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Integrierte Angebotsplanung im Alter

Letzthin fand in St. Gallen die 5. Kantonale Tagung «Kooperation Alter» statt, organisiert von der Vereinigung St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten, der «Fachstelle Gesundheit im Alter» des Gesundheitsdepartements und der «Fachstelle Alter» des Departements des Innern. Seniorweb war dabei.

Thema war die «Integrierte Angebotsplanung im Alter». In einer Zeit des langen Lebens kann die Vulnerabilität vor allem gegen Ende des Lebens zunehmen und nicht selten leidet man irgendwann unter Multimorbidität, also daran, dass man gleichzeitig an mehreren Krankheiten leidet. Da braucht es die «Zusammenarbeit aller Leistungs-erbringenden», die da möglicherweise sind: Ärzte und Ärztinnen; Apotheker und Apothekerinnen; Chiropraktoren und Chiropraktorinnen; Personen, die auf Anordnung oder im Auftrag eines Arztes oder einer Ärztin Leistungen erbringen, und Organisationen, die solche Personen beschäftigen; Laboratorien; Abgabestellen für Mittel und Gegenstände, die der Untersuchung oder Behandlung dienen; Spitäler; Pflegeheime; Heilbäder; Transport- und Rettungsunternehmen; Einrichtungen, die der ambulanten Krankenpflege durch Ärzte und Ärztinnen dienen (vgl. Art.35 des KVG, in Kraft seit 1. Januar 2022). Gemäss der Krankenpflegeleistungsverordnung (KLV, Stand 1. Juli 2023) kommen dazu psychotherapeutische und komplementärmedizinische Leistungen, Physiotherapie, Ergotherapie, ambulante Pflege und Übergangspflege.

Wer ist wann wofür zuständig?

Eine Integrierte Angebotsgestaltung versucht, die verschiedenen Unterstützungssysteme bestmöglich miteinander zu koordinieren. Wann braucht es Betreuung durch Angehörige, Fahrdienst, Mahlzeitendienst, medizinische, psychiatrische oder palliative Spitex, Altersheim, betreutes Wohnen, Pflegeheim, Spital, Hospiz? Und wie weiss eine mehr oder weniger stark beeinträchtigte Person, wie wissen betreuende Angehörige, wer in einer bestimmten Situation am besten helfen kann und wie die Unterstützungsleistungen so koordiniert werden, so dass eine möglichst hohe Lebensqualität der erkrankten Person erreicht werden kann?

Alle geben sich Mühe!

Selbstverständlich geben sich erkrankte Personen alle erdenkliche Mühe, möglichst wieder gesund zu werden oder bei chronischen unheilbaren Krankheiten möglichst selbstbestimmt zu leben, Hilfe bei Bedarf anzunehmen und andern nicht zur Last zu fallen.

Selbstverständlich geben sich liebende Angehörige, Freunde und Nachbarn Mühe, Leidende zu betreuen und zu begleiten.

Selbstverständlich versuchen die «Leistungserbringenden» das Leiden zu lindern, bestmöglich zur Heilung beizutragen und miteinander zum Wohle der Leidenden zusammenzuarbeiten.

Alle gaben sich Mühe!

Selbstverständlich gaben im Plenum an der 5. Kantonalen Tagung «Kooperation Alter» alle ihr Bestes, sei es in Diskussionsbeträgen oder in Referaten: politische Vertretungen aus dem Regierungsrat (RR Bucher, RR Damann), aus den Gemeinden (Rolf Huber, Mathias Müller) und erfahrene Fachpersonen (Jürgen Stremlow, Simon Stocker, Eric Schirrmann, Josef Huber, René Chastonay, Christoph Zoller, Karolina Staniszewski und Matthias Mitterlechner).

In Praxisbeispielen wurden Technikanwendungen beim Wohnen im Alter vorgeführt, die Verbindung von ambulanter, intermediärer und stationärer Pflege und Betreuung am Beispiel der cura unita glarus demonstriert, die Anlauf- und Beratungsstelle «Leben im Alter Sarganserland» (LiAS) skizziert und Inputs für die Umsetzung des Zielbildes der Integrierten Versorgung im Kanton St. Gallen gegeben. Gemeinden wurden schliesslich ermuntert, Massnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention im Alter anzubieten. Zeichnerischer Abschluss mit Cartoonist Crazy David (© Amt für Gesundheitsvorsorge, Kanton St. Gallen)

Offene Fragen von Älteren

Trotz der reichhaltigen Inputs und Anregungen an der Tagung wurden viele Fragen, die unter den Nägeln brennen, nicht mal gestellt. Deshalb seien einige davon hier aufgeworfen:

  1. Die sogenannten «Leistungserbringer» im Gesundheitswesen sind diejenigen, die für ihre professionell erbrachten Leistungen bezahlt werden und oft unter einem Zeitdiktat stehen. Demgegenüber suchen Menschen, die schon lange schwer krank sind, oft einfach nur einen lieben Menschen, der da ist, erzählt, begleitet, schweigt, unterhält, lacht und mit einem die Zeit, einen schönen Moment verbringt. Wie kann eine Lebensqualität ausserhalb des Leistungsprinzips gefördert werden, beim Geniessen von Nähe, Musik, schönen Worten und schweigendem Verstehen und sanfter Berührung? Was tun, wenn die liebende Begleitung fehlt? Wie kann sich der leidende Mensch vor den «Leistungserbringenden» schützen, wenn er schlicht und einfach in Ruhe gelassen sein möchte?… Was bringen die denn schon wieder zu essen???
  2. Wann wird der Begriff der «Leistungserbringer» endlich aus dem Verkehr gezogen, wenn damit nur jene gemeint sind, die im Gesundheitswesen Geld verdienen. «Leisten» die Unbezahlten nicht auch unendlich viel, allen voran die Erkrankten selbst, dann die An- und Zugehörigen?
  3. Wie können Fehlanreize im Gesundheitswesen minimiert werden, so dass es nicht zu Fehlbehandlungen, Überaktivität durch die «Leistungserbringer», Übermedikation und Abzockereien kommt?
  4. Wie kann Know How der Professionell Pflegenden besser an nicht professionell pflegende und betreuende Angehörige übertragen werden? Wie können Professionelle nicht Professionelle besser coachen?
  5. Wie können Angehörige von schwerkranken Menschen besser entlastet werden?
  6. Wie kann eine möglichst hohe Lebensqualität von schwerkranken Menschen erhalten werden durch eine möglichst optimale Zusammenarbeit zwischen erkrankten Personen einerseits, und gesunden professionellen und nichtprofessionellen unterstützenden Kräften anderseits?
  7. Wann orientieren sich bei Multimorbidität im Alter die Spezialisten endlich am funktionalen Gesundheitsbegriff, wonach es nicht darum geht, mit der Spezialistenbrille herumzudökterlen, bis ein Organ wieder vollständig funktioniert, sondern mit ganzheitlichem Blick eine möglichst hohe Lebensqualität trotz Beeinträchtigungen da und dort anzustreben?
  8. Wann haben Patientinnen und Patienten endlich ein elektronisches Patientendossier in der Hand, an dem sie oder ihre beauftragten Angehörigen überprüfen können, ob all die medizinischen Handlungen überhaupt sinnvoll sind? Man könnte dann beispielsweise gezielt nachfragen, ob es Sinn macht, so viele Medikamente, verschrieben von verschiedenen Spezialisten, zu schlucken…die sich zueinander vielleicht gar nicht so gut vertragen…
  9. Wie kann das Gesundheitswesen gesunden?
  10. Ihre Frage zur integrierten Gesundheitsplanung???

Empfehlungen an beeinträchtigte Ältere

Ältere tun gut daran, möglichst selbstbestimmt oder mithilfe von Angehörigen alles zu tun, um möglichst lange eine hohe Lebensqualität zu erhalten und auf gute Ernährung, Bewegung, schöne soziale Beziehungen und sinnvolle Tätigkeiten zu achten. Ebenfalls lohnt es sich, bei Krankheiten sich nicht zum Objekt medizinischer Handlungen degradieren zu lassen, sondern möglichst aktiv mitzuarbeiten am Gesundungsprozess, unter anderem auch dadurch, dass man die angebotenen medizinischen Interventionen kritisch überprüft und verstehen lernt. Schön ist, wenn man sich auch in der eigenen Krankheitsgeschichte immer besser kennenlernt und die eigenen physischen, psychischen und spirituellen Ressourcen möglichst optimal einsetzt, ohne auf wertvolle Unterstützung guter medizinischer Fachkräfte zu verzichten.

Titelbild: Präsentation der Ergebnisse aus dem Open Space © Amt für Gesundheitsvorsorge, Kanton St. Gallen

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