und wir kletterten 400 anstrengende Stufen hoch, ungleich in Form und Höhe, zu einer Hochebene, wo wir Spuren von Landwirtschaft – und Ziegen entdeckten.

Dirk lief auf einigermassen ebenem Gelände weiter zu einer Kirche mit Kloster. Auch dieses wird vielleicht nicht mehr regelmässig bewohnt. Dann ging es durch ein Pinienwäldchen auf einem steinigen Weg zurück, und wir genossen das leise Plätschern des Meeres vor der Terrasse unseres Hotels.

Zuvor hatten wir einige Tage auf Tilos verbacht.

Titelbild: Blick auf die Nordostseite des Ortes. (Foto mp)

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