1 KommentarDie Katholische Kirche erneuert sich oder stirbt ab! - Seniorweb Schweiz
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Die Katholische Kirche erneuert sich oder stirbt ab!

Erwin Koller hat im Journal 21 einen brillanten Kommentar zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche verfasst. Verantwortlich seien strukturelle Mängel innerhalb der Kirche, die zu beheben seien. Seniorweb fragt nach.

 

Seniorweb: Erwin Koller, Sie verorten den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in fünf Strukturelementen. Erstens behaupten Sie, die katholische Sexualmoral sei «nicht lebbar und letztlich unmenschlich». Braucht die Katholische Kirche eine neue Sexualmoral? Welche?

Erwin Koller: Ja, die katholische Morallehre hat in Sachen Sexualität gravierende Mängel, das wird unter katholischen Moraltheologen kaum mehr bestritten. Der Körper und damit die Sexualität gehören wesentlich zum Menschen. Der Mensch ist nach katholischer Lehre aber ein Geschöpf Gottes, also ist auch die Sexualität ein Geschenk Gottes. Sie als böse hinzustellen oder gar zu verteufeln, widerspricht somit den Glaubensgrundlagen. Nur wer die Sexualität als grundsätzlich positive Kraft akzeptiert, kann sie auch kultivieren, in Beziehungen leben und als Glück empfinden. Eine positive Einstellung hilft auch, unkontrollierte und für andere Menschen schädliche Auswirkungen sexueller Leidenschaften in den Griff zu bekommen.

Zweitens müsse eine «Heilige Kirche», die das «Reine und Gute» hochhalte, logischerweise sexuelle Verfehlungen von katholischen Würdenträgern als Sünde und Abirrungen Einzelner betrachten. Da diese Verbrechen von Klerikern mit der Idee der Heiligen Kirche nicht vereinbar seien, müssten sie vertuscht, verschwiegen oder beschwichtigt werden. Braucht die katholische Kirche ein neues Kirchenbild?

Sie muss zumindest das Bild von der «heiligen Kirche» zurechtrücken. Denn dieses widerspricht zutiefst dem Eindruck, den die Menschen nach all den Skandalen von der Institution haben. Ich wünsche mir eine fehlerfreundliche Kirche, welche ihre eigenen Fehler anerkennt und Wege sucht, um sie zu überwinden. Und eine Kirche, die Menschen mit ihren Fehlern annimmt und ihnen behilflich ist, einen humanen Umgang mit dem Schatten, der auf jeder Existenz liegt, zu pflegen. Eine Institution, die kriminelle Täter in Schutz nimmt, um selber als heilig dazustehen, ist ein unerträglicher Skandal.

Drittens sei der Zölibat Ausdruck einer sexualfeindlichen Moral: «Nur ein sexuell enthaltsamer Mensch kann ein würdiger Priester sein, ein aus dem Volk Herausgehobener, ein Heilsvermittler, ein Kleriker eben.» Dadurch werde die Kirche geteilt in einen Stand von auserwählten Geistlichen und in einen Stand des gewöhnlichen Volkes, «dessen höchste Tugend der Gehorsam ist», wodurch ein Machtgefälle entstehe, ein «Einfallstor für geistlichen und sexuellen Missbrauch.» Soll der Klerikerstand aufgelöst werden?

Erwin Koller (geb. 1940), Theologe

Ja, ich bin der Meinung, dass die Zwei-Stände-Kirche viel Schaden angerichtet hat. Sogar Papst Franziskus wettert gegen den Klerikalismus und hat in seiner Weihnachtsansprache 2014 den damit verbundenen Erwähltheitskomplex aufs Korn genommen. Einige in der Kurie würden sich für unsterblich, immun und unentbehrlich halten und hätten ein «Herz aus Stein und einen steifen Hals». «Verhaltet euch nicht wie eine geschlossene Gesellschaft. Besucht einen Friedhof und lernt, dass ihr keine unsterblichen Chefs seid». Seine heftige Kritik am Klerikalismus trifft ein Kernproblem des abgehobenen kirchlichen Apparates. Denn die Macht, die damit verbunden ist, ist für Missbrauch jeder Art anfällig.

Diesen Stand abzuschaffen, würde in keiner Weise gegen die biblischen Grundlagen der Kirche verstossen. Denn Jesus hat nach dem Urteil moderner Bibelwissenschaftler keine Kirche gegründet. Er erwartete das baldige Ende der Welt. Das Wort von Petrus, auf dessen Felsen die Kirche gegründet ist, stammt nicht vom historischen Jesus. Folglich ist auch der Klerikerstand keine göttliche Einrichtung. Natürlich können sich die Kirchen mit guten Gründen auf Jesus berufen, solange sie für seine Botschaft einstehen. An diesem Ziel müssen jedoch alle ihre Institutionen und Einrichtungen gemessen werden. Wenn sie nicht mehr zielführend sind, sollen sie durch Besseres ersetzt werden.

Viertens seien Frauen vom priesterlichen Amt ausgeschlossen, da sie zum untergeordneten Stand gehören. Dadurch fehle den Priestern ein Gegenüber auf Augenhöhe, was männerbündlerische Machenschaften fördere. Sollen Frauen gleiche Rechte und gleichen Zugang zu Leitungsfunktionen in der Kirche haben?

Ja was denn sonst! Wir haben zwar als Schweizer auch lange gebraucht, bis wir zu dieser Einsicht kamen. Hochmut ist also nicht angebracht. Aber eine Kirche des 21. Jahrhunderts kann doch nicht hinter den grundlegenden Einsichten der Aufklärung zurückbleiben. Sonst meldet sie sich als relevante Kraft der Geschichte ab und wird zur Sekte. Die Kirchen der Reformation haben diesen Schritt längst vollzogen, wenn auch nicht ohne Erschütterungen. Die Christkatholische Kirche ist ihnen gefolgt. Es ist an der Zeit, dass die katholische Kirche und die Ostkirchen aufwachen. Nicht weil den Kirchen die Priester fehlen – das ist ein sehr schmerzlicher Nebeneffekt –, sondern weil es unerlässlich ist, dass Frauen in der Kirche jene Würde leben und zum Ausdruck bringen können, die sie von der biblischen Botschaft her haben.

Fünftens seien in «dieser männlichen Hierarchie» die «Mechanismen der Machtkontrolle» ungenügend: «Der Chef gibt sich selbst die Norm des Handelns und ist selbst derjenige, der deren Einhaltung kontrolliert. Abstrakter formuliert: Die ausführende Macht ist zugleich die gesetzgebende und die richterliche Gewalt.» Eine Kontrolle der Gewalten, wie sie in Rechtsstaaten üblich ist, suche man in der Kirche vergebens. Sollen die kirchlichen Machstrukturen sich an der Gewaltenteilung von Rechtsstaaten orientieren, um Machtmissbrauch zu verhindern?

Auch die Gewaltenteilung ist kein Allheilmittel gegen Machtmissbrauch. Aber sie ist ein vernünftiger Ansatz, vor allem wenn sie sich verbindet mit der kritischen Öffentlichkeit der Medien und mit Kriterien einer Good Governance. Es kann doch nicht sein, dass die Führung der katholischen Kirche sich in der schlechten Gesellschaft von Autokraten und totalitären Systemen wiederfindet. Allerdings wird auch diesbezüglich die kirchliche Hierarchie noch über viele Schatten springen müssen und wie eh und je dogmatische Gründe vorschieben. Doch Jesus wird sie nicht auf ihrer Seite haben.

Erwin Koller (geb. 1940) studierte katholische und evangelische Theologie und Publizistikwissenschaft. Von 1979 bis 2002 war er Redaktionsleiter von religiösen, gesellschaftspolitischen und medienkritischen Gesprächssendungen beim Schweizer Fernsehen SRF. 1994 hat er die Sternstunden zu Religion, Philosophie und Kunst gegründet, die immer noch sonntags ausgestrahlt werden. Nach seiner Pensionierung war er Lehrbeauftragter für Medienethik an den Universitäten Freiburg und Zürich.

Link: https://www.journal21.ch/artikel/das-nackte-leben-kommentar-zum-sexuellen-missbrauch-der-kirche

Titelbild: Kirchengewölbe (Foto von Leonhard Niederwimmer auf Pixabay)

Das Interview wurde schriftlich geführt.

 

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1 Kommentar

  1. Etwas heuchlerisches und menschenverachtenderes als das Zölibat in der katholischen Kirche findet man kaum anderswo in männlichen Machtstrukturen. Zum einen wollten die Kirchenmänner wie ihr Vorbild Jesus Christus sein, eines vermeintlich unverheirateten «reinen» Gottesmannes und Gutmenschen. Zum andern waren die katholische und andere Kirchen seit ihren Gründungen frauenfeindlich, ja das Weibliche an sich wurde verteufelt (Hexenverbrennungen). Frauen wurden als Menschen zweiter Klasse gesehen und mussten klein gehalten werden. Die Kirchenmänner sahen im Weiblichen eine Verführung und die natürliche Lust zum Beischlaf mit einer Frau als Gefahr und Schwäche. Die Enthaltsamkeit und die Verteufelung des Weiblichen sollte die Einmaligkeit und Dominanz der Kirchenmänner unterstreichen und bezeugen.

    Die zölibatäre Doktrin der Kirchen hat über Jahrhunderte und bis heute fatale Auswirkungen auf die Gesellschaft. Die Kirche legalisierte und standardisierte nicht nur die Unterdrückung der Frauen, sie erzwang mit diesem sexualfeindlichen Dogma eine Spaltung von Körper und Geist bei vielen Männern der Kirche. Krankhafte Auswüchse unterdrückter oder falsch verstandener Sexualität, wie die Vergewaltigung von anvertrauten Kindern, aber auch der Missbrauch von Frauen die der Kiche nahe standen. Sie mussten die entstandenen Kinder meist im Verborgenen gebären und wurden oft von ihren Familien verstossen.
    Heute werden diese Vorkommnisse von der Öffentlichkeit immer häufiger wahrgenommen und hoffentlich ehrlich aufgearbeitet. Typisch aber auch hier, dass man aktuell fast nur von missbrauchten Kindern redet und das Schicksal der geschändeten Frauen und ihrer Kinder aussen vor lässt. Tatsächlich erleben wir eine gottferne, noch immer von männlichen Werten und Sichtweisen dominierten Welt, was mich zusehends an meinem Glauben an das Gute im Menschen (ver)zweifeln lässt.

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