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Eine polnische Konversion

Als traditioneller Katholik vertritt der 22-jährige Antek erzkonservative Werte, bis ihm mit der ersten Liebe Zweifel kommen, zunächst am Verbot des vorehelichen Sex und schliesslich an Gottes Existenz. Vier Jahre lang begleitete Hanna Nobis für ihren Film «Polish Prayers» den jungen Mann – was uns auch über die politisch-ideologische Situation in Polen informiert.

Bei ihrer Recherche über die rechtsextreme, nationalistische, katholische Alt-Right-Bewegung Polens stiess die Drehbuchautorin und Regisseurin für ihren ersten eigenen Film auf das Survival-Camp einer Bruderschaft, was zum Ausgangspunkt für den Dokumentarfilm «Polish Prayers wurde.

Eine Bruderschaftsorganisation

Hanna Nobis begann sich auf die Rechtsextremen im Land zu konzentrieren, suchte Kontakte und stiess auf den Blog einer Gruppe von Jungs, die einer Bruderschaftsorganisation angehören. Diese ist überzeugt, «in Zeiten der Männlichkeitskrise müssen wir uns versammeln, um Tapferkeit zu üben und unseren Glauben zu trainieren». Dafür verwenden die Mitglieder eine elegante, etwas altmodische Sprache, beten gemeinsam den Rosenkranz und verehren die Muttergottes Maria. Die Organisation stützt sich auf ein Fundament mit drei Säulen: Religion, Intellekt und Militär.

Die ersten Hindernisse waren schnell ausgeräumt, denn die jungen Männer waren zwar etwas schüchtern, wenn die Regisseurin mit ihnen sprach, liessen sich aber gerne filmen, wenn sie sich über Antipazifismus und Religion austauschten. Das Projekt konnte starten. Denn vieles von dieser Welt, über die sie ausführlich erzählen, ist der Öffentlichkeit, vor allem im Ausland, wenig bekannt. Sie leben glücklich und glauben an Dinge, die für sie selbstverständlich sind. Hanna Nobis aber kommt aus einer anderen Welt, ist ungläubig, hat eine andere Weltanschauung und erwartet von dieser Begegnung neue Ansichten über das «richtige» Leben der Jungen. (In Deutschland läuft der Film unter dem Titel «Das richtige Leben»).

POLISH PRAYERS by Hanka Nobis ©First Hand Films Antek scaledAntek im Camp der Brüderschaft

Antek im Zentrum

Bei Beginn des Films ist die Gruppe in einem Wald in der Ukraine angekommen. Dort taucht auch Antek auf, von dem die Regisseurin einiges gehört hat, was sie besonders interessiert. Deshalb haben Hanna Nobis und ihr Kameramann Miłosz Kasiura ihn besonders im Auge. Und auch Antek scheint Interesse zu habe, gehört und gesehen zu werden. So zeigt er sich bei einer Szene, in der er sich vor den Augen des ganzen Filmteams in einem See intensiv seine Hoden wäscht.

Ähnlich lässt er sich später bei Ballzeremonien und bei Anti-LGBT-Demonstrationen filmen, um ein umfassendes Bild ihres Lebens zu vermitteln. Doch gleichzeitig meint er, dass sie als Frau diese Männer nie verstehen könne und ihre Anwesenheit die Energie der Gruppe verändern würde. Das erklärt sich wohl mit der Feststellung, dass viele dieser Jungen ausser ihrer Mutter kaum Kontakt mit Frauen haben. Bei einigen sind die Meinung über das Leben gemacht, bei anderen herrscht eine diffuse Angst vor einer Feministin. Hanna argumentiert, dass sie es trotzdem versuchen wolle, gerade weil sie als Frau ihre Sicht der Dinge in den Film einbringen und die Ansichten der Männer erfahren möchte. Beide Seiten kennen jetzt ihre Absichten und Grenzen und sind für eine Zusammenarbeit bereit. Und das Projekt startet, das gelegentlich so persönlich wird, dass einige viel mehr erzählen, als von ihnen verlangt wird. Doch leise und unterschwellig beginnt Antek an seinen lautstark wiederholten Überzeugungen zu zweifeln: «Ist Gott überhaupt notwendig, um gut zu sein? Seine Freundin kann gut ohne ihn leben.»

POLISH PRAYERS by Hanka Nobis ©First Hand Films Antek with megaphone scaledAntek mit Freundin auf einer Demo für die katholische Kirche und für Polen

Konservative Politik, Anti-Abtreibungsrechte, LGBT-freie Zonen

Hanna Nobis lebt in Polen und kennt ihr Land. Hier herrschen zwei Welten, die sich kaum verstehen, und hier gibt es Medien der einen und Medien der anderen Seite. Wahrscheinlich verstehen nur wenige, was vertreten und was bekämpft wird. Das ist denn auch der Punkt, an dem Hanna ihren Film positionieren will, während auf den Strassen Slogans wie «Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?» skandiert wird. Doch es gibt nur selten eine Möglichkeit, bei der beide Seiten, die linke und die rechte, Einblicke am Beispiel ein und derselben Person gewähren wie hier bei Antek.

Nach dem Drehen stellen sich der Regisseurin neue Fragen. Da der Film klar politisch ist, wird er wohl heftige Auseinandersetzungen auslösen. (Am 15. Oktober 2023 wurde ein neues Parlament gewählt, in dem drei Oppositionsparteien unter Führung von Donald Tusk  künftig regieren dürften.) Das dürfte spannend werden. Sie hat auch Angst, dass die Rechte im Land den Film pauschal ablehnt. Ihre Absicht war es zwar nie, jemanden in die Ecke zu drängen. Für sie war es eine ehrliche Darstellung von zwei Überzeugungen. Sie hat sich bemüht, jeden Menschen mit Würde und ohne Vorwürfe darzustellen. Wenn das Publikum jetzt jemanden verurteilt, ist das seine Sache. «Ich glaube nicht, dass mein Film die politischen Ansichten von Zuschauenden wirklich ändern kann. Ich sehe ihn eher wie eine Flüssigkeit, die durch die Ritze eines Steins fliesst und ihnen vielleicht ein paar Impulse geben kann. Von da an können wir uns auf privater Ebene damit auseinanderersetzen.»

POLISH PRAYERS by Hanka Nobis ©First Hand Films Antek in ice lake scaledAntek im Reinigungsbad vor Publikum und Crew

Die Regisseurin und die Protagonisten

«Ich glaube, wir sind Freunde geworden und sind es noch immer. Bei seiner Geburtstagsfeier hat Antek mir sogar ein Lied gewidmet, obwohl seine Freundin danebenstand.» Jetzt stehen sie in einer engen persönlichen Beziehung, weshalb die Dreharbeiten über sie auch beendet wurden. Die Regisseurin weiss nicht, ob die Beziehung Antek glücklich macht. «Doch er war der Protagonist meines ersten Dokumentarfilms, und dafür werde ich ihm immer dankbar sein; das Vertrauen, das wir aufgebaut haben, war gross. Er hat mir Zugang zu seinem Leben gewährt. Selbstverständlich sind wir weiter im Kontakt, er kommt auch zur Weltpremiere nach Amsterdam.»

Antek hat gelernt, was es bedeutet, ein Mann zu sein und gleichzeitig in der Beziehung zu einer Frau zu leben. Das wünscht ihm auch Hanna für die Zukunft. Doch noch eine Zeit lebt er praktisch in zwei Welten: Tagsüber betet er auf dem Breslauer Marktplatz mit Megafon und Kamera den Rosenkranz, um «die Christen vor der Verfolgung und Europa vor der Islamisierung zu retten»; nachts betrinkt er sich auf Techno-Partys mit jungen Frauen, diskutiert, kifft. Das bringt, Schritt um Schritt, seine moralische und religiöse Überzeugung weiter ins Wanken, während draussen für «Glaube, Tradition, Ordnung und ein gross katholisches Polen» demonstriert wird.

POLISH PRAYERS by Hanka Nobis ©First Hand Films Antek with mother at the beach scaledAntek mit seiner Mutter

Bleibende Beziehungen und befürchtete Reaktionen

Hanna hat zu Anteks Mutter, seinem Vater und seiner Schwester eine intensive, wenn auch je verschiedene Beziehung. Die Mutter ist eine harte Arbeiterin und in drei Berufen tätig. Sie hat sich von ihrem Mann, Anteks Vater, getrennt und wurde von Antek dafür verurteilt. Mehrere Jahre lang hat er sie nicht verstanden, obwohl sein Vater nichts arbeitete und sie das Geld für die Familie verdiente. Sie ist dem Leben gegenüber, auch jenem von Antek, offen und dürfte wohl auch ihn in Zukunft unterstützen. Für sie hat die Regisseurin heute besonders starke Gefühle. Sein Vater ist kein Fan des Films, denn mitzuerleben, wie sein Sohn den Glauben an die Religion und Gott verliert, hat ihn schwer getroffen, konnte er nicht nachvollziehen. Es scheint, er hatte nicht die Fähigkeit, es zu akzeptieren, so wie er auch nicht versteht, dass seine Frau ihn verlassen hat. «Ich hoffe», so meint Hanna Nobis, «dass er eines Tages einen Weg zum Verstehen findet, denn er ist immerhin Anteks Vater.»

Regie: Hanka Nobis, Produktion: 2022, Länge: 84 min, Verleih: First Hand Films

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