Leonie Böhms «Johanna»-Inszenierung nach Friedrich Schillers «Die Jungfrau von Orleans» am Schauspielhaus Zürich bietet wenig Schiller, aber viel kluge und amüsante Unterhaltung.
Hexe oder Heilige? Mit nur 17 Jahren bricht Johanna, die später als Johanna von Orleans in die Geschichtsbücher einging, auf, um eine verloren geglaubte Welt wieder ins Lot zu bringen. Ihre Reise endet auf dem Scheiterhaufen. Hundert Jahre später wird sie heiliggesprochen. Seitdem gilt sie als Ikone eines mutigen Idealismus, als heilbringende Heldin. In Schillers Tragödie «Die Jungfrau von Orleans» führt Johanna das französische Heer gegen England durch ihren festen Glauben und mit Gewalt schliesslich zum Sieg.
Regisseurin Leonie Böhm sieht in Johanna keine gottgeweihte Heldin, sondern einen suchenden Menschen zwischen Ohnmacht und Allmacht, eine multiple Persönlichkeit in einer ambivalenten Welt. Sie besetzt Johanna mit drei Schauspielerinnen: Josefine Israel, Maja Beckmann und Wiebke Mollenhauer. Fritzi Ernst sorgt als vierte Johanna für die wirkungsvolle musikalische Begleitung. Sie inszeniert eine anderthalbstündige Aufführung mit viel Witz, Poesie und auch mal Klamauk. Ihre Johanna mit göttlicher Mission bleibt schön menschlich. Dafür gabs am Zürcher Premierenabend im Pfauen starken Applaus. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg, wo das Stück bereits im Dezember 2022 uraufgeführt wurde.
Eine facettenreiche Persönlichkeit
„Wir sind Johanna!“, rufen die vier Frauen auf der Bühne. Sie tragen bunte Seidenkleidung, die entfernt an Harlekins-Kostüme erinnern, agieren in einer etwas abstrakten Waldlandschaft mit üppigem Wurzelgeflecht und Baumstrumpf (Bühnenbild: Zahava Rodrigo), demonstrieren auf höchst unterhaltsame Art die vielen Gesichter der berühmten Kämpferin, mal fröhlich, mal zornig, mal pessimistisch, mal zerrissen, mal übermütig, zeichnen lustvoll eine facettenreiche Persönlichkeit.
Vier Frauen verkörpern Johanna (v.l.): Wiebke Mollenhauer, Fritzi Ernst, Maja Beckmann, Josefine Israel.
Schillers Pathos wird gekonnt mit Komik hinterfragt. Und das tun die vier Johannas auf vielfältige Weise. Anfänglich gibt sich Josefine Israel als idealistische Beschützerin der Gemeinschaft (auch des Publikums) zu erkennen, bemüht sich aufdringlich um einen gemeinsamen Pulsschlag voller Liebe aller Beteiligten. Als Bedrohung durch feindliche Heere naht, mahnt Wiebke Mollenhauer zur Vorsicht und zum Widerstand. Maja Beckmann nutzt die Gelegenheit, um sich dem Frieden zuliebe als tapfere Heldin zu etablieren. Der Funke springt über, Wiebke Mollenhauer verwandelt sich in eine Kriegstreiberin, triumphiert mit einem verbalen Gewaltexzess, will den Feinden die Augen herausreissen und die Nase abreissen und sie in der Hölle schmoren lassen. Ein musikalischer Streitwagen unterstützt sie dabei.
«Wir haben uns dargestellt»
Der heilige Wutausbruch wird gestoppt, die vier Frauen zelebrieren flötenspielend wieder Eintracht und eine gewisse Mut- und Ratlosigkeit. Gegen Ende wird noch der Vater-Tochter-Konflikt thematisiert, indem Johannas Vater (Wiebke Mollenhauer) die Tochter (Maja Beckmann) von ihrem idealistischen Vorhaben abzubringen versucht. Am Schluss ziehen die vier Johannas nüchterne Bilanz: «Was wir vermochten, haben wir getan. Wir haben uns dargestellt».
Maja Beckmann beim Versuch, sich als tapfere Heldin zu etablieren.
Geboten wird insgesamt ein höchst sehenswerter Theaterabend, ein glanzvolles Spiel, das intelligent inszeniert um Wut und Güte kreist. Das ist vorab das Verdienst der vier Darstellerinnen, die in Höchstform die unterschiedlichen Seelen in Johannas Brust lustvoll und nuanceneich verkörpern. Es ist ein wahrer Genuss, diesem bunten Treiben, gepaart mit viel Selbstironie und geschickt verwoben mit Schillers Szenen-Splitter, beizuwohnen. Die Inszenierung liefert etliche mögliche Antworten, etwa, dass sich Idealismus und Charisma auch in aussichtslosen Situationen lohnen.
Titelbild: Wiebke Mollenhauer bei ihrem verbalen Gewaltausbruch. Fotos: Sinje Hasheider
Weitere Spieldaten: 23.10., 2., 3., 5., 7., 11., 15., 20., 22., 23. November
