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Zugänglich für alle, nur nicht fürs Publikum

Keine Hürden, keine Hindernisse, keine Barrieren. Offenbar verstehen Publikum und Theater darunter etwas völlig verschiedenes.

Auf den Preislisten österreichischer Hotels ist zu lesen, dass das Frühstück inkludiert ist. Bis vor einigen Jahren goutierten wir das als hübsches Fremdwort. Jetzt ist Inklusion ein Ausdruck, auf den wir in keiner Debatte verzichten dürfen. Immer mehr Kulturstätten verkünden, dass sie barrierenfrei seien. Tatsächlich ermöglichen viele Theater, Konzertlokale und Museen den Rollstuhlfahrenden ungehinderte Besuche. Manche übersetzen Vorstellungen simultan in Gebärdensprache. Sehr gut.

Inklusion bedeutet überdies, dass alle willkommmen sind, ungeachtet der Hautfabe, der Religion, des wechselnden Geschlechts oder der sexuellen Präferenzen. Nun ist niemand dagegen, dass Kulturstätten für alle zugänglich sind. Doch die aktuelle Diskussion um die Diversität ist angriffiger. Rassismus, geschlechtliche Identität und Gleichstellung sollen thematisiert und in die Programmierung einfliessen.

Ein Grossteil des Publikums hat allerdings ganz andere Bedürfnisse. Die Besuchenden wollen vor allem verständliche Stücke, verständliche Inszenierungen, verständliche Informationen. Vielen Institutionen liegen dagegen Diversität, Wokeness und Inklusion mehr am Herzen als die Vorlieben des Publikums. Der Verfasser schaut in Bern und in Zürich genauer hin.

Der Berner Theaterbär schwurbelt

Im Berner Stadttheater zeigt das Ballettensemble «Anatomy of Emotions». Die Bühne informiert über das Tanzstück mit dem folgenden Text:

Gefühle sind vielschichtig … Sie können unsichtbar und verborgen bleiben oder ihren Ausdruck im Körperlich- Expressiven finden. Der Schnittpunkt zwischen innerer Emotion und äusserem Affekt ist im Tanz besonders wichtig: Die Bewegtheit löst eine Bewegung aus und manifestiert sich durch den Körper in Raum und Zeit.
Kapiert? Tanzstücke in Worte fassen, ist schwierig. Aber muss es denn gleich so verblasen sein?

Die Berner Dampfzentrale bietet Experimentelles vor allem in den Bereichen Tanz und Musik. Vorbildlich zeigt die Institution auf ihrer Webseite mit Bildern und Texten, wie alle Menschen die Kulturstätte besuchen können. Die Dampfzentrale benützt für diesen Rundgang die so genannte Einfache Sprache. Diese hat keine komplizierten Satzstrukturen und verwendet nur die bekanntesten Fremdwörter.

Allerdings glücken dem Kulturhaus diese Texte nicht immer «Social Story» heisst die oben erwähnte bebilderte Tour. Ein englischer Titel? Hä nu. Die meisten verstehen ihn vermutlich schon. Problematischer ist, dass die Dampfzentrale auch die Informationen über einzelne Aufführungen als Einfache Sprache bezeichnet. Zum Beispiel so:

In «Chunky» untersucht Ernestyna Orlowska, inwieweit auf der Bühne fluide Beziehungen und Energien zwischen Mensch und seiner Umgebung stattfinden können. Performer*innen und Zuschauer*innen befinden sich in einer immersiven Installation.
Einfache Sprache sieht definitiv anders aus.

Moderner Tanz wie in der Dampfzentrale ist nun nicht gerade das, was ein konventionelles Corps de Ballett in der «Fledermaus» aufführt. Aber es lohnt sich auch für uns Aeltere, sich darauf einzulassen. Leider baut das Kulturzentrum unnötige Barrieren. Fast alle Aufführungen haben englische Titel, manche sind gar nicht basic. Klar, Veranstaltungen müssen nicht alle ansprechen. Aber wieso errichten die Veranstalter zusätzliche Hürden? Ins Anekdotische triften manche allzu abseitigen Anlässe: Feministische, antirassistische Tattoo-Sonntage stachen vor zwei Jahren heraus. Über kollektives, feministisches Hören konnten sich die Besuchenden Mitte September informieren.

Der Zürcher Bühnen-Löi schwurbelt

Das Schauspielhaus war mal eine der renommiertesten deutschsprachigen Bühnen. Heute ist das Theater vor allem durch Kontroversen berühmt. Die Themen: Wokeness, Diversität – und Publikumsschwund. Das Haus hat letztes Jahr rund einen Fünftel seiner Abonnenten verloren. Meine persönliche Sicht: Auf der Suche nach Inklusion im Hyper-Modus bestraft das Haus 80 Prozent seines Publikums.

Als Berner besuche ich die Zürcher Bühne nur selten. 2017 erlebte ich Brechts «Dreigroschenoper». Ich begriff nicht, wieso das Stück in einer psychiatrischen Anstalt spielt. 2021 sah ich Dürrenmatts «Besuch der alten Dame». Ich kapierte nicht, wieso das Ensemblestück zu einer Zweipersonen-Beziehungskiste umgewandelt wurde. 2022 reiste ich für «Willhelm Tell» inszeniert von Milo Rau nach Zürich. Ich erwartete zwar nicht die originale Zitatenkiste, aber ein bisschen Schiller hätte nicht geschadet.

Verblasen, aber auf hohem Niveau. Die leeren Zuschauerreihen sind kein Zufall.
Bild: fotor, pst

Das Schauspielhaus hat eine Agentin für Diversität (sie heisst wirklich so). Gemäss PR-Text soll Yuvviki Dioh für mehr Vielfalt sorgen. Allerdings geht es nicht um ein vielfältigeres Programm. Dioh will, Eigenaussage, «marginalisierte Positionen sichtbarer machen». Wie dies geschehen soll, zeigt unter anderem die neue ‹Reihe «enterspaces».

Diese soll unterschiedliche Formate für BIPoC und ihre Allies gestalten, die Begegnungen, Kunst-Rezeption, Austausch und Empowerment in Safer Spaces ermöglichen.

Ziemlich schwer verständlich. Unsere Lesehilfe: BIPoC sind Schwarze, Indigene und People of Colour. Allies sind Menschen, die sich für Diskriminierte einzusetzen. Safer Space sind Räume, in denen sich diese Diskriminierten sicher fühlen und keinen Beleidigungen oder Belästigungen ausgesetzt sind. In der Reihe «enterspaces» besuchen die Angesprochenen Vorträge, Workshops, aber auch öffentliche Schauspielhaus-Vorstellungen.

Schön, dass sich das Schauspielhaus um vermeintlich Benachteiligte kümmert. Vermutlich besuchen jedoch nur wenige hochehrenwerte Berufsleute wie Kebab-Köche und Reinigungsfachkräfte die «enterspaces»-Angebote. Viel eher sind dort gebildete Ausländer anzutreffen, «benachteiligte Eliten» also. Weiter: Ist es die Aufgabe von Theatern sich um Integration zu kümmern? Vermutlich ist der Erfolg gering. Und schliesslich: Ich bin beleidigt, wenn das Schauspielhaus glaubt, BIPoC & Co. vor dem Publikum, also vor mir, schützen zu müsssen.

Abschiedsschwurbel vom Bärner Kunstbär

Am Schluss zurück nach Bern. Dies, weil hier eine Institution die anekdotenreichsten Beispiele liefert: die Berner Kunsthalle. Das Haus zeigt Experimentelles, Installationen, Performances. Wer sich der Avantgarde widmet, darf ruhig das Publikum herausfordern. Aber wenn schon das Ausgestellte schwer verdaulich ist, sollten doch die Information dazu verständlich sein. Doch nichts da. Die oft menschenleere Kunsthalle informiert über den einzig zugänglichem Begleittext zur Ausstellung NTU* folgendermassen:

Diese Ausstellung versucht das, was wir als solo und kollektive Praxis betrachten, in Frage zu stellen oder zu erweitern, beides zusammenzubringen und die Überschneidungen der Einflussbereiche zu sehen, aus denen sowohl das Kollektiv als auch die Individuen, die es bilden, Gestalt annehmen…
So gehts auf der Internet-Seite weiter, über 14 000 Zeichen und 6 Fussnoten.

Zur Erinnerung: 1968 sorgte Christos erste Verpackungsaktion der Kunsthalle für weltweites Aufsehen. Weil alle, die dran vorbeigingen, drauskamen.

Meckert der Verfasser grundlos? Oder sind auch Sie der Meinung, dass manche Theater die Herde zu einer Tränke führt, die dieser nicht schmeckt? Unsere Kommentarspalte wartet auf Antworten.



*Ich habe nirgends eine Erklärung gefunden, was NTU bedeutet. Die Ausstellung in der Berner Kunsthalle hatte am 1. Oktober Finissage.

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4 Kommentare

  1. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, die Darstellung zeitlicher Einflüsse und Sehensweisen in der Kunst entspricht selten dem was wir als «normale Konsument*innen» uns vorstellen und erwarten, was genau der Punkt und der Antrieb vieler Kunstschaffenden ist, dies zu ändern. Ihr Ehrgeiz ist doch das Gängige, Vertraute, zu hinterfragen, in ein anderes Licht zu setzen. Ob wir als Konsument*innen in der Lage sind dies anzunehmen, ja überhaupt zu verstehen, liegt bei jeder*m einzelnen Betrachter*in selber.
    Wenn ich etwas zu bemängeln hätte, und dies trotz meiner Anerkennung der Leistungen, die ich sehr wohl wahrnehme, es ist mir alles zu kopflastig, Wir brauchen auch in der Kunstszene eine realistische Basis. Dort kann man die Menschen abholen und wenn’s gelingt, können von da an Brücken bis ins Nirwana gebaut werden.

    • Ja, ja. Ich denke schon, dass die Kunst uns Zugänge zu neuen Ufern eröffnen soll. Aber dann soll sie, die Kunst, das so tun, dass ich bisseguet auch drauskomme. Wenn sie bloss schwurbelt, oder dem Zeitgeist nachseckelt, ahne ich dass die Kunst selber nicht weiss, was sie sagen will. Oder, dass es bloss Insider-Gedöns ist, bestimmt für die Intendanten-Kollegin in, sagen wir, mal Bochum.

      Einer der Berner Stadttheater-Direktoren, ich weiss nicht mehr welcher, sie ändern ja ziemlich häufig, also einer dieser Intendanten hat mir gesagt, dass er das Publikum erziehen will. Das hat mich ziemlich muff gemacht. Denn, wenn ich wirklich erzogen werden will, kümmere ich mich selbst drum oder gehe allenfalls zur Domina.

    • So, zwei Glas Wein weiter. Schwurbeln ist einfach. Verständlich schreiben ist schwierig. Wenn die selbsternannten Erziehungsberechtigten es nicht schaffen, sich verständlich auszudrücken, sollen sie es bleiben lassen.

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